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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-18 · Heft 47 (18.11.1884) · p. Seite 745

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 47 (18.11.1884)
Date
1884-11-18
Page
Seite 745 (sequence 5)
Language
German
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745 Ordnung, für Recht und Wahrheit, für die wirklichen Interessen des Gemeinwohls einzutreten. Wir brauchen es aber wohl nicht zu sagen, denn der Ministerpräsident und einsichtsvolle: Abgeordnete haben cs genügend gesagt, daß die antisemitischen i Agitatoren den Frieden und die Wohlfahrt des Landes unter--! wühlen und erschüttern, in ihren Wirkungen viele Menschen, j Juden und Christen, unglücklich machen, den Pöbel an Aus-j stand, Rohheiten und Verbrechen gewöhnen und die Leidenschaften des Volkes so erhitzen, daß die Gesellschaft mit ge-! sahrbringenden Stürmen bedroht ist. Es war also eine Pflicht, j diese das Abgeordnetenhaus zu einer Brutstätte ihrer Wühlereien machende Agitation unmittelbar zu bekämpfen und nie-! derzuschmettern, niederzuschmettern durch die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit. Wer dies in einem solchen Kampfe nicht thut, der handelt wider die Pflicht, die er übernommen hat. Nun, wir können uns in dieser Anklage aus die zahlreichen Beispiele berufen, welche jüdische Abgeordnete in anderen Parlamenten immer gegeben haben. Wir berufen uns aus das Beispiel Gabriel Rießers in der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt, wie er mit einer einzigen Rede die bissigen Gegner verstummen gemacht, aus die wiederholten Beispiele von Moritz Veit, Kosch, Kuranda, Laster, Ludwig Löwe, u. A.; wir berufen uns aus das Vorbild der Mitglieder des englischen Parlamentes jüdischer Religion, Sir Francis Goldsmid, Serjant Simon, Lionel Rothschild, Henry! de Worms u. A., welche niemals anstanden, die englische! Regierung zu interpelliren und deren Einwirkung zu fordern,; wenn in irgend einem fernen Lande Gewaltthätigkeit an ihren ' Glaubensgenoffen verübt worden. Tarans stützen wir uns,! wenn wir uns über die Vorgänge im ungarischen Abgeord-! netenhause beklagen.! Hamburg, im November.! Ueber ethisches Wissen und Leben im 2u-enthum. Von Pros. Dir. W. Lazarus Unter den Auspicien eines Comitös der angesehensten : Mitglieder der hiesigen Tempelgemeinde, an deffen Spitze; der Dr. M. Jsler, enter. Bibliothekar der Hamburger Stadtbibliothek, steht, soll ebenso wie im vor. Jahre auch im kommenden Winter eine Reihe von Vorträgen „aus dem Gebiete der Wiffenschast des Judenthums" gehalten werden. Gestern wurde der Cyclus durch einen Vortrag des Pros. Lazarus aus Berlin, „über ethisches Wissen und Leben m Judenthum" auss Glänzendste eröffnet. In sünsviertelstündiger Rede wußte der geistvolle Redner das zahlreich ers chienene Publikum zu seffeln. Nachdem der Redner in kurzen, aber prägnanten Zügen eine Skizze des ethischen Lebens und Strebcns der Culturvölker des Alterthums mit Ausnahme der Juden gezeichnet hatte, entrollte derselbe ein bis ins kleinste Detail meisterhaft sorgfältig ausgesührtes Bild des ethischen Strebens im Judenthum. Die Wiedergabe einiger Gedanken, die der Redner im Verlause der Rede entwickelte, darf ich mir wohl gestatten: Redner zog eine Parallele zwischen der Ilias und Odyssee, den ältesten Geiftesprodukten der Griechen, in denen nur kriegerische Kämpfe und Kämpfer verherrlicht werden, und den ersten schriftlichen Denkmälern jüdischer Geistesthätigkeit, in denen Erkenntniß als das Ideal des Lebens hingestellt morden. Schon 200 Jahre vor der homerischen Zeit blühte in Palästina eine ausgebreitete Schule von „Choebmisten“, welche die Weisheit des Lebens in einzelnen Sprüchen kurz l zusammensaßten, erst 300—400 Jahre später entstanden bei? den Griechen die Gnomen, oder Akusmata. Der Prophet im! Ausblicke aus die heißersehnte Zeit des Messias, dem goldenen , Zeitalter der Zukunst, stellt dasselbe als eine Zeit dar, in ' der „der ganze Erdkreis voll der Erkenntniß Gottes sein! würde." — Bei keinem Volke sonst bildete Fülle der Erkennt- I niß eine Forderung an den Priester, bei keinem sollte er das! Ideal der Menschheit darstellen, bei keinem war der Priester 1 auch zugleich Lehrer, wie bei Israel. Die jüdischen Heroen; sind nicht, wie die der arischen Völkerstämme, Helden der! Körpergewalt, sondern Geistesheroen. David ist nicht unser! Nationalheld, und durch uns Heros aller civilisirten Nationen infolge seiner Heldenthaten gegen die Philister, sondern als Bersaffer und Dichter der Psalmen, und trotzdem er der Schöpfer der herrlichsten Lieder zum Preise des Herrn ist, trotzdem er alle Kämpfe nur defensiv und nicht offensiv geführt hat, dennoch wird er nicht für würdig erachtet, den Tempel zu bauen. — Salomo wünscht, als ihm die Wahl zwischen den menschenbeglückenden Gütern sreigestellt wird, weder Macht noch Reichthum, er wünscht Weisheit; das wäre einem arischen Volke von seinem König ganz unverständlich. Der Königin von Saba zu Ehren werden keine Manöver, keine Hetzjagden, keine Ringspiele veranstaltet, Schätze der Weisheit zeigt man ihr, etwas vorher und lange nachher Unerhörtes zeigt man ihr: naturwiffenschastliche Sammlungen. Doch nicht etwa, weil die Juden in den gymnastischen Spielen unerfahren waren, fuhrt man ihr keine solchen vor, spricht doch der Psalmist (Ps. 19) von einem Helden, der die Rennbahn (?) durchmißt. — Edle Gestaltung des Lebens, nach streng ethischen Prinzipien geregelt, das wird als das Ziel alles Wiffens hingestellt und dem entsprechend deutet auch nur der Name Gottes aus eine Ewigkeit, während alle dreizehn Eigenschaften Gottes ethischer Natur sind. — Solch ein Volk, solch eine Erkenntniß, das wäre ein Anblick für einen Sokrates gewesen, den keine Frage so sehr beschäftigte und ausregte als die, ob man auch aus dem Wege der Erkenntniß zur Tugend gelangen könne. Trotzdem aber erklärte Redner es als eine Ueber-

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