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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-18 · Heft 47 (18.11.1884) · p. Seite 743

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 47 (18.11.1884)
Date
1884-11-18
Page
Seite 743 (sequence 3)
Language
German
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743 lich darauf hinaus, daß an den betreffenden Orten die Juden sozusagen in corpore der nationalliberalen Candidatur sich entgegengesteüt haben; von dem Nachweise eines antisemitischen Vorgehens der Nationalliberalen vermissen wir jede Spur. Auch daß ein in Bruchsal erscheinendes Blättchen Herrn Sonnemann mit einem Artikel „Der Löb kommt" begrüßt hat, wird außerhalb der Redaction der „Frankfurter Zeitung" schwerlich als durchschlagender Beweis betrachtet werden. nicht. Wenn aber die , Nationallibcrale Correspondenz" behauptet, daß für die antisemitischen Allüren eines größeren oder geringeren Theiles der Nationalliberalen nur einige wenige kleine nationalliberale Blätter angeführt werden könnten, so befindet sie sich in einem argen Jrrthum oder will sich in ihm befinden. Allerdings mag wohl die nationalliberale.Presse nicht geradezu den Antisemitismus gepredigt, sich nicht offenkundig zu ih m bekannt haben — aber gefördert, bei Gelegenheit absicht¬ „daß der Nationalliberalismus der Stöckerei und Ruppelei lich und tendenziös gefördert haben ihn nicht bloß zahlreiche mit Erfolg obliegt." Und wenn die „Frankfurter Zeitung" sagt: „Ist es nicht wahr, daß Herr Kiefer sich der Secession nicht angeschloffen hat, weil zuviel Juden dabei waren?" — so kann man ihr gelaffen darauf erwidern, daß dies allerdings nicht wahr ist. Herr Kiefer hat sich der Secession nicht angeschloffen, weil er sie für einen großen Fehler hielt; mit den Juden, welche an der Secession betheiligt waren, hat derselbe jederzeit auf dem besten Fuße gestanden. Da das Blatt des Herrn Sonnemann Anderes zur Erörterung seiner Behauptung nicht beibringen kann, so liegt klar genug aus der Hand, daß es ihm lediglich auf ein Frankfurter Wahlmanöver angekommen ist. Von uns würde es abgeschmackt sein, wollten wir erst ausdrücklich versichern, daß die nationalliberale Partei eine Beeinträchtigung der Gleichberechtigung der Juden niemals gewollt hat und niemals wollen kann. Umsomehr aber müffen wir auf die im gegenwärtigen Wahlkampfe an den verschiedensten Stellen hervorgetretene Erscheinung aufmerksam machen, daß die Juden in demonstrativer Weise gegen den Nationalliberalismus Partei ergriffen, daß sie in bisher ganz nationalliberalen Wahlkreisen radicale Gegencandidaturen geradezu künstlich geschaffen und mit einer ebenso energischen wie wenig scrupnlösen Agitation zum Siege zu bringen gesucht haben. Auf diese Weise ist in Gegenden, in denen der historisch überkommene Gegensatz zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung mehr und mehr verwischt war, geradezu gewaltsam die „Judenfragc" hineingetragen worden. Ob dies von den Juden sehr weise gehandelt war, darüber werden dieselben noch oft genug Veranlaffung haben, ein wenig nachzudenken." Wir nehmen gern Akt von der Erklärung, daß die nationalliberale Partei „niemals eine Beeinträchtigung der Gleichberechtigung der Juden wollen kann." Trotzdem die Nationalliberalen schon so manche Wandelung durchgcmacbt, glauben wir doch auch, daß sie so viel vom Liberalismus behalten werden, um eine Verletzung der Gleichberechtigung, dieses Fundamentes des Rechtsstaates, nicht „zu wollen." Der obige Artikel macht sich allein mit dem Antisemitismus zu schaffen, und so können auch wir, die wir von jeder politischen Theilnahme uns fern halten, auf ihn eingehen. Die „Frankfurter Zeitung" und ihr Redacteur stehen uns fern, und das Persönliche in diesem Streite berührt uns deshalb kleinere nationalliberale Blätter, und gerade solche, welche den Artikel der „NationalliberalenCorrespondenz" reproducirt haben, sondern auch einige große nationalliberale Blätter und wir können da mit einer Maffe von Citaten dienen, denn was man nicht in Leitartikeln aussprechen will, das läßt man sich in Correspondenzen aus den verschiedensten Orten z. B. Pest und Bukarest schreiben. Wir sind durchaus nicht so empfindlich, daß wir jedes abfällige Urtheil über Juden übel nehmen; wir verkennen ja nicht, daß darin hier und da ein Korn Wahrheit ebenso enthalten ist, wie etwa in ungünstigen Urtheilen über andere Nationen und Confessionen. Das Hauptgewicht liegt hier in der Tendenz, in der absichtlichen Anhäufung von Verurtheilungen und Schmähungen, in dem absichtlichen Verschweigen aller günstigen und vortheilhasten Seiten, in der Uebertreibung des Tadelnswerthen, um dieses recht grell hervortreten zu lasten, in dem ganzen Colorit. Wo nicht der Zweck, den Gegenstand sorgfältig zu untersuchen und zu zeichnen, hervortritt, sondern der, verhaßt und verächtlich zu machen, da können wir mit Fug und Recht von antisemitischer Tendenz sprechen, und diese ist es, die wir zu unserem tiefen Bedauern in vielen nationalliberalen Blättern, kleinen und großen, nicht einmal, sondern fortgesetzt fanden. Was uns, abgesehen von der Preffe, Mißtrauen gegen die nationalliberale Partei einflößte, das war nicht allein, daß Urheber und Förderer der antisemitischen Agitation, wie Herr von Treitschke, in ihrer Mitte saßen und zu ihren hervorragenden Mitgliedern gehörten, sondern auch das Verhalten der Partei, wenn im Reichstage oder preußischen Landtage eine sogenannte „Judendebatte" vorkam. Ta schwieg die Partei, und überließ es anderen Parteien, die ungerechten Beschuldigungen und Schmähungen zurückzuwcisen, und als endlich doch ein Wortführer der Nationalliberalen das Wort zu nehmen sich genöthigt sah, nämlich Hobrccht, so geschah dies in so zweideutiger Weise, daß man die eigentliche Gesinnung und Absicht der Partei nicht zu erkennen vermochte. — Wie weit die Anklage der „Nationalliberalen Correspondenz", daß Juden im Wahlkampfe gegen die Nationalliberalen Partei ergriffen hätten, wahr und begründet sei, und zwar in einem Umfange, daß es die örtliche und persönliche Bedeutung verloren und zu einer allgemeinen Klage Veranlaffung gegeben hätte, wissen wir nicht. Man ist cs 47'

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