Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1884)
- Date
- 1884-11-18
- Page
- Seite 750 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Maaßgabe der Mittel arme Kinder zu unterstützen und diese sowie auch solche, die der Geldunterstützung nicht gerade bedürfen, sowohl während der Lehrlingszeit, als auch späterhin unter seinen Schutz zu nehmen." Wir wünschen cifrigst, daß auch dieser Aufforderung Folge geleistet werde, da hiervon der eigentliche Erfolg der ganzen Besttebung abhängt. Man darf nicht vergessen, daß ein großer Theil unsrer Glaubensgenossen in kleinen Gruppen zusammenwohnen, wo die Gelegenheit, ein Handwerk zu erlernen und zwar unter Beobachtung religiöser Bedingungen, schwer zu finden ist, so daß für diese eine Vermittelung wohl am Platze ist. Berlin, 7. November. (Privatmitth.) Es wird unseren Lesern willkommen sein, Etwüs über die Gesinnung des Herrn Paul Singer zu hören, des Glaubensgenoffen, der bei der letzten Berliner Stadtverordnetenwahl und jetzt im ersten Wahlgang des 4. Berliner Reichstagswahlkreises von sozialdemokratischer Seite in den Reichstag gewählt worden. Derselbe ist Geschäftsmann und steht seines ehrenvollen Charakters wegen bei Freund und Feind in großer Achtung. In einer am 4. d. stattgehabten Versammlung von 71 Vertrauensmännern der Arbeiter-Partei wurde die Frage diskutirt, wie sich die Partei bei den bevorstehenden Stichwahlen zwischen den Deutschfreisinnigen und den Confervativen zu verhalten habe. Resotvirt wurde Stimmenthaltung der Partei, weil sie in beiden Parteien Gegner erblicke. Hierfür trat insbesondere Singer ein. U. A. sagte er dann: „Im zweiten Berliner Wahlkreise stehe seitens der deutsch-freisinnigen Partei allerdings ein Mann zur Stichwahl, der anläßlich seiner wissenschaftlichen Bedeutung eine Zierde Deutschlands sei, ein Mann von hochachtbarem Charakter, während sein Gegencandidat nicht bloß ein Reaktionär im schlimmsten Sinne des Wortes, sondern auch ein Mann sei, der sich die Schürung des Glaubens- und Raffenhaffes zur Aufgabe gemacht habe und der in der Hauptsache den Schimpf, der unserm Vaterlande durch die traurigen Vorgänge in Hinterpommern angethan worden, verschulde, ja, der sich nicht scheue, sich öffentlich als ein Freund der ungarischen Antisemitenbande Onody, Jstoczy, Bari und Genoffen zu geriren und mit diesen gemeinschaftlich in einem Congreffe zu sitzen. Es wäre ja bedauerlich, wenn Virchow einem Stöcker unterliegen sollte, allein, es dürfe doch nicht vergessen werden, welcher Partei Herr Prof. I)r. Virchow angehöre und deshalb sei es Pflicht der Arbeiterpartei, weder für den einen noch für den anderen Candidaten irgendwie Partei zu nehmen, sondern ihren Anhängern strengste Wahlenthaltung zur Pflicht zu machen. Aehnlich sei das Berhältniß im dritten und fünften Wahlkreise, in denen den deutschfreisinnigen Canditaten den Herren Brecher und Cremer, Gesinnungsgenoffen des Herrn Stöcker, gegenüber ständen. Auch hier sei strengste Wahlenthaltung geboten." Es erscheint un» dies als eine arge Prinzipienreiterei; indeß ersieht man doch, daß Singer, wenn die Veranlaffung einträte, den Antisemiten gegenüber eine scharfe Abwehr nicht unterlassen werde. — Nach den neuesten Nachrichten ist in der Stichwahl Ludwig Bamberger gewählt, Sonnemann unterlegen. Auch Max Kaiser ist nicht wieder gewählt. Dresden, 7. Nov. (Privatmitth.) Außer Berlin ist es Dresden, welches den Ruhm einer Brutstätte des Antisemitismus in Anspruch nehmen kann. Das war das sog. „Elbathen" schon seit alter Zeit, und nirgends wurden bis 1848 die gewerblichen Beschränkungen der Juden so streng aufrecht erhalten. Da man sich hier nun der Socialdemokraten nicht zu erwehren vermag, nimmt man seine Zuflucht zum Antisemitismus, um wenigstens einen Conservativen in der Stichwahl vurchzubringen. Deshalb das tollste antisemitische Wühlen, indem man dadurch einige Stimmen aus dem Volke zu gewinnen hofft. Nous verronsl München, 27. Set. (Fränk. Kur.) Die Frage über die Berechtigung israelitischer Kultusgemeinden, von ihren Angehörigen sog. Hochzeitsgelder zu fordern, hat den Vermaltungsgerichtshof wiederholt schon beschäftigt. Auch jüngst gelangte eine Beschwerde der Kaufleute Sigmund Arnstein und Adolf Dispecker von Fürth betreffend die Entrichtung von Hochzeitsgeloern zur Verhandlung. Die zu entrichtende Summe beziffert sich auf je 350 Mk. oder 1 Proc. der Aussteuer. Der Stadtmagistrat Fürth hatte sich im Sinne des von der dortigen Kultusgemeinde erhobenen Anspruches ausgesprochen. Die hingegen von den Herren Arnstein und Dispecker erhobene Beschwerde war in der Verhandlung am Verwaltungsgerichtshofe von Herr Rechtsanwalt Waffermann vertteten, welcher unter Hinweis auf frühere Aussprüche des Gerichtshofes beantragte, die Beschwerde für begründet zu erachten und den Anspruch der Cultusgemeinde abzuweisen. Herr Advokat Guuzenhäuser vertrat in ausführlichem Plaidoyer die Cultusgemeinde Fürth, sich stützend auf das Sta» tutenbuch vom 25. April 1786, wonach vom Zehnten der Zehnte----1 Procent als rituelle Gebühr nach uraltem Brauche als Hochzeitssteuer für Cultuszwecke zu entrichten sei. Die Cultusgemeinde iu Fürth sei eine der ältesten in Bayern, bestehe seit Beginn des 16. Jahrhunderts und mache ein Neuntel der ganzen Bevölkerung von Fürth aus. Die jährlichen Auslagen für Cultuszwecke bezifferten sich auf über 50000 Mk., wovon 28000 Mk. durch Umlagen und ca. 2800 Mk. durch Hochzeitsgelder gedeckt würden; sollten diese künftig in Wegfall kommen, so sei dieß gleichbedeutend mit einer unvermeidlichen Umlagenerhöhung um 10 Procent. Er glaube nicht, daß die früheren einschlägigen Beschlüffe des Gerichtshofes so wesentlich principieller Natur seien, daß dadurch auch für die Verhältnisse in Fürth ein Präjudiz ge-