Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1884)
- Date
- 1884-11-11
- Page
- Seite 735 (sequence 11)
- Language
- German
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785 anwaltschaft dürften die Akten von Krakau am Sonntag nach Wien abgehen. (Bekanntlich hat das Obergericht in diesem Proceß bereits einmal das Berdict des Schwurgerichts zu Rzeffow verworfen. In Folge dessen sitzen die Berurtheilten bereits drei Jahre in Untersuchungshaft.) Amerika. Rew-Aork, im October. Die „New Aorker Handelsztg." schreibt: Die Härte unserer Einwanderungscommissare, die sich nicht mehr damit begnügen, Paupers, sondern auch Arme an der Einwanderung zu verhindern und die viele derselben in das alte Elend zurücksenden, hat den Sekretär der jüdischen Einwanderungsgesellschaft in London zu einer brieflichen Erklärung veranlaßt. Dieselbe ist insbesondere an die New- Iorker Einwanderungscommissare gerichtet und legt die Verhältnisse derjenigen Juden klar, die unter Beihülfe jener Gesellschaft nach Amerika gebracht werden. Die jetzt 31 Jahre bestehende Gesellschaft sendet, wie es in der Erklärung heißt, „Jahr ein, Jahr aus, beständig eine Masse von sorgfältig ausgewählten jüdischen Emigranten nach den Bereinigten Staaten". Ferner läßt es sich die Gesellschaft angelegen sein, die Lage europäischer Juden dadurch zu verbessern, daß sie dieselben zur Auswanderung aus solchen Ländern, in denen sic verfolgt werden, ermuntert. Die Gesellschaft ist mithin über ihre Schützlinge genau informirt und darf mit vollem Rechte sagen, daß sie keine Paupers sendet. Sie unterstützt keine Auswanderer, die sich später nicht auf eigene Füße zu stellen vermögen. Gegen 10000 jüdische Einwanderer landen jährlich in unseren Häfen. Fast jeder derselben kommt arm, aber nicht als Bettler, und an jeden tritt die dringende Nothwendigkeit heran, sich durch Handel, zuweilen auch durch Handwerks- und Ackerbaubetrieb sein Auskommen zu suchen. Bon den 10 000 jüdischen Einwanderern, die während der letzten zehn Jahre nach Amerika gekommen, sind sicherlich nicht viele dem Staate zur Last gefallen. Freilich läßt sich nicht leugnen, daß die Stätten, die die Dürftigsten von ihnen aufschlagen, zu einem »z ndlie nuisance“ vieler Städte werden, gerade so, wie die der italienischen Lazzaronis und der Chinesen. Diese üblen Gewohnheiten, die Ueberbleibscl des alten Elends sind, wie die armen Leute gelebt haben, werden voraussichtlich mit der Zeit verschwinden. Hoffentlich bleibt es nach wie vor Grundsatz unserer Verwaltung, diejenigen Fremdlinge gastlich aufzunehmen die da kommen, um zu arbeiten und zur Weiterentwickelung des Landes beizutragen. Der den Einwanderern oft gemachte Vorwurf, daß sie billiger arbeiten als die Einheimischen, wird nur von Demagogen eifrig colportirt, in nationalökonomischer Beziehung steckt indeß nichts dahinter. Billige Arbeitskraft ist es gerade, die, je reichlicher sie vorhanden sind, auch um so größeren Anlaß zur Vermehrung blühender Industrien giebt. California in seiner gegenwärtigen Lage liefert einen sprechenden Beweis dafür, wie thöricht es war, billige Arbeitskraft nur um deswillen auszuschließen, weil sie asiatisch war. Was ist die Folge davon? Arbeitskraft ist an der Pacisicküste so theuer geworden, daß seitdem dort nur wenige neue industrielle Unternehmungen ins Leben getreten sind. Kapitalisten wollen eben in solche nicht ihr Geld hineinstecken, wenn sie sich nicht davon einen Erfolg versprechen können, und das Ende vom Liede ist, daß die materiellen Interessen des Goldlandes stark beeinträchtigt sind. Marokko. Tanger, im Oktober. Aus Einschreiten des italienischen Ministerresidenten hat der Sultan ein Spezialedict an den Gouverneur von Temnat gerichtet, in welchem er ihm verbietet: 1. die Juden an ihren geheiligten Festtagen zur Arbeit zu zwingen: 2. sie mir dem Reinigen verseuchter Orte zu beschäftigen; 3. sie schwere Gegenstände auf dem Rücken tragen zu lassen; 4. sie ohne Lohn arbeiten, zu lassen; 5. ihnen die Waaren um den halben Preis abzunehmen; 6. ihr Vieh ohne Bezahlung zu verwenden; 7. sie zu zwingen, falsches Geld gegen gutes auszuwechseln; 8. ifjucrt gegerbte Häute wegzunehmen oder sie zu zwingen, dieselben gegen frische Häute auszutauschen; 9. gegen ihren Willen sich die Wolle von ihren Heerden abtreten zu lassen; 10. ihre Betten und ihr Möbel für Gäste des Gouverneurs zu verlangen. Der vom 25. Karda 1301 datirte Erlaß sagt zum Schluß: Ter Gouverneur möchte endlich die „Ungerechtigkeiten" sein lassen und die Israeliten so behandeln, wie die Israeliten anderer Staaten behandelt werden." Nach dem Temps vom 4. Oktober soll dieser Gouverneur abgesetzt und ins Gefängniß geworfen worden sein. Alles das ändert die Zustände in Marokko nicht, wo eben wieder 14 Europäer mißhandelt wurden. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, daß eine europäische Macht ihre Hand aus dieses, zum Theil sehr fruchtbare Land lege, und es kann nur bedauert werden, daß die Franzosen nicht lieber nach Marokko anstatt nach Tonkin gegangen sind. Bonn, 3. Novbr. (Notizen.) Man schreibt uns aus Darin stad t: Am 25. Novbr. begeht Herr Rabb. Or. Landsberger sein 25 jähriges Amtsjubiläum. — Mau schreibt uns aus Prag vom 26. Octbr.: In der etwa 1 Meilen nordwestlich von Prag gelegenen Bergstadt Nladno fand am verflossenen Samstag unter zahlreicher Betheiligung aus Nay und Fern die Einweihung des neu erbauten Gotteshauses durch Oberrabb. M. Hirsch aus Prag statt. Bereits vor 10 Uhr fanden sich Vertreter der k. k. Behörden, der Herr Bezirkshauptmann, der Bezirksrichter, Vertreter der Montan. Behörde, der Eisenindustrie-Gesellschaft, der Bürgermeister 46*