Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1884)
- Date
- 1884-11-11
- Page
- Seite 734 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fcinnt, berief das Cuttusministerium im Jahre 1881 eine Enquete und legte derselben einen Gesetzentwurf zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft zur Berathung vor. Das Ministerium amendirte hie: auf auf Grnnd der gepflogenen Berathungen den Gesetzentwurf und der Kaiser gab feine Zustimmung, denselben im Reichsrathe einzubringen. Inzwischen jedoch hatte die antisemitische Bewegung begonnen, höhere Wellen zu schlagen, und man befürchtete von Seiten der Juden, daß die Vorlage dieses Gesetzes im Reichsrathe eine Judeudcbatte in Fluß bringen könnte, die man vermieden wissen wollte. Im Laufe der Zeit wurde das Ministerium von dieser Angst erfaßt, und so ruhte der Gesetzentwurf. Während dieser Zeit blieben jedoch die Ereignisse nicht stehen und immer mehr stellte sich die Nothwendigkeit heraus, daß ein derartiges Gesetz geschaffen werde und zwar insbesondere auch deshalb, weil es schon wiederholt zu Processen gegen Entscheidungen des Cultus- Ministeriums kam, die vor dem Verwaltungsgerichtshof ausgetragen wurden und die Entscheidungen lauteten gegen das Ministerium. Während dieser Zcitläufe reifte inzwischen noch eine andere Angelegenheit. Als nämlich seiner Zeit die Enquete stattsand, befürworte Herr Baron Königswarter, der ein Mitglied derselben war, in Oesterreich ein israelitisches Consistorium ins Leben zu rufen, wie solches bereits in Frankreich besteht; der Antrag fand von keiner Seite Unterstützung, da kein anderes Mitglied der Enquötc die bisher bestandene Autonomie der Gemeinden irgendwie schädigen wollte. Die fortschreitende Zersetzung und Auflösung der Gemeinden, die wahrhaft trübseligen Zustände, in welchen stch die Cultusnnd Untcrrichtsanstalten (wir haben hier zunächst den Religionsunterrichr im Auge) befinden u. s. w., haben einen Umschwung herbeigesührt und lassen die Errichtung eines Consistoriums als höchst wünschenswerth erscheinen, um den jetzigen unhaltbaren Verhältnissen ein Ende zu machen. Thatsächlich hat sich die jüdische Journalistik in Oesterreich bereits dieses Stoffes bemächtigt und hat die A. Z. d. I. Nr. 40 die diesbezüglichen Ansichten des „Schomer Israel" in Lemberg reproducirt. Selbstverständlich kann cs sich nicht darum handeln, diese Institution, wie sie in Frankreich oder im Großherzogthum Baden besteht, pur et simple nach Oesterreich zu verpflanzen und gehen vorläufig die Ansichten über diese Frage noch ziemlich weit auseinander; wir wollen jedoch bofien, daß sie sich klären werden. Es handelt sich nicht darum, die Autonomie der Gemeinden wesentlich zu schädigen, sondern dem Zustande -.r*- ir.x, der zu allen Zeiten als Verfall betrachtet ward, eine Grenze zu setzen. Wir wissen in vollem Maße die Bedeutung und Wichtigkeit dieser Frage zu würdigen und kann es daher nur im Interesse der Sache liegen, wenn dieselbe in der Presse erörtert ttuxb — was wir wünschen, ist blcs, daß die Debatte sachlich und nicht persönlich, mit Argumenten und nicht mit Leidenschaft geführt werde. — Wie ich höre, werden jetzt im Schooße des Vorstandes Verhandlungen, zu welchen auch die Prediger beigezogcn werden, in betreff der Reorganisation des Gottesdienstes gepflogen. Der Gottesdienst, wie er jetzt besteht, leidet an mehrfachen Gebrechen: Er dauert speciell an Sabbathen und Festtagen viel zu lange. Wie man weiß, ist unser Machsir im Laufe der Zeit so umfangreich geworden, weil unter anderem die Borbeier Gebete absaß en, in welchen sie ihre Gefühle zum Ausdruck brachten, und diese Gebete fanden dann Eingang in die allgemeine Liturgie. Unsere jetzigen Cantoren versoffen keine hebräischen Gebete; aber sic wollen als Componisten und Sänger glänzen und es wird viel zu viel gesungen. In gleicher Weise nehmen die „Mi scheberach" viel Zeit in Anspruch, die allerdings den Wohlthätigkeitsvereinen und Instituten zustatten kommen, die alle der Spenden bedürfen. Auch die Vorlesung des ganzen Wochenabschnittes, Sidra, nimmt Zeit in Anspruch. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch folgendes hervorheben. Es besteht hier seit Jahren an Sabbathen und Festen ein Jugendgottesdienst, der cnrschieden von segensreichem Erfolge ist. Als man ihn ins Leben riefi, wurde in Aussicht genommen, daß derselbe etwa i/2 Stunde dauere, was wir für ganz angemeffcn finden; er dauert jetzt jedoch beiläufig eine volle Stunde. Unser Gottesdienst ist ferner mit Ausnahme der Predigt fast ausschließlich in der hebräischen Sprache; aber leider, leider verstehen unsere Frauen, unsere Kinder und ein großer Theil der erwachsenen Männer kein Hebräisch, viele können cs kaum oder gar nicht lesen. Für alle diese ist unser Gottesdienst absolut unverständlich; kann er dann erbaulich sein? Und wie viele unter jenen, die Hebräisch verstehen oder welche die deutsche Uebcrsetzung lesen, wünschen die Wiederherstellung des blutigen Opser-Cultus, oder sehnen sich nach Jerusalem zurückzukehren und erhoffen die Wiederherstellung eines jüdischen Staates, an dessen Spitze ein Abkömmling aus der David'schen Dynastie steht? wie viele erwarten einen persönlichen Messias? — Ich bin weit davon entfernt, eine Vergewaltigung und speciell auf religiösem Gebiete zu billigen, oder einen Gewissenszwang zu vertheidigcn. Wie die Dinge jedoch jetzt liegen, wird der weitaus größte Theil der Gemeinde vergewaltigt und wird ihm gegenüber ein Gewissenszwang geübt. Krakau, 22. Oktober. Von hier wird geschrieben: Im Processe Ritter überreichten gestern vr. Machalski Namens Moses und vr. Rosenblatt Namens Gittel Ritter die Nichtigj keitsbeschwerde. Nach Einbringung der Gegenschrift der Staats-