Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1884)
- Date
- 1884-11-04
- Page
- Seite 710 (sequence 2)
- Language
- German
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710 ken fiel ein warmer Schein über den vergilbten Marmor, daß der Rand der Wange und das krause Haar um die Schläfe in seltsamem Schimmer leuchteten. Desto dunkler lag das starr ’ geöffnete Auge in seiner Höhte, und der Löwcngrimm der unter dem Barte vorschwellenden Lippen erschien majestätischer. ' Es war so still in dem dämmerkühlcn Raum, daß man das Schwirren eines Nachtschmetterlings hören zu können glaubte, der um die Hörner des steinernen Riesen taumelte. Es ist! seltsam, wie stark cs noch immer aus mich wirkt, sagte sie,: das letzte Mal genau wie das erste. Es bringt mich aus! aller Fassung und ich habe erst jetzt verstanden, daß es > Naturen geben konnte, die sich unwiderstehlich alle Geister! unterwarfen: die großen Eroberer, Völkerhirten, Religions-1 streiter. Diesem wäre ich selbst, obwohl ich sonst mir meine! Selbständigkeit zu wahren weiß, unweigerlich vierzig Jahre! durch jede Wüste nachgezogen. Und als er noch immer! schwieg: Ich danke Ihnen, daß Ihnen die Worte versagt haben. Das geschieht hier nur Denen, die, mag der Abstand noch so groß sein, dennoch von seinem Geschlechte sind, ich meine wahre, menschliche Menschen, die in einen Abgrund von Andacht versinken, wenn sie das Gesicht deffen sehen, der Gott im feurigen Busch erblickt hat. O es ist schön, es ist himmlisch!" — Sie recitirte hierauf das Sonett Alfieris: Ha, wer bist du, der dort so stolz erhaben Im Marmor sitzt, geprägt in seine Mienen Drei Würden, die noch nie vereint erschienen: Des Völkerlenkers, Kriegers, Priesters Gaben? Tu ließest wieder sich an Freiheit laben Das Volk des Herrn nach langem, bittrem Dienen, Tic Götzen stürztest Du und hast mit ihnen Aegyptens Zwingherrn tief im Meer begraben. Was in dir lebte, athmet hier im Stein, Tenn Nichts hat Michelangelo verhehlt Von deines hohen Sinns gewalt'gen Gluten; Der Meister ebenbürtig dir allein, Der auch, hätt' ihn in Wüsten Durst gequält. Aus Felsen schlug, das Volk zu laben, Fluthen." 1 (Allerdings hat Michel Angelo dem großen Propheten vorzugsweise in seiner Energie, in seiner Alles überwindenden Willenskraft, ja in seinem Zorne über den Unverstand der Menschen, über die Unzuverlässigkeit und Widersetzlichkeit der blinden Menge ausgcsaßt und dargestellt. Hiermit all' die Tcmuth zu verbinden, welche in der Seele Moses wohnte, daß er als der „bescheidenste" der Menschen gerühmt wird. 1) Wir haben uns gestattet, die letzte Zeile etwas zu ändern, die bei Heyse lautet: „Wohl auch dem Fels entsprühn ließ Labestuthen." all' die Liebe, die sein Herz beseelte, und die fick in den ewigen Worten aussprach: „Liebe den Ewigen, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Vermögen" und „Liebe deinen Nebenmenschen wie dich selbst" und in so vielen anderen Anssprüchen — das war für den plastischen Künstler unmöglich. Er mußte dem tiefer sinnenden Beschauer überlaffen, die seelischen Quellen dieser Willens- und Thatkraft, dieses Zornes aufzusuchen, und diese Quellen konnten doch nur die unbegrenzte Liebe zur Wahrheit und zur Menschheit sein!) Pest, den 21. October. Äus dem Ungarischen Abgeordnetenhaus. ii. Die Adreßdcbatte gestaltete sich mehr und mehr zu einer förmlichen Judcndcbatte. Die Antisemiten leisten im Schimpfen; ihr Mögliches und die Liberalen bleiben ihnen die Antwort; nicht schuldig. Am zweiten Tage der Debatte entfaltete Anton Z ich y, der Uebersetzer von Lessing's Nathan und Herausgeber der Memoiren Szecheuyis, nach einer kurzen, aber; drastischen Beleuchtung der Ausführungen der Antisemiten, das Banner des ächten Liberalismus und setzte die Wichtigkeit und Nützlichkeit der jüdischen Bevölkerung auseinander. Sich gegen die Gentry, die antisemitischen Adligen, wendend, ertheilte er ihr den wohlgemeinten Rath: Sie laffe ab von! ihrem Hochmuth, der sie vom Lernen und von der Arbeit zurückhält, sie laffe ab von ihrer gefährlichen Neigung zur I Faulheit, zum Herrenspielen, zur leichtsinnigen Verschwendung ^und zur Schlemmerei; sie möge sich in dieser Beziehung ein > Beispiel nehmen an dem verhaßten Juden, der immer nüchtern, j immer fleißig ist, der geringen Lohn für die manchmal große! Mühe nicht verachtet, unter den Schicksalsschlägen nicht ver-; zagt, ausdauernd und sparsam ist!! Nach Zichy sprach der Antisemit Emerich Szalay,! der „ im eigenen und im Namen seines würdigen Bruders Karl" einen besonderen Adreß-Entwurf einbrachte. Bevor j derselbe zur Vorlesung gelangte, schimpfte er weidlich auf die i Juden, die an Allem die Schuld tragen. Die antisemitischen Adreß-Entwürfe werden nachgerade für den Staat ein theures Vergnügen, denn diese Herzensergüffe kommen in Druck und die Kosten trägt der Staat. Den dritten Tag füllten die Rede des Liberalen Busbach und die des wüthigen Antisemiten Komloffy fast ganz allein aus. Voll polemischer Schneidigkeit zerlegte Peter Busbach, ein hauptstädischer Advokat, das Programm der i Antisemiten. „Ihr Programm, meine Herren, steht nicht aus! der Basis der Moral. (Widerspruch und Lärm seitens der! Antisemiten.) Sie holen ihre Waffen nicht aus dem Arsenal