Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1884)
- Date
- 1884-11-25
- Page
- Seite 763 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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768 Renan. Auch wie sich Dutt die Geschichte Israels und der Zeit, in welcher das Christenthum entstand, zurecht legt, wollen wir hier noch übergehen. Diese Geschichte Israels wird von jedem Autor nach seinem Zweck anders zusammengeknetet, und wir würden niemals zur Ruhe kommen, wollten wir jede dieser hypothetischen Behandlungen besprechen und widerlegen. Daß das jüdische Volk die neue Lehre, welche wie Dutt zeigt, von Männern gestaltet und aufgestellt wurde, welche Jesus während seines Lebens gar nicht gekannt hatten, nicht annehmen konnte, zeigt er (S. 132) mit wenigen Strichen. „Der Mofaismus" , sagt er, „konnte überhaupt kein zweites Evangelium annehmen und brauchen — das Volk hatte jenes vom Sinai spät, aber nun von Herzen angenommen und wachte über jedem Buchstaben, als gelte er das Seelenheil — und noch weniger konnte er einen zweiten Gott brauchen. Wie scharf hatte doch Jehovah es verfehmt, irgend ein Geschaffenes an seine Stelle zu fetzen, als ob es Ihm gleichen könnte! Mit welchem Abscheu wurden nun auch zu Jesu Zeit die römischen Kaiserbilder, die Gottmenschen zurückgestoßen vom Tempel, vom Altar:" Gleiches müssen wir aber von allen kirchlichen Dogmen sagen, da sie dem Wesen des Judenthums widersprechen. Selbst die „Sündlofigkeit" des Stifters kann es nicht zugeben, da es biblische Ansicht ist, daß „kein Mensch lebt, der nicht sündigt" (1 Kön. 8, 46.), und Eliphas im Buche Hiob ausruft: „Ist vor Gott ein Mensch gerecht, vor seinem Schöpfer rein ein Mann? Siehe, seinen Dienern traut er nicht, findet Jrrthum in seinen Engeln, geschweige in denen, die Hütten von Lehm bewohnen (den Körper)" (4, 17. 18.). Der Verfasser bezeichnet deshalb als „das wahre Berhältniß", daß „das Judenthum das Christenthum nicht braucht und von ihm nichts wissen will, während das Christenthm das Judenthum braucht und ohne dasselbe nicht bestehen kann." Kommen wir zu einem greifbaren Gegenstände, um unseren Lesern die Anschauungs- und Darsiellungsweise des Verfassers zu zeigen. Wählen wir hierzu die Bergpredigt. Er sagt über diese: „Die gewöhnliche Auffassung von der Bergpredigt als einer Offenbarung reinster Herrlichkeit, die nach Renan „das vollendete Gesetz vollkommener Lebensführung" ist, nach Keim „von Seligkeit träufelt", ist sehr fromm, aber mehr noch ungeschickt und ungerechtfertigt. Alles vielmehr in dieser Offenbarung ist ekstatisch, grenzenlos, wie ein Strom ohne Ufer; und was die Tendenz betrifft, so ist sie im Wesentlichen statt einer frommen, salbungsvollen Belehrung, eine Kriegserklärung an die Zeit und die Gesellschaft." Nachdem er nun den Inhalt der Bergpredigt erläutert hat, fügt er hinzu: „Wahrlich, dieser Gedankengang, der uns heute so vertraut ist, so natürlich scheint, der war nicht die Predigt, wie die Kirchlichen, die Gesetzesfrommen in den Synagogen sie zu hören bekamen! Und der ist auch nicht in der Art der Predigt, wie heute wieder die Kirchlichen von den angeblichen, allerdings wohlversorgten Nachfolgern des armen Jesus als Erbauung sie hören! — deren wie Glockenspiel gestimmte Worte seinem Geiste so fern und so fremde find, wie die mit Titel und Würden gespickten Personen der Pfründner fern sind und von jenem heimathlos wandernden „Ebion" der Dörfer, Sttaßen und Märkte! Noch in der unlebendig aus Bruchstücken späten Gedächtnisses gefügten Wiedergabe schäumt es von Ueberschwenglichkeit, von Ungestüm, von Selbstmacht, von Kühnheit und von — Jnconsequenzen! Da sind Gebote und Forderungen, die trotz der Versicherung das Gesetz zu erfüllen, Titel und Inhalt des Gesetzes ändern, oder die, um erfüllt zu werden, eine leidenschaftliche Anspannung des inneren Menschen, ja einen ganz neuen und überhaupt nicht möglichen, Menschen verlangen: die daher oft unverständlich und gewaltsam wie die Donner eines Gewitters in die vom Alltagswetter des Herkommens eingeschläferten Seelen einschlagen mußten." — Was hier der Verfasser über die Bergpredigt sagt, stimmt mit unseren Ansichten überein. Wir verweisen auf unsere Abhandlung „Die zehn Worte und die Bergpredigt" im zweiten Bande unserer „Weltbewegende Fragen" (Leipzig, Baumgartner 1869) S. 226 ff. Wir stellten hier eine objektive Vergleichung an, in welcher wir jeden einzelnen Satz auf seinen sittlichen Gehalt, auf feinen allgemeinen grundsätzlichen moralischen Werth prüften. Diese Vergleichung konnte um so mehr statthaben, als die Bergpredigt in der für sie gewählten Szenerie eine Nachahmung der Verkündigung vom Sinai darstellt und in vielen Punkten unmittelbar an die Zehn Worte anlehnt. Ueber die Tendenz der Bergpredigt sagten wir (S. 231): „Wer nur einen Blick in die Mischnah geworfen, weiß, daß die vorherrschende Richtung bei den traditionellen Weisen und Lehrern war, das Gesetz, wie man sich ausdrückte, mit einem Zaun zu umgeben, um es bei dem Volke vor Verletzung zu sichern, d. h. man erweiterte das Gesetz, man gab Ge- und Verbote, welche das Gesetz nicht vorgeschrieben, die aber dazu dienten, es bis zur Verletzung des eigentlichen Gesetzes nicht kommen zu lassen. Wenn es z. B. verboten war, am Sabbath Licht zu zünden und auszulöschen, so verbot man, das Licht nur anzufassen, weil, wer dieses hält, nicht zu ersterem kommen wird. Andererseits stand man auch nicht an, den Grundsatz aufzustellen, daß, wo es gelte, den Bestand des ganzen Gesetzes zu sichern, ein einzelnes Gesetz durch Synodalbeschluß zeitweise aufgehoben oder beschränkt werden könne, und geschah dies auch, z. B. durch den Prusbul. Was nun die damaligen Schulen hinsichtlich der Halachah thaten, diese Richtung, durch Auslegung das Gesetz zu erweitern und im Nothfall zu beschränken, scheint der Verfasser der Bergpredigt auf das ethische Gebiet übertragen gewollt zu haben. Wenn dieser daher die Unabänderlichkeit des Ge-