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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-04 · Heft 45 (4.11.1884) · p. Seite 721

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 45 (4.11.1884)
Date
1884-11-04
Page
Seite 721 (sequence 13)
Language
German
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721 S. 242), das man kurzweg das Stylisticum nannte, und an einem Privatissimum Tafel's, in welchem, unter ausschließlichem Gebrauch der lateinischen Sprache, ein griechischer Tragiker übersetzt und erklärt wurde. Im Sommer 1832 erhielt er von der philsophischen Facultät Tübingen, aus die Dissertation „über die Kategorien", die im Druck erschien, die Doctorwürde. Er verließ hieraus die Universität, konnte aber, da die vom Ministerium Schlayer geplante Organisation des israel. Kirchenwesens nur langsam fortschritt, erst im Frühjahr 1834 die erste Dienstprüsung erstehen, woraus er, in Folge der weiteren Durchführung der erwähnten Organisation, am 14. Oct. 1834 zum Rabbinatsverweser in Mergentheim bestellt wurde. Am 1. Januar 1835 wurde dem Vater Wassermann's das Rabbinat Mergentheim definitiv, und dem Sohne das in Mühringen provisorisch und am 13. Juli 1837 definitiv übertragen. Die große Entfernung der einzelnen Kirchengcmeinden, sieben in fünf Oberämtern, von einander, machte, zumal bei dem damaligen Zustande der Straßen, die Verwaltung dieses Rabbinats anstrengend und zeitraubend. W. fand dennoch Muße zu literarischer Thätigkeit, wobei ihm sein öfterer Besuch in Tübingen, durch seine amtlichen Turnusreisen nach der Kirchengemeinde Wankheim, sehr zu statten kam. Er lieferte Beiträge in verschiedene Zeitschriften, meistens anonym oder pseudonym. Seine erste größere belletristische Arbeit, „Die Mädchen von Chaibar", Roman ans dem Leben Muhameds, als Pseudonymus „Orientalis", bekundete ihn als tüchtigen, wissenschaftlichen Orientalisten. Für die Jahresserien der Schriften des israel. Viteraturvereins lieferte er Historisch-biographisches und Belletristisches und stand mit den Koryphäen der jüdischen Literatur: Frankel, Geiger, Jost, Philippson u. a. m. in lebhaftem literarischfreundschaftlichem Verkehr. In den Jahren 1848 und 1849, da der Sturm in die Zeit gefahren war, nahm 25. lebhaften Antheil am politischen Leben. Die Nachbarschaft Badens hatte auch im württembergischen Schwarzwald eine große Erregung der Gemüther hervorgerufen und hie und da zeigte sich die Lust, die sofortige Erfüllung der weitgehenden Volkswünsche durch Widersetzlichkeit und Gewalt zu erzwingen. Der sehr zahlreichen Partei der Bewegung stand eine kleine conservative gegenüber. Zu ihr zählte und bekannte sich W. mit Muth und Entschlossenheit und ilößte dadurch auch politischen Gegnern Achtung ein. Er wandte sich jedoch, sobald die hochgehenden Wogen der politischen Kämpfe und der dadurch geweckten Leidenschaften sich gelegt hatten, seinen Studien und literarischen Arbeiten zu. lieber 38 Jahre brachte er in Mühringen zu, er nannte sich selbst oft, scherzweise, ein Jnventarstück des Oberamts Horb. Oft war ihm Gelegenheit geboten, durch Rufe ins Ausland, an größeren israel. Gemeinden das Seelsorgeramt zu übernehmen; aber er zog es vor, in seinem ihm lieb gewordenen Rabbinatssprengel zu bleiben, bis er am 12. Oct. 1873 als Nachfolger des Kirchenraths Di-. Maier zum theologischen Mitglied der k. Oberkirchenbehörde und Rabbiner in Stuttgart ernannt wurde. In seinem neuen Wirkungskreise verwertete er sein Wissen und Können mit Pflichttreue; cs wurde ihm dafür gerechte Anerkennung zutheil. Durch die Gnade Sr. Majestät des Königs wurde er mit Orden decorirt, im Sommer 1882 erneuerte die philosophische Facultät Tübingen bonoris enusa mit ehrendem Prädicat sein Toctordiplom. 2lls Theologe nahm er an den Rabbinerversammlungen und Synoden lebhaften, thätigen Anthcil und wurde bei der jüngsten Rabbinerversammlung in Berlin in den vollziehenden Ausschuß gewählt. Der Amtsantritt in Stuttgart 1873 wurde durch den Tod der Gattin nach 35 jährigem Ehestande für W. und seine Familie eine schwere Episode. Zwei liebende Töchter stehen dem treuen Vater zur Seile und wetteifern, ihm durch sorgsame Pflege das Alter zu verschönern. Der Jubilar erfreut sich, unter Gottes Beistand, ungestörter Geistes- und Körperfrische, die ihm die göttliche Vorsehung noch lange erhalten möge. Schon am Vorabend stellten sich mehrfache Deputationen ein; zuerst die Mitglieder der k. Oberkirchenbehörde, des Kirchenvorsteheramtes, und Teputirte der Gemeinde Stuttgart und ihrer Filialen. Die künstlerisch ausgestaltete Adresse, welche dieselben überreichten, war von einem Silberkasten zu 12 Couverts begleitet. Ihr folgte eine Deputation hervorragender Mitglieder hiesiger Gemeinde, die ebenfalls eine kalligraphisch prächtige Adresse in kostbarer Enveloppe überbrachten, begleitet von einer reichen Studirzimmer-Einrichtung nebst zwei sechsarmigen silbernen Girandolen. Nicht minder hatten Oer israelitische Frauenverein u. s. w. kostbare Geschenke gewidmet. — Zu dem Festgottesdienste am Vormittag hatten sich u. a. der Cultusminister Dr. von Goßler, der Präsident Dr. von Silcher, und die Oberregierungsräthe von Finkh und Hoscr cingefundcn. Die Festpredigt des Dr. Stützet und die herrlich ausgeführten Chöre wirkten ergreifend auf die Zuhörer. Nachmittags erschien Oberbürgermeister von Hack mit den Gemcinderäthen Stühle und Tafel, um dem Jubilar ihre Anerkennung besonders für seine gewissenhafte Mitwirkung in der Armendeputation auszusprechen; ferner das Kirchen - vorstcheramt, die von dem Jubilar in den letzten 10 Jahren confirmirten Damen u. s. w. Den Schluß des Festes bildete ein von mehr als 200 Personen besuchtes Festmahl, an welchem viele Würdenträger und ausgezeichnete Männer Theil nahmen und in mancherlei Toasten die Gefühle gegenseitiger Sichtung und die Eintracht zwischen den verschiedenen Confessionen zum Ausdruck kamen. Möge dem Jubilar noch eine recht lange Wirksamkeit beschieden sein!

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