Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1884)
- Date
- 1884-11-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine des Iudenltzunls. / Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jntercfle. I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. IPrei? vierteljährig 3 Mark. Abonne- »ment in Deutschland (Postzeitungsliste IPr. 92) und Oesterreich bei allen Post- »ämtern, außerdem durch den Buch- > Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonll. Kzepeörtron: Leipzig, Woßptcrh 18 In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Phrlivpson in Bonn direct, in allen übrigen an die Lerlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 TO.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 25. November 1884. No. 48. Inhalt. Leitende Artikel: Tie Wahlen zum deutschen Reichstage.— Nationalliberalismus und Judenthum. II.— Tie Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israel. Religions Gemeinden in Oesterreich. I. — Ein bemerkenswerrhes Buch über das Leben Jesu. l. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Dresden, Köln, Neustettin, Rawicz, Cattowitz. — Oeiterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Amerika: Nerv-Nock, Edenkoben. — Bonn. Notizen. — Feuilleton: Einige Erinnerungen. Bonn, 19. November. Die Wahlen zum deutschen Reichstage. Wir haben auch in diesem Blatte den heißen Wahlkampf aufmerksam verfolgt, den das deutsche Volk soeben ausgefochten hat. Wir thaten es insbesonders aus dem Gesichtspunkte, inwieweit sich in demselben auch der Antisemitismus wiederspiegelte, so daß wir daraus erkennen mögen, ob und wieweit er in Deutschland noch vorhanden sei. Es ziemt sich deshalb, jetzt, wo die Resultate bis auf wenige Wahlen fest stehen, einen allgemeinen Blick darauf zu werfen. Fünf größere Parteien waren es, die sich an dem Wahlkampfe betheiligten: die ultramontane, die conservative, die nationalliberale, die deutschsreisinnige und die sozialdemokra-! tische. Bon diesen behauptete nur die erste ihre feste, unerschütterliche Stellung, die ihr die katholische Bevölkerung bereitet; die conservative hat eine Anzahl Sitze gewonnen, die nationalliberale einige wenige, die deutschfreisinnige hat fast die Hälfte ihrer Sitze verloren, die sozialdemokratische eine Anzahl gewonnen, mehr noch aber durch das Wachsthum ihrer Stimmenzahl bis zu 3/4 Millionen einen bedeutungsvollen Sieg gewonnen. Zu einem nicht geringen Theile hat zu diesem Ausgang der Wahlen der heftige Kamps zwischen den Nationalliberalen und 'Deutschfreisinnigen beigetragen. Die Ersteren haben sich, wie sie es selbst bekennen, den Conservativen genähert, fast angeschlofsen. Die Sozialdemokraten standen allen übrigen Parteien feindlich gegenüber, entschieden sich jedoch bei den Stichwahlen schließlich für die Deutschfreisinnigen. Eine andere bemerkenswerhe Erscheinung ist, daß außer den Ultramontanen und den Sozialdemokraten die übrigen Parteien mehrere ihrer einflußreichsten Mitglieder verloren haben; so die Conservativen: die beiden früheren Präsidenten des Reichstages, v. Levetzow und v. Seidewitz; die Nationalliberalen: Prof. Gneist und Hobrecht; die Deutschfreisinnigen Forckenbeck, Büchtemann. — Was nun die Abgeordneten jüdischer Religion betrifft, so sind von den früheren Mitgliedern des Reichstages nur Ludwig Löwe, Ludwig Bamberger und Max Kaiser wieder gewählt, während Sonnemann, R6e, Max Hirsch unterlagen. Dagegen sind neu gewählt und zwar von den Sozialdemokraten Paul Singer in Berlin und Sabor in Frankfurt a. M. Es treten also in den neuen Reichstag fünf Juden ein, von welchen drei die sozialdemokratische Partei vertreten. — Sehen wir uns nun nach dem Antisemitismus um. Eine hervortretende Rolle hat er nur in Berlin und in einem Bezirke Dresdens gespielt. Die Berliner Conservativen identifizirten sich mit der antisemitischen Agitation vollständig; ihre Candidaten waren die entschiedensten Antisemiten, Stöcker, Prof. Wagner, Cremer, Prof. Brecher und Jrmer. Aber sie sino sämmtlich durchgefallen, und zwar mit Minoritäten von 8000 bis 3000! Stimmen. Wagner unterlag auch noch in einem anderen > Wahlbezirke und nur Stöcker wurde in Siegen durch die j Hülse der Nationalliberalen gewählt. Sieht sich also Stöcker im neuen Reichstage vergebens nach seinem Gehülsew Wagner um, und wird wohl kaum einen Ersatz in dem Dresdner 48