Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1884)
- Date
- 1884-11-25
- Page
- Seite 759 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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759 zu sein scheint. Diesen Mann wählen und empfehlen zu' können, erfordert nach unserer Ansicht eine vollständige Ver- | leugnung der liberalen Vergangenheit. Wir glauben nicht zu j irren, daß dieselbe Ansicht in der nationalliberalen Partei die allgemein maßgebende ist; und wir wissen bestimmt, daß Herr von Bennigsen in der unzweideutigsten Form sein Bedauern j über das Vorgehen der bisherigen nationalliberalen Genossen! in Siegen ausgesprochen hat. Zur Rückgängigmachung des Siegener Beschlusses von Seiten der Centralleitung in Berlin aus war, wie wir hören, die Zeit zu kurz bemessen. Der ohne Wissen und Befragen der Centralleitung ausgegebene Aufruf für Stöcker erschien am 4., die Stichwahl erfolgte bereits am 8. November." Daß, nachdem die Sache geschehen, Herr von Bennigsen sein Bedauern darüber ausgesprochen, läßt uns ziemlich kühl; Herr von Bennigsen, der pflichteifrige Parlamentarier, der jedoch, als die „Judendebatte" vor sich ging, vom Parlamente fern blieb, weil er einer Jagd beiwohnte. Die vorgebrachte Entschuldigung für den Centralausschuß ist nicht stichhaltig; denn selbst vom vierten bis zum achten hat man in unserer Zeit genügende Mittel in Händen, um dem Verlaufe eine andere Wendung zu geben; und dann war es ja längst vorher von allen Dächern erzählt worden, für wen die Siegener Nationaüiberalen stimmen wollten. Hat doch dieselbe Parteileitung in Berlin selbst kein Wort an ihre Berliner Parteigenossen gefunden, nicht für Stöcker zu stimmen! Gegen solche Thatsachen helfen keine Masken! Ein anderes nationalliberales Blatt, die „Berliner National-Zeitung" beruft sich auf die obige Erklärung und nimmt Gelegenheit, ihre Meinung über Stöcker — freilich erst in der letzten Stunde — am Tage vor der Stichwahl zu sagen: „Ein weit über die Bedeutung einer einzelnen Stimme im Reichstag hinausgehendes Jntereffe nimmt die Stichwahl im zweiten Berliner Wahlkreise in Anspruch, wo zwischen Virchow und Herrn Hofprediger Stöcker zu entscheiden ist. Nicht so sehr eine politische, als eine Frage der öffentlichen Sittlichkeit ist, nach Allem, was in Berlin in den letzten Jahren geschehen, damit an die Wähler des zweiten Wahlkreises gerichtet. Die politischen Ziele der Partei, zu welcher Herr Stöcker sich bekennt, treten für die Beurtheilung dieser Stichwahl völlig zurück im Hinblick auf die Mittel, welche theils von, theils für Herrn Stöcker in Anwendung gebracht worden. Sein Name ist das Symbol der giftigsten Hetzerei zum Klaffen-, zum Religions-, zum Racenhaß, einer Hetzerei, die so sehr jedes positiven durch die Faktoren des Staates erreichbaren Zweckes entbehrt, daß sie lediglich darauf hinaus kommt, zu kränken und in dieser Kränkung Anderer Befriedigung und Vergnügen zu finden. Wie bei diesem Treiben Lug und Trug unausgesetzt angewendet wird, das ist seit Jahren das Thema unzählicher Kontroversen, aus denen Herr Stöcker noch niemals als Sieger hervorgegangen ist. Während der nun zu Ende gehenden Wahlagitation ist diesem Gebühren vollends die Krone aufgesetzt worden. Herr Stöcker hat zuletzt noch Tausende aufgeregter Menscben in den zweideutigen Worten, mit denen Demagogen sich ein Hinterpförtchen offen zu halten suchen, zum Eindringen in eine gegnerische Versammlung angereizt; er hat für die Stichwahl die Sozialdemokratie schmeichlerisch umworben, um. sowie er die Aussichtslosigkeit dieses Versuches erkannte, zur Schmähung ihrer Führer überzugehen — und Alles das mit der Salbung des Mannes Gottes! Mehr als die politische Gegnerschaft muß der menschliche Widerwille morgen die Wähler des zweiten Wahlkreises zur Urne treiben, um diesen vor der Gefahr, von Herrn Stöcker vertreten zu werden, zu schützen. Wir richten die dringende Aufforderung hierzu auch an alle die Liberalen, welche gleich uns, mit dem Politiker Virchow häufig nicht einverstanden sind." Und nun zum Schluffe fügen wir noch eine Stelle aus einem allerdings fortschrittlichen Blatte, der „Voff. Ztg." vom 12. November hinzu, eine Stelle, in welcher das Culturhistorische Moment nachdrücklich betont ist, so daß sie zur Beurtheilung der Situation und des Führers des deutschen Antisemitismus bewahrt zu werden verdient. „Berlin hat morgen zu kämpfen für die Ehre seines Namens und seines Rufes. Wenn dies Wort auch für alle drei Wahlkreise gilt, in denen die freisinnige Partei den Kampf in den Stichwahlen aufnimmt, und wir erwarten, daß jeder Wähler morgen im Bewußtsein deffen, was auf dem Spiele steht, seine Schuldigkeit thun wird, so gilt dies doch in erster Linie für den zweiten Wahlkreis. Nicht steht hier der freisinnigen Partei ein Candidat der conservativen Partei gegenüber, sondern ein Mann der Rcaction in ihrer krassesten, verwildertsten und gewaltthätigsten Form. Auf der einen Seite ein Mann, der mit einer Verfolgungssucht und einem Haß ohne Grenzen Bürger gegen Bürger. Partei gegen Partei aufhetzt; auf der anderen Seite ein Mann, der zwar nicht gewöhnt ist, den Gott der Liebe im Munde zu führen, aber durch seine Werkthätigkeit hundert- und tausendfach bewiesen hat, daß er, ein wahrer Priester der Nächstenliebe, ein Herz für die Noth und die Leiden seiner Mitmenschen hat, und nicht selten unter Gefahr für sein eigenes Leben. Hier ein Mann, dessen einziges Verdienst seine an die Leidenschaften der Menge appellirende und vor keiner Schmähung. Beschimpfung und Verlästerung seiner Gegner zurückschreckende Suada ist, dort ein Mann, eine Leuchte der Wissenschaft, ein Stolz des deutschen Namens, anerkannt von allen Culturvölkern der Erde und selbst von seinen Gegnern." Sie schließt: „Nicht bloß aus Deutschland, sondern aus der ganzen civilisirten Welt sind morgen die Blicke auf den zweiten Berliner Wahlkreis gerichtet. Nicht bloß gilt es da- 48*