Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1884)
- Date
- 1884-11-18
- Page
- Seite 742 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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742 Partei ibentificirte sich schnell mit dem Antisemitismus und versuchte ihn als Wahlhebel zu benutzen. Aber gerade hierin zeigte sich die verhältnißmäßige Beschränkung desselben: die Wahlen, die früheren wie die gegenwärtigen,! hatten nur einen ungünstigen Erfolg für ihn. Selbst in Berlin, wo die conservativ antisemitische Partei fünf Antisemiten aufstellte, fielen zwei im ersten Wahlgang durch und drei kamen in die Stichwahl, wo sie nur Aussicht haben, wenn die Socialdemokraten für sie eintreten sollten. Außerdem ist im ganzen deutschen Reiche nur ein Antisemit und zwar in einem Bezirke Dresdens, aufgestellt und zur Stichwahl gebracht. Andererseits ist es allerdings wahr, daß sich neuerdings kein Jude als Candidat für die Wahlen aufstellen ließ, weil er zu vielem Widerstande begegnet wäre. Durch eigenthümliches Zusammentreffen bildet aber auch hier Berlin eine Ausnahme, wo die Socialdemokraten einen vir novus, einen 5fuben, im ersten Wahlgange durchbrachten. Einen unmittelbaren Einfluß auf den deutschen Reichstag hat also der Antisemitismus nicht erreicht. — Sehen wir nun einen Augenblick auf andere Länder, so hat der Culturkampf auch in anderen Staaten seine Arena. In Belgien spaltet er das ganze Volk in fast zwei Hälften und bringt er den kleinen Staat in die gefährlichsten Erschütterungen, und in Frankreich hat er eine, wenn auch in der Minorität befindliche Partei für sich, ohne daß er augenblicklich bedeutende Kämpfe hervorzubringen vermag. Der Socialismus ist in Frankreich entstanden, greift hier bis zum Convent 1793 zurück und bewirkte die Junischlacht 1848 und die Commune 1871. Dagegen ist er nicht im Stande, wie in Deutschland, sich einen Raum in der Deputirtenkammer zu erwerben, und ist so alles Einfluffes auf die Gesetzgebung beraubt. Nicht minder hat er in Rußland den verbrecherischen Nihilismus producirt. Der Antisemitismus verpflanzte sich aus Deutschland nach Rußland und Ungarn. Welche traurige Scenen er dort hervorbrachte und welche Rolle er in Ungarn bei den Wahlen und im neuen Reichstage spielt, ist bekannt. Im Gegensatz wurde in Deutschland jede Ausschreitung sofort unterdrückt und vom Reichstage blieb er ausgeschlossen. Der Zukunft bleibt es überlaffen, diesen drei Bewegungen ihr Ziel zu setzen oder ihren Weg anzuweisen. Wir können diesen Artikel nicht schließen, ohne noch eine Bemerkung hinzuzufügen. Wenn wir Juden den Gefühlen der Schadenfreude zugänglich wären, und wenn nicht unsere Jntereffen mit den allgemeinen der Gesellschaft sich deckten, so könnten wir jene gegenwärtig recht wohl dem deutschen Bürgerthum gegenüber empfinden, das vor dem unerwarteten Erfolge der Socialdemokratie mit seinen dreiviertel Millionen Stimmen in den eben vollzogenen Wahlen völlig verblüfft dasteht — diesem Bürgerthum, das mit Schadenfreude auf die antisemitischen Wühlereien blickte, sie bereitwillig in sich aufnahm, mit Behagen den Strom von Hohn und Geifer über die Juden sich ergießen sah und an Nichts mehr Freude hatte, als an Spötteleien über die Juden in Wort und Bild. Jetzt steht dieses Bürgerthum plötzlich vor einem gewissermaßen unterirdisch angewachsenen Feinde, der allerdings seine Hauptstärke aus der Zerfahrenheit dieses Bürgerthums in einer Maffe sich befehdender Parteien und namentlich aus der gegenseitigen Zerfleischung der Liberalen, wie besonders der Nationalliberalen und der Deutsch-Freisinnigen, gezogen hat, Wenn so das Bürgerthum ruhig, ja vielfach mit Beifall zusah, wie man ein nützliches Element des gesellschaftlichen Lebens, wie man einen nicht zu verachtenden Theil seiner selbst niederzutreten und zu vernichten suchte, wie man jeder Billigkeit und Gerechtigkeit den Juden gegenüber ins Gesicht schlug und weder das Princip der Gleichberechngung noch des allgemeinen Rechts und der gesellschaftlichen Ordnung achtete: so darf es sich nicht wundern, daß aus diesem Chaos alles Rechtsbewußtseins der Feind desselben Bürgerthums sein Haupt erhob und ihm eine gewaltige Faust entgegenstreckt. Und gerade diese Socialdemokratie hat den Antisemitismus von Anfang an zurückgewiesen unv verurtheilt. Doch wir sind weit von solchen Gefühlen entfernt. Wir empfinden die ganze Niederlage des deutschen Bürgerthums mit. Wir gestehen aber zugleich offen, daß wir vor dieser neuen Erscheinung darum keinen Schrecken empfinden, weil wir in derselben vielmehr den Beweis erblicken, daß die Socialdemokratie ihre revolutionären Tendenzen, ihre Neigung zu gewaltthätigem Umsturz aufgiebt, weil sie sonst im deutschen Volke eine solche Verbreitung nicht hätte finden können. Wir erkennen dies auch gerade darin, daß sie sich zur Urne drängte und auf die Gesetzgebung im gesetzlichen Wege einen Einfluß zu erlangen strebt. Dieser Weg führt nur zu einer gesetzmäßigen Ausgleichung, zu einer gesetzmäßigen Entwickelung, die, wo einmal gegensätzliche Bedürfniffe vorhanden sind, immer zu einem gewissen Ziele führt. UationalUberalism»s »ud Iudeutham. Das officiöse Parteiorgan der Nationalliberalen, die „Nationalliberale Correspondenz" und aus ihr eine ganze Reihe nationalliberaler Blätter bringt unter obiger Aufschrift folgenden Artikel, den wir deshalb nicht unberücksichtigt lassen können: „Die „Frankfurter Zeitung" hat es sich neuerdings zur Aufgabe gemacht, den Nationalliberalismus zu einer antisemitischen Partei zu stempeln. Sie glaubt aus dem Wahlkampfe Beweise für ihre Behauptung beibringen zu können. Die Thatsachen indeß, welche sie anführt, — ein paar Preßstimmen aus einigen hessischen Wahlkreisen — kommen ledig-