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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-25 · Heft 48 (25.11.1884) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 48 (25.11.1884)
Date
1884-11-25
Page
Seite 758 (sequence 2)
Language
German
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758 Baumeister Hartwig finden, so sieht der deutsche Reichstag nur zwei entschiedene Antisemiten in seiner Mitte. Anders freilich verhält es sich mit dem geheimen Antisemitismus. Wir hatten die Befriedigung, daß mehrere der angesehensten Mitglieder der conservativen Partei in ihren Wahlreden den Äntisemitus verurtheilten und geradezu aussprachen, daß sie einer Beschränkung der Gleichberechtigung der Juden niemals ihre Zustimmung geben würden. Demungeachtet hat die conservative Partei auch in den Provinzen mancherlei antisemitische Kundgebungen manifestirt. Aus Niederschlesien, das nur freisinnige Abgeordnete gewählt hat, schreibt man der „Lib. Corr.": In den niederschlesischen Wahlkreisen, in denen die Conservativen in Stichwahlen mit den Deutschsieisinnigen gekommen sind, haben sie daffelbe Manöver angewendet, die deutsch-freisinnigen Candidaten als Juden zu bezeichnen. Einen fortgejagten Juden hat man im Löwenberger Kreise den Abgeordneten Halberstadt genannt. Im Kreise Jauer den Wählern vorgeredet, Tirichet sei ein bekannter jüdischer Sozialdemokrat und in Sagan- Sprottau Braun als den Protege der Juden hingestellt. Das ist ein für die Partei charakteristisches Verfahren, das am deutlichsten beweist, daß der Antisemitismus, den ihre adeligen Führer mit Emphase zu verleugnen pflegen, doch das Lebenselement der Conservativen geworden ist. Wäre das nicht der Fall, so würde die Partei nicht als ultima ratio die Bezeichnung der Gegner!als Juden und Judengenosien wenden. Antisemitismus in Deutschland an Terrain nicht gewonnen sondern verloren hat und daß er auf die öffentlichen Angelegenheiten keinen Einfluß übt. NationaUiberalismss «ud Zudenlhum. 11. Wir hatten kaum unseren ersten Artikel für Nr. 47 beendet, als eine Thatsache eintrat, welche einer zweideutigen Auslegung nicht fähig ist. In Siegen, einem aus Nassau- Hessischen und Westfälischen Bezirken zusammengesetzten Wahlkreise, war durch die Aufstellung eines nationalliberalen, deutsch freisinnigen und conservativen Candidaten, letzterer in der Person Stöcker'», im ersten Wahlgang der nationalliberale in der Minderheit geblieben und die beiden anderen zur Stichwahl gelangt. Sofort befchloffen die nationalliberalen Wähler, insonders auf einen Aufruf des durchgefallenen Candidaten, für Stöcker nnd gegen den deutschfreisinnigen einzutreten. Man hätte sich nun nicht gewundert, wenn die Nationalliberalen für einen conservativen Candidaten gestimmt hätten, da ja die Annäherung oder Verbindung dieser beiden Parteien genugsam gepredigt worden. Aber daß dieser Candidat Stöcker war, der eine so bestimmte Ausnahmestellung einnimmt, gab der Sache eine andere Bedeutung. Nun ging andie Mittheilung über die Absichten der Siegener National- Daß das Hep-hep der Conservativen auch bei den liberalen seit 14 Tagen durch alle Blätter. Bon Seiten der ländlichen Wählern Niederschlesiens keinen Einklang gefunden, Centralleitung der Nationalliberalen und deren Führer gehst, ist eine erfreuliche Thatsache, auf die wir besonders hinschah nichts, um die Siegener von ihrem Plane abzubringen, weisen. Das Aufmarschirenlassen des ewigen Juden bei den > Am 8. d. in der Stichwahl erlangte denn auch Stöcker eine Wahlen hätte etwas Hochkomisches, wenn cs nicht aus einer Stimmzahl, die diejenige, welche er im ersten Wahlgange erschmachvollen Gesinnung hervorgegangen wäre; die Wirkung langt hatte, um das Doppelte überstieg. Dieses Faktum, davon ist eine ganz andere, als die Veranstalter vorausgesetzt ' welches soviel wie den Uebertritt der Nationalliberalen zum haben. Die Wähler zucken die Achseln _ über die Geistesconservativen Antisemitismus bedeutet, erregte das größte armuth der conservativen Partei und finden das Verfahren Aufsehen. Hinterdrein sucht man nun von nationalliberaler lächerlich." Seite die Hände in Unschuld zu waschen. Der „Hannoversche Ist diese Correspondenz auch vom Parteistandpunkte Courier", das offizielle Organ des Herrn von Bennigsen, etwas stark aufgetragen, so bleiben die Thatsache» doch stehen, brachte folgende Erklärung: Inwieweit die Nationalliberalen durch ihren Anschluß an die „Die Stichwahl in Siegen hat natürlich Herrn Stöcker Conservativen auch antisemitische Neigungen angenommen als Sieger hervorgehen laffen, nachdem eine Anzahl von bishaben, läßt sich nicht Voraussagen. Aber die Wahl in Siegen : herigen Mitgliedern der nationalliberalen Partei in der Ber- und das Verhalten des nationalliberalen Wahlcomites diesem bitterung gegen die Fortschrittspartei so weit gegangen war. Faktum gegenüber, flößt uns ein starkes Mißtrauen ein. Dennoch glauben wir nicht, daß Anträge auf Beschränkung der Rechte der Juden im Reichstage werden gestellt werden, noch weniger, daß sie Aussicht auf Annahme hätten. Die Opposition hiergegen würde, wenn zum Theil nicht aus jenen Hofprediger zu empfehlen, deffen auf der Gaffe gepredigte Lehre namentlich auch in den Gemüthern der Jugend das verderblichste Gift der Unduldsamkeit auf confessionellem Boden hinterläßt; der sich nicht entblödet, in den niedrigsten Redewendungen („Mistbeet des Protestantenvereins") die principiellen Gründen, doch aus subjektiven Parteimotiven eine Gegner seines kirchlichen Unfehlbarkeitsdünkels zu beschimpfen; sehr starke sein. Im Ganzen können wir doch auf den zurückgelegten Wahlkampf mit der Gewißheit blicken, daß der dem nicht die Aufklärung, sondern die Verblendung nothleidender Berufsklaffen Selbstzweck aller politischen Umtriebe

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