Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1884)
- Date
- 1884-11-25
- Page
- Seite 766 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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766 wissenschaftlichen Interessen in ihren Kreisen wenn nicht Viele, doch Manche gewinnen könnten. Exemplare des Aufj rufs werde ich zu diesem Zwecke gern überall hin, wo sie I verlangt werden sollten, gelangen lassen. Ur. Berliner.! Berlin, 12. November. (Privatmitth.) Es hat hier' allgemeines Aussehen erregt, daß die eben zusammengetretene Brandenburgische Provinzial-Synode den Hosprediger Stöcker zu ihrem Vicepräsidenten gewählt hat. Selbstverständlich hat sich sonst Niemand um die Wahl einer Provinzial- Synode zu kümmern. Aber diese Wahl in diesem :nugenblicke hat offenbar einen politischen Charakter und gehört somit der Allgemeinheit an. Die Synode hat sich durch diese Wahl mit der ganzen Stöcker schen Richtung für einverstanden erklärt und beabsichtigte, die Wahl Stöckers in der bevorstehenden Stichwahl zu empfehlen. In einer Wahlversammlung des zweiten Berliner Wahlkreises stand Prof. Virchow nicht an, sich hierüber auszusprechen und überhaupt die gegenwärtige Art des Wahlkampfes zu charakterisiren. Wir führen seine Worte an, weil sich aus denselben abermals ergiebt, wre aus einer unmoralischen Tendenz, wenn sie Verbrertung findet, eine immer stärkere sittliche Verwilderung entspringt. Er sagt u. A. „Wir sind setzt in unserem öffentlichen Leben so weit heruntergekommen, daß man sich davon entwöhnt hat, den^Wahlkamps ehrlich, mit offenem Vrsir und bestimmtem Programm zu führen, während wir den Kamps stets ehrlich geführt haben. Mit unehrlichen Waffen und unwahren Behauptungen wird gekämpft, die Verleumdung wird großgezogen, die Sprache der Redner hat sich verschlechtert, dre Sprache der Gasse ist in die Versammlung getragen, die Sitten der schlimmsten Zeilen hat man ausleben lassen, man führt die Lüge ern, wo dre Wahrheit herrschen sollte, man rust Gott selbst an in diesen Kämpfen der Unwahrheit und größten per>önlichen Gehässigkeit und den Gott der Liebe benutzt man dazu, um die größesien Rassen- und Klassenkantpse zu tnseeiitren. ^Levh. Beifall.) An diese Verhältnisse sollte maii erinnern, gerade an einem Sonntage und in einem Augenblick der Ueberraschung, daß sich die brandenburgische Provinzial-Synode nicht genirr hat, Herrn Stöcker zu ihrem söicqjraiiöemen zu wählen. Ties sollte wohl eine Verstärkung der politischen Situation des Herrn Stöcker in diesem Wahlkreise fern und die Wähler werden sich entscheiden müssen, ob auch sie anerkennen wollen, daß er der Mann des Friedens, der Wahrheit, des ehrlichen Herzens und der politischen Einsicht ist." (Heiterkeit.) Ferner: „Wählen Sie meinetwegen Stöcker — ich kann es nicht hindern, wie ich es nicht hindern konnte, daß die Prooinzialsynode Herrn Stöcker zum Vicepräsidenten erwählt hat, wenn ich auch sagen muß, baß nach meinem Gefühl für die protestantische Kirche etwas besonders Ehrenvolles damit nicht erreicht ist." — Es war vorauszusetzen, daß der Reichstagsabgeordnete Singer die Anschuldigungen 'und Beschimpfungen, welche Stöcker gegen ihn richtete, nicht unbeantwortet lassen werde. Wir unsererseits, so sehr wir dergleichen Streitigkeiten abgeneigt sind, können es doch nur gern sehen, wenn die Arbeiterpartei sich immer entschiedener gegen Stöcker und seinen Anhang wendet und so von dem neutralen Boden hinweggedrängt wird, den sie bis jetzt in dem antisemitischen Äamp>e eingenommen hat. In einer sehr stürmischen, zuletzt polizeilich ausgelösten, von allen Parteien stark besuchten Wähleroersauimlung des zweiten Wahlkreises sprach am lü. Srnger über das Verhalten der Arbeiterpartei zu den bevorstehenden Stichwahlen. In einer längeren Rede bemerkte Srnger u. A.: „Was die conservative Partei betrifft, so muß ich zunächst bekennen, ich habe inniges Mitleid mit derselben. Wenn diese Partei keine besseren Vertreter hat, als Stöcker, Brecher und Cremer (Stürmischer Beifall) dann sollte sie lieber überhaupt aus eine Candidatur hier verzichten." (Beifall.) Ferner: „Ich kann dem Herrn Hosprediger nur versichern, es war nicht die von ihren Führern irregeleitete Masse, welche am 28. Oktober mir 2ö 086 Stimmen gab, sondern es war das Verdikt des zum Wahrspruch zusammengerufenen Volkes, welches Verwahrung einlegen wollte gegen die culturmörderifchen und hetzerischen Bestrebungen deS Herrn Hofprediger. (Stürmischer Beifall.) Warum will er hier nichts von der Volksstimme wissen? Erkennt er nicht Gottes mahnenden Finger der Vorsehung, der ihm zurust, abzulassen von seinem verderblichen Treiben. (Lebhafter Beifall und gleicher Widerspruch.) Es wäre Zeit für ihn, in sich zu gehen und Achtung zu bekommen vor der Stimme des Volkes. (Beifall.) Wir kennen in der Politik keine Religion, sondern nur die Erkenntniß dahin zu streben, Gutes für uns zu vollbringen. Ich habe die feste Zuversicht, die Arbeiter werden wissen, wer der Heuchler, wer der Verleumder, wer der Betrüger ist. (Stürmischer Beifall. Langandauernde Unterbrechungen, während deren unter Tumult von einem Ende des Saales Sladlv. Pickenbach nach der Mitte gedrängt wird, worauf derselbe sich auf die Empore begiebt.) Herr Stöcker har auch einen Gegensatz zwischen den Führern der Arbeiterpartei aus dem Breslauer Flugblatte herausbeweisen wollen. Ich will Ihnen mittheilen, was Hasenclever an mich schreibt: „Es ist unbedingt erforderlich und im Interesse der Partei, daß Stöcker in Berlin nicht gewählt wird; auch ich stehe aus dem Standpunkte stricter Wahlenthaltung, stehe jedoch auch nicht an, zu erklären, daß diejenigen Wähler der Arbeiterpartei, welche dennoch von dem Wahlrecht Gebrauch machen wollen, gegen Stöcker stimmen sollen. Es würde ein unauslöschlicher Flecken aus dem Ehrenschilde der Arbeiter sein, wenn Stöcker gewählt würde. Tas fei Eure Parole am 13. November: „Gegen Stöcker!" — Nun, der 13. d. wird