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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-11 · Heft 46 (11.11.1884) · p. Seite 732

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 46 (11.11.1884)
Date
1884-11-11
Page
Seite 732 (sequence 8)
Language
German
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732 trug der (gemäßigte) Socialdcmokrat Paul Singer den Sieg! mit 25 387 Stimmen über den deutsch-freisinnigen Albert! Träger mit 13 463 und den conscrvativcn Landrath v. Köller; mit *557 Stimmen davon. Im Jahre 1881 hatten fc>ic; Socialdcmokraten nur 13 573 Stimmen. Damals fiel Prof. Wagner im 4., wie jetzt im 1. Wahlkreise durch. Man kann immerhin daraus den Schluß ziehen, daß cs mit dem Antiseniitismns in Berlin nicht fo schlimm ist, da gerade Berlin zwei Juden in den Reichstag schickt und zwar im ersten Wahlgang. Desto betrübender und charakteristischer ist es, daß im zweiten, dritten und fünften Wahlkreise Stöcker gegen : Birchow, Pros. Brecher gegen Munckcl und Cremer gegen; Eugen Richter, also drei ausgesprochene Antisemiten gegen drei Deusch-Frcisinnige in die Stichwahl kamen, im sechsten der Socialdcmokrat Hasenclcver gegen Klotz. Das Hauptresultat ist, daß in den letzten drei Jahren die Deutsch-Freisinnigen in Berlin um mehr als 18 000 Stimmen zurückgegangcn, hingegen die Socialdcmokraten um fast 29 000 und die Confervativen um 10000 Stimmen vorangegangcn sind. Nun hat sich in demselben Zeitraum die Zahl der Stimmberechtigten noch mehr vergrößert. Ties hätte aber zur Folge haben können, daß auch die Partei der Freisinnigen gewachsen wäre, was aber nicht der Fall ist. So weit die Nachrichten bis jetzt eingcgangen, melden sie aus noch vielen Wahlkreisen ein mächtiges Anschwellen der Socialdemokratie, also trotz des Socialistengesetzes und wahrschein-' lich verursacht durch die gemäßigtere Haltung ihrer Führer' und durch die herrschend gewordene Socialpolitik, welche die Socialisten zu ihren Gunsten deuten, da ja der Reichskanzler selbst im Reichstage sogar das „Recht auf Arbeit" anerkannt hat. Von den früheren jüdischen Reichstagsabgeordneten sind Sonnemann und Bamberger in die Stichwahl gekommen , R6e und Hirsch sind durchgefallen und Lasker ist todt. — — Es versteht sich, daß Stöcker, der 12 535 Stimmen gegen 16 702 Virchow's und 9292 des Socialdemokraten Tutzauer erhalten hat, nunmehr seine Wühlereien bis zum Termine der Stichwahl fortsetzen wird. Es lohnt sich deshalb nicht der Mühe, jetzt noch auf die letzten Tage, in welchen er seine Reden gegen die Juden bis zur äußersten Heftigkeit trieb, zurückzublicken. Nur einen charakteristischen Zug müssen wir hervorheben. Am letzten Vortage fanden gleichzeitig eine Stöckersche Versammlung aus dem Berliner „Bock" und nicht weit davon im Tivoli eine Deutsch-Freisinnige statt. Stöcker schloß seine Versammlung frühzeitig und that dies, indem er seinen Zuhörern rieth, nach Tivoli zu gehen, wie einige Blätter berichten, „damit die Fortschrittler doch auch einmal eine volle Versammlung haben", nach Anderen, „um den Juden das Vergnügen zu verderben." Diesem Winke folgte die Masse, die nun das Local im Tivoli „belagerten". Zum Glück erschien eine große Schaar Schutzmannschaft, welche die Hausen zerstreute. Die „Boss. Zig." bemerkt hierzu: „In der Sache laufen alle diese Berichte aus eins hinaus und es geht aus denselben in gleicher Weise mit unumstößlicher Gewißheit hervor, daß Herr Hofprediger Stöcker ein unerhört frevelhaftes Spiel mit den Leidenschaften der Menge treibt. Ein gütiger Gott hat diesen Apostel des Friedens und des Wortes Gottes diesmal davor geschützt, daß cs nicht zu größeren Excesscn, ja vielleicht zu Blutvergießen gekommen ist. Wer will aber die Leidenschaften immer zügeln, wenn sic einmal entfesselt sind? Wie lange, fragen wir, will man diesen Geistlichen das frevelhafte Spiel noch forttreiben lassen? Wir haben unsere Stimme zeitig genug warnend erhoben. Bis jetzt hat man Herrn Stöcker ungestört! gewähren lasten, kommt es aber einmal in Folge solcher Manöver zu Excessen, dann fallen die Folgen ebenso schwer ' auf das Haupt des Herrn Hofprediger Stöcker wie der be» 1 treffenden Behörde." | Berlin, 30. Oktober. Pros. Wagner, der Freund und Jünger Stöckers, ist auch in Potsdam-Osthavelland durchgesallen, und wird somit dem Reichstage nicht wieder angehören. Stöcker steht auch in Siegen in der Stichwahl. Bamberger ebenfalls. Außer dem edlen Berliner Kleeblatt Stöcker, Wagner, Cremer, mit ihrem Anhang Jrmer, welcher letztere auch durchgefallen, ist noch ein Antisemit aufgetreten, Baumeister Hartwig in Dresden, und zur Stichwahl gelangt. Aus der Rheinprovinz, 2. November. (Pripatmitth.) Es kommt nicht selten unter unseren Glaubensgenoffen vor, daß, wenn eine gemeinnützige Anstalt recht gedeihlich geworden, man von anderer Seite ein Concurrenzinstitut herzustelleu sucht, anstatt jene zu unterstützen, zu vergrößern und zu erweitern. Hierdurch lähmt man den Fortbestand der ersten und verursacht der allgemeinen Wohlthätigkeit verdoppelte unnütze Kosten, da in beiden Anstalten gleiche Einrichtungen getroffen werden müssen. Dieses Schicksal will man dem bekannten israelitischen Waisenhause zu Paderborn, das sich eben anschicken will, seinem Gebäude einen neuen Flügel anzubauen, jetzt bereiten. Unter dem Vorwände, ein israelitisches Waisenhaus für die Rheinprovinz zu gründen, ist aus dem Städtchen Tinslake ein Circulair verschickt worden, welches verschweigt, daß das Paderborner auch für die Rheinprovinz besteht und z. B. gegenwärtig 27 Waisen aus der Rheinprovinz enthält. Als Ausgangspunkt bezeichnet eine hiergegen gerichtete Erklärung des Paderborner Waisenhauses folgenden Vorgang: „Es wurde von unserer Anstalt die Aufnahme dreier Kinder verlangt, deren (verstorbene) Mutter eine Dinslakener I Jüdin war, deren Vater, ein Eisenbahnbeamter, Nichtjude ist. Obgleich die Ausnahme von solchen Waisen, deren Vater noch :; lebt, gegen den Wortlaut des 8 2 unserer Statuten verstößt

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