Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1884)
- Date
- 1884-11-04
- Page
- Seite 711 (sequence 3)
- Language
- German
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711 unserer gebildeten Zeit, sondern aus der Rumpelkammer einer, längst begraben geglaubten Zeit. (Lebhafter Widerspruch seitens der Antisemiten.) Sie gehen auf die grauenvollsten Tage einer finstern! Zeit zurück; Sie schreiben den Haß auf Ihre Fahnen und, machen eine Confesfion zum Gegenstände der Verfolgung. Und doch sagen Sie: Sie wären die Kinder der heutigen Zeit! Ich leugne das! Ihr Programm zeigt das nicht! Indem Sie hier unter dem Schutze der Immunität, von diesen Bänken, wo man Sie sür Ihre Reden nicht zur Verantwortung ziehen kann, eine Confesfion verfolgen, Sturm säen, die schlimmsten Leidenschaften aufwühlen, stehen Sie nicht auf der Basis der Moral! (Rufe seitens der Antisemiten: Gerade wir stehen auf dieser Basis!) Sie sehen nun die Folgen Ihres Vorgehens; Sie sehen die Beßprimer Verurtheilten. Unter denselben sitzt kein einziger von Jenen, die die intellectuellen und moralischen Urheber jener Unruhen waren. Sehen Sie den Preßburger Fall. Wer von den intellectuellen Urhebern ist unter den Verurtheilten? Sie stehen schon darum nicht auf moralischer Basis, weil Sie sich zurückziehen, wenn der Tag der Gefahr kommt und lasten die unglücklichen Bethörten untergehen. (Rufe seitens der Antisemiten: Das ist nicht richtig! Wir fürchten nicht die Gefahr! Wir verantworten unsere Handlungen! Hört!) Ihre Adressen, Ihre Reden stören nicht nur die Ruhe des Landes, sondern erschüttern den Boden unter Ihren eigenen Füßen, indem Sie Ideen verbreiten, welchen Grenzen zu ziehen Sie nicht die Macht haben werden. Und darum ist Ihr Vorgehen auch unpolitisch. (Widerspruch seitens der Antisemiten.) Ich glaube, daß der Herr Abgeordnete, der mich unterbrochen hat, zu alledem die Achsel zuckt. Aber geben Sie Acht: draußen wird man, wenn die Juden einmal vertrieben wären, ausrufen: „Nun wollen wir weiter gehen gegen Jene, die noch etwas haben!" (Lärm auf den Bänken der Antisemiten.) Sie erschüttern die Sicherheit im Lande, das Vertrauen zu den geordneten Zuständen, indem Sie den Samen des Zwistes gegen eine Consession ausstreuen; Sie untergraben das Ansehen des Landes vor dem Auslande. Sie bringen es dahin, daß ein Starcsevics den Math hat, in den Agramer Straßen zu rufen: „Schlaget den Juden die Fenster nicht ein, wie die Ungarn es thun. Zeigen wir, daß wir Kroaten gebildeter sind als die Magyaren!" (Bewegung rechts; Unruhe seitens der Antisemiten.) Das ist die Frucht Ihres Vorgehens. Sie finden Ihre Freude daran, daß Sie das Land vom Grunde auswühlen. Wir streben nach Consolidirung; wir fühlen, daß wir schwach sind, daß der ungarische Stamm zunehmen müsse, um sich in dieser kritischen Zeit zu erhalten. Franz Komlossy: Gerade die Juden verhindern dies! . . . Peter Busbach: Wo der Seelsorger Frieden und Nächstenliebe verbreiten sollte, verkünden Sie Haß und Zwietracht! Franz Komlossy: Ich werde darauf schon antworten! Präsident: Ich bitte den Herrn Abgeordneten — ich weiß nicht, wie er heißt, da er sich mir nicht vorgestellt hat — den Redner nicht zu unterbrechen; seinerzeit hat er das Recht zu sprechen. (Zustimmung.) Franz Komlossy: Ich heiße Franz Komlossy! (Großer Lärm auf den Bänken der Antisemiten.) Ivan Simoniy: Ich bitte den Herrn Präsidenten! (Großer Lärm rechts: Rufe: Zur Ordnung! Auf seinen Platz!) Präsident: Ich mache den Herrn Abgeordneten aufmerksam, daß er nicht das Recht habe, den Redner zu unterbrechen. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Peter Busbach: In dem Adreß-Entwurs der Antisemiten wird ein sehr merkwürdiger Vorgang beobachtet. Einerseits werden die Semiten eingesponnen — wie es die Spinne mit ihrem Opfer macht —, daß sie weder Hand noch Fuß rühren können; andererseits fällt man über sie her und sagt: Warum hast Du Geld? Du hast cs aus dem blutigen Schweiß unseres Volkes. Wenn der Jude sein Geld verwerthet und in Industrie-Unternehmungen anlegt, sagt man ihm: Weshalb nimmst Du unseren Gewerbetreibenden das Brot? Wenn er Grundbesitz kauft, dann sagt man ihm: Du nimmst ja der Gentry das Erbe weg! Ist das ein moralisches, ein politisches Vorgehen? Nicht erheben, sondern wegstoßen, nicht veredeln, sondern in Ihrem Hasse zu Tode hetzen wollen Sie eine Claffe Ihrer Mitbürger. (Eine Stimme von den Bänken der Antisemiten: Beweisen Sie das!) Unter solchen Umständen seien Sie froh, daß wir von Ihnen nicht reden, Ihre Thätigkeit nicht analysiren. (Zustimmung rechts.) Tie Antisemiten, welche die Schärfe dieser Rede sehr wohl fühlten und sie daher mit Ungeberdigkeit aufnahmen, schickten Franz Komlossy ins Feld, einen Geistlichen, von dem sie verbreitet hatten, er sei ein guter Redner. Der hochwürdige Herr, der Cremieux, den Jnstizminister der zweiten und dritten französischen Republick, sür einen Jndenrabbiner hält, der sich bis zu einer Kritik der vom Throne ansgegangenen Worte versticg, rief ebensowohl allgemeine Entrüstung wie Heiterkeit hervor. Er ist überzeugt, daß ein großer Thcil der Mitglieder des Hauses im Geheimen so fühlt wie er. (Lärm. Widerspruch rechts.) Alle Abgeordneten, mit welchen er verkehrt hat, äußerten sich dahin, daß sie im Herzen so fühlen wie er, jedoch durch allerlei Nebenrücksichten verhindert sind, sich seiner Partei offen anzuschließen. (Rufe rechts: Wer sind die? Heiterkeit.) Dieses Bewußtsein erniuthigt ihn, die Wahrheit zu verkünden. Schon höre ich — fährt Redner fort — das Geschrei der Schristkundigen und der Pharisäer (Lebhafte Heiterkeit), die ihr „Eeneithue!" rufen, weil sie nicht wollen, daß der Priester sich in Politik menge, besonders dann nicht, wenn der Priester, der Uebcrzeugung seines 45*