Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1884)
- Date
- 1884-11-04
- Page
- Seite 722 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227547--42151-3310687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
722 Zur ältesten Geschichte der Juden in Hamburg. In meinem „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" 9 habe ich die Aufmerksamkeit auf ein noch ungedrucktes historisches Werk gelenkt, das eine Frau, Glücke!, die spätere Gattin des Rabbiners Moses Hamel in Beiersdorf, im dem zweiten Drittel des sechszehnten Jahrhunderts verfaßt und das sich handschriftlich in der Nationalbibliothek zu Paris befindet. Aus diesem eigenartigen Geschichtswerke habe ich a. a. O. eine Probe veröffentlicht; ein weiterer Abschnitt möge als Beitrag zur ältesten Geschichte der Juden in Hamburg hier seine Stelle finden. Die originelle Schreibweise der Berfafferin behalten wir, soweit möglich, bei. „Ist gewesen in meiner Kindheit da ich ungefähr zehn Jahr alt gewesen'-), da hat der Schwed gehalten ^) mit dem König von Dänemark; ich kann nicht viel schreiben, weil Solches in meiner Kindheit geschehen und als ein Kind, das in Cheder hat sitzen müffen; also in jener Zeit seinen mir in Altona gesessen in eitel rv:;N~5), denn es ist gar ein kalter Winter gewesen, das in fünfzig Jahren so kein Winter ist gewesen; man hat ihn den Schweden-Winter geheißen.^) Also hat der Schwed allerwegen können überkommen, weil es so hart gefroren ist gewesen. Mit einmal am Sabbat kommt das Geschrei: der Schwed kommt! Ist noch frühmorgens gewesen, seinen noch im Bett gelegen, sennen mir nebich alle aus den Betten gesprungen und nackedich und blos mit uns Kinder in die Stadt gelaufen und theils bei Sephardim theils bei Bürger sich mögen behelfen. So sind wir kurze Zeit geseffen als endlich mein Vater sel. hat b~~z-z gewesen und er ist der erste Jude gewesen, der sich wieder in Hamburg gesetzt. Nach und nach hat man weiter gewesen'), daß mehrere z"z*>) seien ins z'~z gekommen 2) zu wohnen, außer die vor den evt:10) in Altona gewohnt haben, die seinen in Altona wohnen geblieben. In jener Zeit hat man gar wenig Steuer an die rrrzr gegeben; ein Jeder hat für sich selbst mit den Selbigen die darzu eingesetzt geworden accordirt, aber mir haben kein 777") gehabt in Hamburg und auch gar keine '-) gehabt, sondern nur so gesessen aus Gnade des Raths. Die Juden sennen doch zusammen gangen und Minjan gemacht in Zimmern so gut sie nebich gekannt haben. Ob Solches der Rath theils schon gewußt, haben sie doch durch die Finger gern gesehen, bis es Geistliche haben gewahr geworden, haben sie es nicht leiden wollen und uns nebich verjagt, haben mir 1) Leipzig, Brockhaus, 1859. 2) Glückel wurde geboren 5407 — 1647. 3) Krieg geführt. Der schwedisch-dänische Krieg im Jahre 1657, der mit dem Frieden in Roeskild endete. 4) Neuigkeiten. 5) Sorgen. 6) Es war eine so ungewöhnliche Kälte, daß beid« Belte zufroren. 7) Durch Fürsprache erlangt. 8) Jüdische Familien 9) In den Ort. 10) Vertreibung. 11) Synagoge. 12) Schutz müffen nach Altona schulen gehn. Dies hat ein Zeitlang gewährt, sennen mir nebich wieder in unsere Schülcher gekrochen. Also ist es gewesen, daß wir zu Zeiten haben gehabt und zu Zeilen sennen mir wieder verjagt geworden „bis zu diesem Tag", und ich fürchte, daß solches so werden wird, so lang mir in Hamburg sennen und so lang die Bürgerei in Hamburg regieren wird vcrTC □ipon z--' v-zir.n.u) Vermischtes. Der hundertjährige Geburtstag Gotthold Salomon's. Der 1. November 1784 wird als der Geburtstag Gott hold Salomon's, des ältesten, fruchtbarsten und ausgezeichneten Hamburger Predigers, in allen mir bekannten Biographien angegeben. Auch in der im Alter geschriebenen und nach seinem Tode im Druck erschienenen Selbst-Biographie giebt er den 1. November 1784 zugleich mit dem jüdischen Datum, den 17. Marcheschwan, als seinen Geburtstag an. Diese Angabe beruht aber auf einem Jrrthum. Unzweifelhaft richtig ist das Datum nach jüdischer Zeitrechnung, den 17. Marcheschwan; dieses entspricht aber nicht dem 1. Nov. 1784, sondern 1785. Nicht am 1. November 1884, sondern am 1. November 1885 ist der hundertjährige Geburtstag Gotthold Salomon's. Dr. Kayserling. Ein Beleidigungsprozeß. Der Kantor der Pester israelitischen Religionsgemeinde, Jchuda Leib Abraham, hat gegen das Budapester Rabbinat einen Ehrenbeleidigungs-Prozeß angestrengt, der gestern vor dem Strafbezirksgericht zur Austragung gelangte. Es waren nämlich über das Privatleben Abraham's Gerüchte in Umlauf, die seine Belastung in seiner Stellung unmöglich machten. Die Entlastung Abraham's erfolgte auf Gutachten des j erwähnten Rabbiuats, das den Vorbeter Abraham eines immoralischen Lebenswandels zieh. Tie erschienenen Mitglieder! des Rabbiuats erklärten, daß sie in ihrer amtlichen Eigeni schast von ihrer Vorgesetzten Behörde zur Abgabe eines Gutachtens aufgefordert wurden, und wenn in dieser Aeußerung Abraham als ein Individuum bezeichnet wird, das laut den! jüdischen Glaubenssatzuugen wegen seiner Jmmoralität als j Lorbeter nickt sungiren kann, so sei dies nicht darum geschehen, j um Abraham in seiner Ehre zu verletzen, sondern weil das; Rabbinat, amtlich hierzu aufgcfordert, über die Qualifikation i des Klägers als Tempelfunktionär ein Urtheil abzugeben hatte. Nach einer mehrstündigen Verhandlung sprach der Sträflich' .13) Ruhe. 14) Gott möge in seiner Barmherzigkeit und großen . | Gnade sich unser erbarmen.