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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-04 · Heft 45 (4.11.1884) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 45 (4.11.1884)
Date
1884-11-04
Page
Seite 714 (sequence 6)
Language
German
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714 sei, daß die Juden deshalb während der Wahlen Tausende und Tausende von Gulden zu Agitationszwecken gewidmet hätten. (Bewegung links.) Der Minister-Präsident erhebe sich wohl in jeder antisemitischen Debatte zu einer schönen, anerkennenswerthen Rede, dann aber sagt er von sich selbst, was die Maintenon im Jahre 1777 in ihrem Todesjahre sagte: „Ich habe meine Pflicht gethan, ich sehe nichts mehr, ich höre nichts mehr und kümmere mich um nichts." (Eine Stimme links: Wollen Sie uns vielleicht pfählen lassen? Heiterkeit.) Der Minister-Präsident geht da wie der berühmte Arzt vor, der seinen reichen Patienten langsam curirt; ich sage nicht, daß er die Krankheit ausarten läßt, aber er läßt sie lange audauern, damit das Honorar länger gezahlt werde. Uebrigens will ich, was das Resultat des Antisemitismus anbelangt, auch die hier und da in den Thaten der Jrregeführten manisestirten Früchte abgerechnet, meine Meinung sagen. (Hört!) Im vergangenen Jahrhundert gelang es Einigen, durch die Hexenproceffe dunkle, düstere Blätter — ich will mich keines stärkeren Ausdruckes bedienen — in die Annalen der ungarischen Justiz einzufügen. Nun, den Herren Antisemiten wird es gelingen, eben so düstere und betrübende Blätter dem Diarium des ungarischen Abgeordnetenhauses einzusügen (So ist's! rechts), aber sowie jene aufhörte und wie darüber jeder nüchtern denkende und christlich fühlende Mensch deu Stab brach, ohne daß die Sache ein Resultat gehabt hätte, so werden auch sie mit ihrem Wirken endigen. Redner hält sich davon überzeugt, daß der Minister-( mir daß ihr Gewissen nicht das Leben einiger verbrannten Präsident mit dem Strafgesetze in der Hand von der Sym-! Hexen, sondern eventuell das Blut der von ihnen Jrregepathie der nüchternen öffentlichen Meinung geleitet, die Berj führten bedrücken wird. (Lebhafte Zustimmung rechts.) breitung des Nebels verhindern könnte. j Und auf diesem Gebiete wäre ich mit den Herren Anti Und nun erhob sich der Minister-Präsident, um zunächst j semiten zu Ende. Die Früchte ihrer Lehren werde ich aufden Antisemiten in einigen energischen Worten heimzuleuchten.! merksam verfolgen, doch werde ich nach besten Kräften Sorge Er sagte: „Auch ohne die Verdächtigung, deren mich mein Vorredner mit Bezug auf deu Antisemitismus theilhaftig werden ließ, war ich entschlossen, mich in dieser Sache zu äußern: ich sage absichtlich, „mich zu äußern", denn mich mit ihnen in eine Discussion einzulasien, war ich nicht und bin ich auch heute nicht entschlossen. Wenn jene Herren, die sich antisemitische Abgeordnete nennen, sich selber eine so große Bedeutung beimeffen, wolle cs mir der geehrte Herr Abgeordnete gestatten, den Grund hiervon vielleicht in der Furcht zu suchen, daß — um mich dafür tragen, daß ich die Verbreitung dieser Lehren und die Vergiftung des Volkes verhindere. (Lebhafte Zustimmung rechts) Ich will doch sehen, ob der Herr Abgeordnete Fenyvesiy, der jetzt dem Verdacht Ausdruck giebt, obgleich er sagt, er wisie nicht, ob es wahr sei, daß ich vor der Verbreitung des Antisemitismus die Augen verschließe, daß ich hier und da eine schöne Rede halte, wobei ich es bewenden laste; ich will doch sehen, ob er, wenn ich die Gelegenheit haben werde, die Mittel zu verlangen, wenn ich keine schöne Rede halten, sondern bestrebt sein werde, die Wirkung der nicht schönen Reden Anderer zu verhindern, ob er die Mittel hierzu votiren seines geistreichen Gleichnisses zu bedienen — daß jener j wird (Lebhafte Zustimmung und Applaus rechts), denn es Tintenfleck das ganze Fließpapier, das wir unser Abgeord-! darf nicht geschehen, daß für das von sicherem Orte geschleunetenhaus nennen, zu beschmutzen im Stande ist. (So ist's! äderte Wort Andere leiden sollen, während die Betreffenden, rechts.) Um dieses Thema zu beschließen, will ich noch eine i die auf dem Wege der Presse und auf welchem Wege immer Bemerkung machen, um sodann in einigen Worten meine! ihre Lehren verbreiten, nie und unter keinen Berhältnisten er- Ansicht über das Resultat zu sagen. (Hört!)! reicht werden können. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ein Abgeordneter hat dieser Tage seine Freude darüber Mir blutet das Herz, so oft ein Unschuldiger und Jrrcausgcdrückr, daß man sich jetzt bereits über den Antisemitis-, geführter leidet, wo cs doch die Gerechtigkeit erfordert, daß mus ärgere, während man vor einigen Jahren, als man zuerst davon gesprochen, darüber lachte. Wissen Sie, was der Grund hiervon ist? Daß wir nämlich den Baum an seinen Früchten erkannt. Diese Frucht ist nichts anderes, als das Einschlagen der Fenster von friedlichen Bürgern, deren Beraubung und körperliche Mißhandlung. (Zustimmung rechts.) Nun, einem Gewächse gegenüber, das anfangs bloß ein lächerlicher Auswuchs war, das aber später solche Früchte bekam, kann man nicht mehr lachen, sondern da ist es bereits Pflicht, andere Mittel zu ergreifen. (Lebhafte Zustimmung rechts. Eine Stimme links: Das geschah in keinem antisemitischen Bezirke! Rufe: Hört!) nicht er, sondern Derjenige, der ihn irregeführt, büßen soll. (Stürmische Zustimmung rechts.) Der Herr Vorredner hat auch finanzielle Motive dafür angeführt, daß der Antisemitismus der Regierung vielleicht nicht unangenehm sei. Er verglich die Regierung mit jenem Arzt, der den reichen Kranken langsam curirt, damit derselbe länger zahlen müsse. Ich denke, der Herr Abgeordnete hat da kein anderes Geld verstanden, als das zu öffentlichen, wenn es so beliebt, zu politischen Zwecken bestimmt ist. (Franz Fenyveffy: Das ist klar!) Wenn der Herr Abgeordnete dies also so verstanden hat, so weiß ich nicht, wie er das als Fehler an-

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