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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-25 · Heft 48 (25.11.1884) · p. Seite 762

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 48 (25.11.1884)
Date
1884-11-25
Page
Seite 762 (sequence 6)
Language
German
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76J liche Motive, persönliche Leidenschaften unterzuschieben. Die Zeit geht hierüber hinweg und reift die Frucht, die unter wechselndem Sonnenschein und Sturm herangewachsen ist. Seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten hat der Kampf gegen die bestehende Kirchenlehre weite Verbreitung gefunden, und spielt sich theils auf dem literarischen, theils auf dem politischen Gebiete ab. Da traten vor etwa vier Jahren die Antisemiten mit der Behauptung auf, daß die Juden die eigentlichen und unermüdlichen Feinde des Christenthums seien, daß sie das Christenthum untergrüben und dem Volke den christlichen Sinn entzögen. Es ist dies eine so groteske Lüge, daß deren Verbreitung abermals ein Zeugniß giebt, welche Unwissenheit, welche Unkenntniß der offenbarsten Thatsachen im großen Publicum, auch der sogenannten gebildeten Welt, obwaltet. Von Voltaire und den Encyclopädisten bis auf Eduard von Hartmann, Albert Dulk u. A. brachte jedes Jahr antikirchliche Schriften auf den Markt, von welchen keine einzige aus jüdischer Feder erfloß. Einige anonyme und pseudonyme, meist völlig unbedeutende Schriftchen und einige Zeitungsartikel unberufener jüdischer Literaten ausgenommen, die in dem großen geistigen Strome nicht den geringsten Strudel hervorgebracht, haben die Juden in jenem ganzen Proceffe nur eine neutrale und passive Stellung beobachtet. Als z. B. Lesfing des Spinozismus geziehen wurde, griff Mendelssohn mit der letzten Kraft seines Lebens zur Feder, um seinen verklärten Freund zu vertheidigen. Aber an deffen bitterem und heftigem Kampfe gegen die christliche Orthodoxie und um die „Wolffenbüttler Fragmente" hatte Mendelssohn keinen Theil genommen, ja war unzuftieden damit gewesen. Dieses Verhalten der Juden ist sehr erklärich. Sie hatten einerseits zu viel zu thun, die beständigen Angriffe abzuwehren, um noch Lust zu verspüren, zum Angriff überzugehen. Andererseits wußten sie wohl, daß auch die ernsteste und besonnenste Untersuchung christcher Fragen und Gegenstände als ein Act der Feindseligkeit und des Haffes ausgenommen und zum großen Nachtheile aller Juden verwendet werden würde. Gerade deshalb und weil die Bekenner des Judenthums zu dem Bewußtsein gekommen, daß auch sie an den welthistorischen Evolutionen unmittelbar betheiligt sind, müffen wir auf die Vorgänge außerhalb unseres speciellen Kreises den Blick gerichtet halten. Uebrigens enthält das vorliegende Buch auch Vieles, was uns berührt und wovon in diesen Blättern schon mehrfach die Rede war. Nach den auf die christliche Kirche gerichteten Angriffen durch die Encyclopädisten nach den Versuchen des Rationalismus, alle Wunder, die im „Neuen Testament" erzählt werden, auf Vernunft- und naturgemäße Weise zu erklären, erstand die biblische Kritik, welche hinsichtlich der Schriften des Neuen Testamentes den historisch en Werth derselben in Frage stellte und vielfach leugnete. Der Kern des ChristenthumS ist das Leben Jesu, wie es in den Evangelien erzählt wird, da sich alle christlichen Dogmen auf das Leben und die Reden Jesu stützen: mit der Durchlöcherung des historischen Bodens mußte folgerichtig diese Lebensbeschreibungen, die noch dazu so viele Verschiedenheiten und Wiedersprüche enthalten, sehr fraglich werden. Das nächste Resultat dieser wiffenschaftlichen Untersuchungen war, daß protestantische Theologen die Gottheit Jesu leugneten. Hier angelangt, trat nun seit einem halben Jahrhundert eine ganze Reihe von Autoren auf, welche die moralische Vollkommenheit, „unerreicht und unerreichbar", die „Sündlosigkeit" Jesu gegen jeden Angriff zu wahren suchten. Hiergegen wiederum wendet sich die vorliegende Schrift. Sie will, wie es im Vorwort heißt, „das pragmatische Bild des historischen Jesu von Nazareth ersoffen", „das wirkliche Christusbild der Evangelien in der vorurtheilslos aus ihm selbst sich ergebenden menschlichen Unvollkommenheit und eigenartig geistigen Idealität zeigen". „Freilich, fährt er fort, ergiebt sich hierbei, daß wahre Menschlichkeit in ihm nicht zum Ausdruck gekommen und daß die vermeintliche Vollkommenheit seiner Moral ein völlig unhaltbarer Schein ist." In der That ist es ein unerquickliches Schauspiel, wenn der Verfaffer in dem betreffenden Kapitel aus dem „Leben Jesu" von Strauß, Schenkel, Hase, Keim, Renan, die Widersprüche einander gegenüber stellt, in welche diese Autoren mit sich selbst gerathen, wenn sie einerseits die Mängel aufführen, die aus den Berichten der Evangelisten herauszulesen sind, und dennoch die moralische Vollkommenheit und die Sündlosigkeit dem Stifter der christlichen Religion mit schwunghaften Worten zuschreiben. In diesen Widerspruch will Dulk nicht gerathen und vielmehr das Gegentheil Nachweisen. Er protestirt zugleich dagegen, daß man ihm „Vorurtheil und Haß" insinuiren werde, da er vielmehr seinen Gegenstand mit wärmster Liebe umfaffe. Und dies bewährt sich auch in dem Buche, indem es das Leben Jesu aus der ihm eigenen „Extase und der daraus entspringenden Uebertreibung und Leidenschaftlichkeit" , aber vereint mit dem edelsten Wollen, erklärt. Ja, wir können nicht einmae Dulk eine objektive Beachtung der Kritik zuerkennen; er sieht in den Evangelien überlieferte Biographien mit historischem Juhalt und deducirt aus diesem Gesichtspunkte die Beweisführung für seine Anschauung. Was die religionsphilosophische Ansicht Dulk's betrifft, so kommen wir darauf zurück. Man weiß ja, daß die scharfsinnigsten Kritiker, wenn sie daran gehen, an Stelle deffen, was bisher gegolten, ein neues Positives aufzustellen, Fiasco machen. So erging es David Strauß mit seiner Anbetung des wahrnehmbaren Universums*), so Eduard von Hartmanu, so 1) „Der alte und der neue Glaube." S. unsre Schrift: „Gegc., David Friedrich Strauß." Berlin, 1873. Louis Gerschel.

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