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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-18 · Heft 47 (18.11.1884) · p. Seite 754

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 47 (18.11.1884)
Date
1884-11-18
Page
Seite 754 (sequence 14)
Language
German
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stöhlen worden sei, damit sie es schlachten, und das gewonnene Blut für ihre rituellen Zwecke sammeln. Neben der Hausmeisterin Ramek wohnt der orthodox-jüdische Hadernhändler Heinrich Holländer mit seiner Gattin. Diesen beschuldigte nun die über das Verschwinden ihres Neffen ungemein aufgeregte Bram, daß er das Kind gestohlen haben muffe. Ihr Geschrei hatte eine große Menschenansammlung zur Folge. Mit Schaudern hörten die bald die ganze Hanfgaffe ansüllenden Paffanten, daß ein Christenknabe von einem jüdischen Hadernhändler behufs Blutabzapfung geschlachtet worden sei. „Das ist ja entsetzlich!" hörte man die Weiber rufen, während die Männer meinten, man muffe die Polizei holen, damit man den rituellen Mörder verhafte. Inzwischen war die Bram zum Hausmeister Ladislaus Ramek, dem Gatten ihrer Freundin, gegangen, der im Korridor mit einer Arbeit beschäftigt war. „Ich bitt' Sie, Herr Ramek", sagte sie, am ganzen Leibe zitternd, „geh'n Sie nur schnell hinein zu dem Juden Holländer, und durchsuchen Sie seine Wohnung, vielleicht finden Sie noch den Leichnam von meinem Neffen!" Der erwähnte Hausmeister, ein aufgeklärter Mann antwortete: „Aber Frau Bram! Schämen Sie sich nicht? Wie können Sie denn einen solchen Unsinn zusammen reden! Die Juden brauchen doch kein Christenblut, das pfeifen heut' schon die Spatzen am Dach!" „Wenn Sie es nicht glauben", entgegnete im schreienden Tone die Bram, „ich glaube es. Darum bitt ich sie nochmals, gehen Sie hinein zu diesem Juden!" Dazu habe ich kein Recht, meine liebe Frau Bram", sagte hierauf der Hausmeister, „gehen Sie zu ihm, wenn Sie wollen, aber mich laffen Sie mit Ihrer Dummheit endlich in Ruh!" Und er kehrte ihr geärgert den Rücken. Mittlerweile waren schon die Leute in den Flur des Hauses gedrungen; ihnen folgten wieder Andere, so daß der Hausmeister, dem die Geschichte schon zu bunt wurde, herzueilte und schleunig das Thor versperrte. Bon dem im Flur befindlichen Personen riefen einige: „Gehen wir hinein zum Juden! Er muß die Leiche herausgeben!" „Das thun wir auch!" rief die Bram und unter ihrer Führung drangen sie in die Wohnung Holländer's. Letzterer war nicht zu Hause. Seine Gattin wich bestürzt zurück und rief: „Wie können Sie nur so etwas von uns glauben! Wir haben kein fremdes Kind und wollen auch keines!" „Das glaube, wer will!" antwortete ihr die Bram und schritt mit den übrigen Per sonen ins Zimmer. Nun wurde eine Hausdurchsuchung abgehalten, wie wenn eine polizeiliche Kommission im Gemache wäre. Alles wurde von unterst zu oberst gekehrt. Die Betten warf man zur Erde und durchschnitt die Strohsäcke, die man sorgfältig visitirte, ob nicht etwa im Stroh der Kindesleichnam versteckt sei; allein nirgends war eine Spur des vermißten Kindes zu entdecken. Nun gingen die Leute, die Frau Bram als Führerin überall voran, ins Vorzimmer, wo mehrere Ballen mit Hadern standen. Auch diese wurden durchschnitten und der Inhalt auf's peinlichste durchsiöbert. Aber auck hier war der Leichnam nicht zu finden. Nun ging man in die Küche. Auf dem Herde stand ein großer Topf, der mit einem Blechdeckel zugedeckt war. Die Bram hob den Deckel empor und blickte hinein. Plötzlich schrie sie: „Jesus, Maria und Josef! Da drinnen ist der kleine Geza! Die Juden haben ihm den Kopf abgeschlagen, und der Körper kocht bereits im Waffer!" „Aber um's Himmels willen!" rief Frau Holländer, die überall dabei war, und wehrlos zusehen mußte, wie man ihr Eigenthum zerstörte. „Um's Himmels willen! Da drinn ist kein Kind, das ist ja mein Fleisch, das ich heute in der Orthodoxenfleischbank in der Trommelgaffe gekauft habe!" „Reden Sie nicht!" herrschte man sie an, „das werden wir schon selber beurtheilen!" Man zog das Fleisch aus dem Topfe heraus. Es waren drei große Stücke. Frau Bram lamentirte: „Ja das ist der Körper des Kindes! Man hat ihn in drei Theile zerschniten!" Sodann goß sie das Wasser aus, im Glauben, daß am Boden des Topfes vielleicht der Kopf ihres Neffen zu finden sei. Das war aber nicht der Fall. Nun verlangte man kategorisch von der Frau Holländer, sie möge den Kopf herausgeben, da es ihr sonst schlecht ergehen würde. Die Hadernhändlerin schwor hoch und und thener, sie habe keinen Kopf, sie habe kein Kind, und das, was man ihr wegnehme, sei ganz gewöhnliches Koscher-Rindfleisch. Während sich dies in der Holländer'schen Wohnung zutrug, kamen von der Josefftädter Stadthauptmannschaft, welche davon verständigt worden war, daß sich ein Menschenzusammenlauf in der Hanfgasse gebildet hat. zwei Konstabler. Es kostete demselben keine geringe Mühe, sich durch die Menge hindurchzuarbeiten. Die Leute riefen: Arretirt den Juden, der ein Christenkino umgebracht hat!" Bor dem Hause Nr. 3 angelangt, mußten sie eine geraume Weile parlamentiren, bis man endlich das Thor öffnete, und sie einließ. Die Konstabler betraten sofort die Wohnung des Hadernhändlers, wo dessen Frau ihnen weinend und jammerd das Unrecht klagte, das man ihr angethan. Frau Bram rief wieder, man möge die Jüdin verhaften, denn sie selbst habe den Leichnam zerschnitten und gekocht. Selbstverständlich glaubten die Konstabler letzterer Anj schuldigung nicht. Aber merkwürdigerweise fanden sich unter .den im Thor stehenden Leuten gleich sechs Personen, die erklärten, Zeugenschaft bei Gericht oblegen zu wollen, daß sie; es mit ihren eignen Augen gesehen haben, wie ein Jude den j Knaben hinter seinen langen faltigen Rock steckte und davon I trug. Der eine Konstabler notirte nun die Namen dieser

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