Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1884)
- Date
- 1884-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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^CCfgcmeitie Zeitung des Iudenthums. Ein nnpartciischcs Organ für alles jüdische Jntcrcssc. Diese Leitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Marl. Abonne lment in Deutschland (Postzeitungsliste i4ir. 82) und Oesterreich bei allen Postämtern. außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Nabbincr Di*. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöitiorr: Leipzig, Woßpkcrh 18 In revactionellen Aiigclelieiilu iien wende man sich an t)r. it. Plnlivpion in jBonn direct, in allen übrigen an die Berlagsbandlung. Beilagen (Gednln >2 M-) sind gleichfalls an letztere einznsenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 4. November 1884. JVo. 45. Inhalt. Leitende Artikel: Moses. Von Michel Angelo, Alfieri, Paul Heyse. — Aus dem Ungarischen Abgcordnctcnhause. II. und III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Leipzig, Cöslin, Düsseldorf, Siegen. — Ocitcrrei ch-Ungarn: Pest. Czernorvitz. — Rußland: Nischny-Noiogorod. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Das 50jährigc Amtsjubiläum des >nrcheurcilhs 1>>'. Moses von Wassermann. — Zur ältesten Geschichte der Juden in Hamburg. — Vermischtes. jücti'cviOc CUtißcf. Bonn, 29. Octobcr. Moses. Von Michel Angela, Alfieri, Paul Heyse. Das wahrhaft große Genie entzündet den Genius Geschlecht nach Geschlecht in lausend bedeutenden Geistern, reißt sie nicht bloß zur Bewunderung, zur Anerkennung in Wort und Bild, sondern auch zur Betätigung, zur Nacheiferung, zum eigenen Schaffen und Wirken hin. Wie eine großartige Naturscene unerschöpflichen Stoff zur anstaunenden Betrachtung, zu entzückenden Beobachtungen und Genüffen darbietet: so auch ein gewaltiger Menschengeist, der im Leben schwerwiegende Thaten vollbrachte und den Nachkommen ein Riesenwerk hintcrließ, auf welches die Jahrhunderte sich aufbauten, es zum Fundamente ihrer eigenen Werke machten, zu welchem immer wieder die irrenden Generationen ihre Zuflucht nehmen, um auf den Weg der Wahrheit und des Rechts zurück zu gelangen. Als solch ein Geist ragt vor Allem Moses, der Sohn Anrrams, hervor. In ihm vereinigte sich eine Fülle von Geistesgabcn, wie sie sonst nur vereinzelt in den bedeutendsten Männern zu Tage treten. Als Religionsstifter und Gesetzgeber brach er die Bahn für das göttliche Licht durch die Dunkelheit der Zeiten, durch die Atmosphäre zahlloser Völker; als Führer seines Bolkes und selbst als Krieger bewährte er sich, ein Held und Menschen beherrscher. Schon von seinem Tode an bis heute wird du Lehre vom einzigen, ewigen Gotte, dem unendlichen Weltgeiste, nach seinem Namen benannt; kurze Zeit nach seinem Hinscheiden hieß es in seinem Volke-. Es stand fortan kein Prophet auf wie Moses, der Gott und das Göttliche so klar und umfaffend erschaute. Aber die Zeit kam, wo das Werk, das Moses vollbracht hatte, sich über die Erde verbreitete und in alle Nationen eindrang, welche der Gotteserkenntnis; und der Geistesbildung sich zuwandten. Seitdem erfüllt sein Wort und die Kenntniß seiner Thaten zahllose Menschengeschlechter, und mächtige Geister zollten ihm Bewunderung und den Ausdruck ihrer Anerkennung. In Rom, in einer entlegenen, äußerlich ganz unbedeutenden Kirche, San Pietro in vinc-ulis, befindet sich die riesige > Statue Moses von Michel Angelo (1475—15i‘4\ Durch! ein eigenes Geschick gerieth sie, welche ihren Standpunkt über! dem Grabe eines gewaltigen Papstes haben sollte, in dieses! Kirchlein, ^ils ob sie in diesem kümmerlichen Raume vorläufig bei Seite gestellt wäre. Wer aber, der Rom besucht, pilgert 'nicht zu ihr, zu dem Meisterwerke des größten Pildbaners i seit der Griechenzeit, das die nüchterne Kirchenwand mit seinem Glanze erfüllt. Sie begeisterte den italienischen Tragiker Alfieri (1749—1803) zu einem charaktervollen Sonett, dessen deutsche Uebersetzung vor Kurzem Paul Heyse einer meisterhaften psychologischen Novellette („die guten Kameraden 1884.") eingesügt hat. Er schildert die Situation (einer : Dame und eines Herrn) folgendermaßen: „Sie seote sieb, die i . ganze Breite des Schiffes dazwischen lassend, in einen Chorsiubl, ' der Statue gegenüber, und er blieb au einen Pfeiler geleimt : > in ihrer Nähe. Durch einen rothen Fenstervorhang zur Lin- 45