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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-11 · Heft 46 (11.11.1884) · p. Seite 736

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 46 (11.11.1884)
Date
1884-11-11
Page
Seite 736 (sequence 12)
Language
German
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736 jammt dem Magistrate ein. Von 10 Uhr begann der Festgottesdienst; nach dessen Abhaltung bestieg der Festredner die Kanzel, um in schwungvoller, tief ergreifender Rede das Gotteshaus für seine Bestimmung einzuweihen. — In Paris fand diese Tage eine kleine Ausstellung im Hötel de Cologne statt, die darum bemerkenswerth war, weil sie nur aus Schnitzereien in Oelbaumholz, verfertigt in der neuen Handwerksschule der Allianceisr.univ. zu Jerusalem, bestand. — Zenit Die Juden in Galtzieu. Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts das Licht der Aufklärung auch in die jüdische Masse zu dringen begann, schien es auch bei den Juden Galiziens aufgehen zu wollen. Von den Schriften Mendelssohns wandertmanches Exemplar von der Leipziger Messe nach Brody, und es sammelte sich daselbst eine kleine Schaar Jünger, welche mit dem Namen „Dessauer" belegt wurden. Später wurde dort eine Schule gegründet, auf welcher eine nicht unbedeutende Zahl tüchtiger Zöglinge gebildet wurde. An diese Erscheinung wurden große Hoffnungen geknüpft, aber jene blieb fast isolirt, und die Erwartungen sind nicht erfüllt worden. Selbst daß jährlich jüdische Jünglinge zum Universitätsstudium aus Galizien nach Wien wandern; selbst daß in Lemberg seit einer Reihe von Jahrzehnten deutsche Rabbiner, wie Cohn, Schwabacher, Löwenstein wirkten, und ein Verein „Schomer Israel" für intellektuelle und sittliche Hebung besteht — die ungeheure Mehrzahl der galizischen Juden ist völlig zurückgeblieben und die Zustände werden als durchaus verkommen geschildert. Es hat dies schon seit einigen Jahren die Aufmerksamkeit der Wiener Allianz und der Alliance isr. univ. auf sich gezogen und vor zwei Jahren fand in Coblenz eine Conferenz von Telegirten statt, um die Mittel und Wege zu berathen, diese Gefahr drohenden Zustände zu verbessern. Jndeß ist man noch heute über die Berathungen nicht hinausgekommen. Es ist nothwendig, daß man auch in weiteren Kreisen davon Kenntniß nehme. Diese Zustände haben ihre Wurzel in dem erbärmlichen Unterrichtswesen, das für den größten Theil der galizischen Juden besteht, und dieses Unterrichtswesen hat wieder seine bis jetzt unvertilgbaren Wurzeln in der starren Orthodoxie und dem Chassidismus, zwischen welchen beiden geisttödtenden Richtungen die galizischen Juden getheilt sind. Auch hier wird die Wirkung wieder zur Ursache. In der 4d. Sitzung der jüngst geschlossenen Session des galizischen Landtags, am L. Sept., stand wieder die Chederfrage auf der Tagesordnung. Wir geben hier den Bericht wieder, welchen der Lemberger „Israelit", das Organ des obengenannten Vereines in seiner Nummer vom 3. Oktober über diese Verhandlung giebt: Ter Referent, Herr Abgeordneter Romanowicz, berichtete im Namen der Schulcommission und stellte die unseren Lesern l e t o n. bereits bekannten Anträge 0 auf Aufhebung der Chedurim. Der Redner schloß seinen Bericht mit den Worten: „Die Schulcommission, welcher der hohe Landtag diese Angelegenheit anvertraute, ist nach gründlicher Prüfung der Sache zur Ueberzeugung gelangt, daß es im wahren Interesse des ganzen Landes und insbesondere der jüdischen Bevölkerung liegt, daß die sogenannten Chedurim aufgehoben und die Neuerrichtung derartiger Institute verboten werde." Bei Eröffnung der Discussion sprach wieder Herr Meruirowicz, der vor allem bei seinem ungeänderten ursprünglichen Antrag, allgemeine Regelung der Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden und deren „Privilegien" Beseitigung beharrte, und im Uebrigen die Commissionsanträge acceptirte. Nun ergriff der Statthalter, Herr Filip Zaleski, das Wort und sprach Nachstehendes: „Die Cheder oder Talmudschulen theilen sich in solche, in denen der Unterricht sich auf Religion und Erläuterung der ritualen Vorschriften beschränkt, und in andere, wo außerdem auch andere, den allgemeinen Volksschulen vorbehaltene Gegenstände gelehrt werden. Die Schulen der ersten Kategorie müssen als rein confessionelle angesehen werden und deren Besuch kann die jüdischen Kinder entsprechenden Alters von der Pflicht des Besuches einer allgemeinen Volksschule oder des Privatunterrichts im Sinne des Art. 40 Absatz c. des Landesgesetzes v. 2. Mai 1873 nicht befreien. Die Schulen hingegen der zweiten Art, wenn sie den allgemein verbindlichen Schulvorschriften entsprechen, haben Existenzberechtigung und können gesetzlich nicht aufgehoben werden. Die Aufsicht über diese letzteren Schulen liegt den Schulbehörden, hingegen über die Talmudschulen den politischen Behörden ob. Beide üben im Sinne der Ministerialverordnung vom 14. Juni 1874 Zl. 3319 sorgfältig ihre Controle aus und wachen darüber, daß ohne behördliche Erlaubniß keine neuen jüdischen Winkelschulen, sei es mit confesfionellem, sei es mit allgemeinem Charakter, ins Leben gerufen werden. Als Beleg hiefür mögen die Stadthalterei-Circulare v. 31. August 1874 Zl. 1) In Nummer 23 d. I. berichteten wir hierüber. Die Commissionsanträge lauten: i) Alle im Lande bestehenden Chedurim , jeder Art seien aufgehoben, wenn sie nicht den allgemeinen gesetzlichen I Bedingungen betreffs privater Volksschulen entsprechen. 2) Es sei j auf die israelitischen Cultusgemeinden einzuwirken, damit sie aus den , wohlthätigen Fonden Kinderinstitute nach Muster der Fröbel'schen! Schulgärten anlegen und dieselben Personen unterstellen, welche die entsprechende Qualifikation zu deren Leitung besitzen. 3) In Ortschaften, wo die jüdische Jugend die öffentlichen Schulen in größerer Zahl besucht, sei für dieselbe der Unterricht des Hebräischen und der mosaischen Religion einzuführen.

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