Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1884)
- Date
- 1884-11-18
- Page
- Seite 746 (sequence 6)
- Language
- German
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Hebung, wenn ein Volk sich als ganz besonders tugendhaft ausgebe, denn derselbe Abstand, der zwischen sokratischer Reinheit und der sittlichen Lebensführung eines gewöhnlichen Atheners war, bestand auch zwischen dem Rabbinen und dem gewöhnlichen Juden. — Während bei den anderen Völkern die Tugend als etwas Subjektives, von der Individualität des Menschen abhängiges galt, stand und steht bei den Hebräern die Thorah als positives Gesetz fest und das Individuum muß nur die darin enthaltene objektive Weisheit zu seiner persönlichen machen. — Die Griechen suchen das Ziel des sittlichen Lebens (Plato ausgeschlosien) in der Eudämonie, also ein außerhalb der Wisienschaft gelegenes Ziel. Nie hat ein jüdisch-ethischer Schriftsteller die Ethik als subjektiv hingestellt. Das Ganze der Weisheit liegt in dem Ausspruche (Aboth IV. 22): „Schöner eine Stunde in Rückkehr zu Gott und guten Werken in dieser Welt, als das ganze Leben der künftigen Welt; schöner eine Stunde der Seligkeit in künftiger Welt, als das ganze Leben in dieser Welt." Selbst ein Kant hat es zu einer größeren Vollkommenheit im Ausdruck nicht gebracht. Doch ist griechischer Einfluß auf diesen Ausspruch unverkennbar, woraus schon das Wörtchen schön (-sr) hindeutet, — Schönheit Java ns in den Hütten Sems. — Die Gemeinsamkeit des sittlichen Lebens, das Bewußtsein, jede Handlung als Glied der Gesammtheit zu vollbringen, lenkte den Juden auf die richtige Bahn; traf ein Unglück die Gesammtheit, dann war selbstverständlich ein „a'cr, (Sünde) in der Gemeinde" daran schuld, die Gesammtheit machte so das Individuum solidarisch haftbar. Dieser Solidarität war auch die Blüthe des Bereinwesens zwecksgemeinsamer und daher wirkungsvoller Ausübung von Wohlthaten unter den Juden zu danken, zu einer Zeit, wo bei den andern Nationen des Vereinswesen noch unbekannt war. — Dem ethischen Bewußtsein entsprang auch der Hang, sich vor der Autorität des Geistes zu beugen. Diese Art des Autoritätsglaubens wird auch von nichtjüdischen Gelehrtenl) als der Kitt bezeichnet, welcher die jüdische Kirche, trotzdem ihr eine größere Autorität fehlte, besser als alle andern conservirte, das wars auch, was die Sektenbildung im Judenthume verhinderte; wenn auch hie und da eine Neigung zn Widerstreit gegen die Autoriät, Ueber Hebung Einzelner und kleineren Spaltungen nicht in Abrede zu stellen. (Letzteres drückt ja der Volksmund tresslich aus: Jeder hat seinen eignen Schulchan-Aruch). Die Treue gegen Gott ist es aber einzig und allein, was uns zusammenhält, und diese ist eben unwandelbar, wie Gott selber. Nichtsdestoweniger sieht man auch leider vielfach Indifferenz neben der Treue. Nachtheilig und verderblich wirken die Angriffe der Feinde auf die Wissenschaft des Judenthums dadurch, daß 1) Prof. Nippolt, Bern in seiner Habilitationsrede: „Ueber das Berhältniß zwischen Staat und Kirche. wir apologetisch werden, und so bringt uns Beides, Angriff und Bertheidigung, von der Wahrheit ab, trotzdem wir das classische Volk der Selbsterkenntniß sind. Der Prophet geißelt Arges bei Volk und Fürsten ohne Ansehen der Person und ein Appel an das Gewissen des Volkes war nie ganz ohne Wirkung. Ja bei jedem Unglück, das uns traf, waren wir gewohnt zu sagen: unsere Sünden haben unser Unglück verschuldet. So müssen wir denn auch jetzt den Muth haben, die volle Wahrheit zu bekennen und strenge Kritik an uns üben. — 444 vor Beginn der christl. Aera ließen schon die Führer Israels die Verbreitung sittlicher Wissenschaft sich angelegen sein. Da erhob sich auf dem Platze vor dem Wasserthor zu Jerusalem eine Bühne, auf dieser erschienen Esra und Nehemia und lasen dem Volke das Gesetz vor. Bei keinem Volke der Welt geschah je etwas Aehnliches. Bald darauf wurde es wohl Sitte, allwöchentlich einen Bibelabschnitt dem Volke vorzuleseu und in der Landessprache zu erläutern, woraus sich später die Predigt entwickelre. Und doch geschah es, daß man den Juden in unserem Jahrhundert die Predigt in der Landessprache als eine nichtjüdische Institution verbieten wollte. Da aber zur Zeit der Entstehung dieser schönen Sitte das Chaldäische die Landessprache mar, so wurde diese gewählt. Leider erhielt sich noch Jahrhunderte danach im Volke wohl die Schale, aber der Kern ward verschmäht, denn Jahrhunderte danach, als dies Chaldäische schon langst aufgehört hatte Landessprache zu sein, las noch jeder Jude allwöchentlich einen Abschnitt der Bibel im Urtext und in chaldäischer Sprache. So verkehrt Vernunft sich in Unsitte. — Wie hoch und erhaben Unterricht und Erziehung in Israel waren, ersehen wir daraus, daß keine Literatur der Erde eine ähnliche Glut der Begeisterung für Erziehung der Kinder aufwcist wie die jüdische. Schon vor 2600 Jahren hatten wir nachweisbar obligatorischen Schulunterricht; von fast allen Geboten waren die Frauen befreit, dafür sollten sie die Kinder dazu anhaltcn, regelmäßig in die Schule zu gehen. Sabbath 110 heißt es in Bezug auf die! Psalmstelle: „Rühret nicht an meinen Gesalbten und meinen Propheten füget kein Leid zu" (Chronik 1. 16, 22): Unter den Gesalbten sind die Kinder verstanden, unter den Propheten die Lehrer. — Wunderbarermcise suchte Jarchi zur Stelle nach einem äußerlichen Grunde für den Vergleich des Gesalbten mit dem Schulkind und meint, daß wohl die Kinder oft mit Lel gesalbt würden.—Daß die Innigkeit des Familienlebens die Basis aller Sittlichkeit ist, daß diese im Volke so tiefe Wurzel geschlagen, daß sie sogar die beste Schutzwehr gegen die Angriffe der Feinde von Außen ist, daß die siegende sittliche Macht des Säuglings einen unverkennbaren erziehlichen : Einfluß auf die Mutter übt, welch bedeutenden, erziehlichen; Einfluß das Vorbild nicht allein auf das Individuum, son-