Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1884)
- Date
- 1884-11-11
- Page
- Seite 731 (sequence 7)
- Language
- German
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731 wissenschaftlichen Apparates (Lebhafte Heiterkeit rechts) werde; ich das geehrte Haus nicht mit der Aufzählung einer langen j Reihe von Namen ermüden. Aber ich bitte die Herren Abj geordneten, nachzulcfcn, wie man in der Römcrzeit zu Beginn des Christenthums über die Christen schrieb, wie einige der besten römischen Kaiser über die Christen dachten. Und gehen wir weiter. Später — im Alterthume und im Mittelalter — haben da nicht die ausgezeichnetsten Männer einen schonungslosen Kampf gegen einander geführt? Ich will nicht davon sprechen, wie katholische Schriftsteller über die Protestanten schrieben, aber lesen Sie einmal nach, was ein wahrhaft großer Mann in Schottland, John Knox, nicht nur von den Katholiken, sondern auch von den Anglikanern sagte und lesen Sie einmal nach, mit welchen Waffen, in welchen Ausdrücken Lutheraner und Reformirte gegen einander gekämpft hatten. Wenn Sie dies nicht für richtig finden und wenn Sie nicht nach dem Beispiele jener finstern Jahrhunderte Vorgehen wollen, so haben Sie kein Recht, dem gegenüber jene Beispiele zu zitiren. (Lebhafte Zustimmung und Beifall rechts.) Das aber bitte ich Sie entschieden — zu mehr habe ich kein Recht —, daß Sie einem Eötvös, einem Szechenyi, einem Kölcsey, die ihr ganzes Leben hindurch die Aufklärung verkündet haben, in ihren Gräbern Ruhe lassen mögen. (Lebhafte Zustimmung und Beifall rechts.) Es ist gut, daß Sie wissen, daß diese Männer hier nicht austreten können, denn mein Wort wäre ein bloßes Flüstern im Vergleich zu jenem Donnern, mit welchem sie Ihnen Ihre Zitate an den Kopf schlendern würden. (Langanhaltende, geräuschvolle Bcifallsäußcrungen und Zustimmung rechts.) Sie können sich damit zu entschuldigen versuchen, daß Sie das Volk niemals zu Thätlichkeiten aufforderten, allein wenn das Volk, welches die Verhältnisse nicht gehörig kennen kann, dieses vernimmt, wenn — Gott sei Tank ist es im größten Theile des Landes auch nicht so verarmt, wie Sie es verkünden, und wenn man genug Beispiele auch von solchen Orten erzählen kann, wo ein Jude im Torfe wohnt und wo alljährlich gewesene Hörige der Gemeinde ein paar hundert Joch Feld zu erwerben wissen, — allein wenn die Leute auch in solchen Orten hören: Tein Loos ist deshalb kein besseres, weil der Jude im Lande ist, der Jude, der sich stets den Kopf darüber zerbricht, wie er Dich ruiniren könnte . . . (Zwischenrufe auf Seite der Antisemiten: So in»! So ist's!) Es ist nicht so! Allein ist die natürliche Folge solcher Reden nicht dann jene, die man an manchen Orten mit Waffengewalt Niederschlagen mußte? (So ist's! So ist's! rechts.) Und erachten Sie es für richtig, für angemessen, jene Leute, die sonst mit ihrem Loose nicht unzufrieden wären, vermittelst solcher Aeußerungen in das Unglück zu treiben und dann im Unglück drinnen zu lassen? (Lebhafte Zustimmung rechts.)" Bon hier ab sprach Tißa über den politischen Inhalt der Adresse. — So schloß diese famose Debatte. ©cilVtVl CpWGbC Deutschland. Bonn, 20. Oktober. (Privatmitth.) Es ist eine höchst erfreuliche Erscheinung, wie dem Sir Moses Moutefiore zur Vollendung seines 100. Lebensjahres unsre Glaubensgenossen aus allen Welttheilen den Ausdruck ihrer Verehrung und Dankbarkeit dargcbracht haben. Fast in allen Synagogen der größeren und mittleren Gemeinden wurde entweder ein besonderer Gottesdienst abgehalten, oder aber am Sabbath in einer Festpredigt das verdienstvolle Leben Montefiores geschildert. Diese Einstimmigkeit, diese allgemeine Anerkennung eines durch die göttliche Vorsehung so weit ausgedehnten würdigen Lebens wird zu einer bedeutsamen Thatsache für sich. Wir sind außer Stande, die vielen Berichte über die gottesdienstliche Feier, den Wortlaut und die geschmackvolle und kostbare Bekleidung der zahlreichen Adressen zu geben, die an den ehrwürdigen Greis gerichtet worden. Was aber von nicht geringer Bedeutung, das ist die Würdigung, welche Montefiore auch außerhalb der jüdischen Kreise gefunden. Auch in Deutschland wurde er in vielen Organen der Tagesprcsse in wärmster Weise gefeiert und eine biographische Skizze gegeben, in der diejenigen seiner Handlungen hcrvorgehobcn wurden, durch welche er sein wohlthätigcs Wirken auch auf Andersgläubige ausgedehnt hat. Wir bemerken noch mit Befriedigung, daß auch die deutsche Kaiserin Augusta ein Glückwunschtelegramm an Sir Moses gesandt hat. Berlin, 20. Oktober. (Privatmitth.) Ter Ausfall der Reichstagswahlen in den 0 Berliner Wahlkreisen hat allgemein überrascht und bietet Stoff zu mannigfachen Beobachtungen über die Zustände in der Reichshauptstadt. Was uns zunächst intcressirt, ist, daß gerade die zwei Juden, die in Berlin als Candidaten aufgestellt waren, im ersten Wahlgang siegten, während in den übrigen vier Wahlkreisen Stichwahlen nothwendig sind. Ludwig Löwe wurde im 1. Wahlkreis mit 8426 Stimmen gewählt, während Pros. A. Wagner 6754 erhielt. Bor 3 Jahren hatte Löwe 201 Stimmen mehr und sein konservativer Gegner 44ll Stimmen weniger als dies Mal, trotzdem daß in diesem Jahre der Kreis 6358 Stimmberechtigte mehr zählt als damals. Es fand also diesmal eine geringere Wahlbetheiligung statt. Im 4. Wahlkreise