Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1884)
- Date
- 1884-10-28
- Page
- Seite 703 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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gut, aber es fehlt doch an Religion." Dann sprach sich Se. Majestät bitter über das Treiben der Socialdemokraten in England und der Schweiz aus. Ich erwiderte: Es steht in Berlin so schlecht nicht: unter mir arbeiten sechszehn Stadt- Missionare, die kommen an jede Thür und haben sich überzeugt, daß die Herzen noch offen und empfänglich sind." „Glauben Sie das wirklich?" fragte Se. Majestät. „Ja", sagte ich, „man muß nur mehr für die Kirche thun, dann wird noch Alles gut werden." Zwei Jahre später hatte ich wieder die Ehre, mit den Führern der Berliner Bewegung von Sr. Majestät empfangen zu werden; es war am Vorabende des Geburtstages des Kaisers. Es muß beachtet werden, daß bei dieser Gelegenheit Deputationen politischer Parteien gewöhnlich nicht empfangen werden. Ich hatte damals die Ehre, das Wort an Se. Majestät richten zu dürfen. Er kam aus einen Stock gestützt — er hatte sich kurz vorher den Fuß verletzt — auf uns zu und sprach gegen 20 Minuten in aller Frische und Lebendigkeit mit uns. Wir sagten ihm: „Majestät, es ist anders geworden in Berlin, wir haben überaus zahlreich besuchte Versammlungen, die einig darin sind, daß das Christenthum die einzige erlösende Macht ist." — Wenn Stöcker diese Vorgänge auch in seinem Lichte darstellt, so können sie doch nicht ganz aus der Luft gegriffen sein, und geben manichfaches Licht für die seitherige Situation. Doch ist bekannt, daß Stöcker in letzter Zeit bei Stellenbesetzungen nicht berücksichtigt worden ist. Gießen, im Oktober. In einem Schreiben der Herren M. Homberger und vr. Rosenberg in Gießen an den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde daselbst wird diese Behörde aufgefordert, dahin zu wirken, daß alle mosaischen Glaubensgenoffen bei der bevorstehenden Reichstagswahl ihre Stimmen zu Gunsten der „freisinnigen" Candidaten abgeten. Es wird das damit begründet, daß nur die freisinnigen Abgeordneten bei der in der letzten Legislaturperiode stattgehabtcn judenfeindlichen Debatten energisch für die Gleichberechtigung aller religiösen Bekenntnisse eingetreten feien. Hiegegen sagt ein „Israelit" im (national-liberalen) Franks. I. u. a.: „Die Debatten im Reichstage waren mehr für die Hörer und Leser außerhalb als innerhalb des Hauses berechnet und haben den fortschrittlichen Abgeordneten Gelegenheit zu recht glänzenden Redeübungen gegeben, die nun bei den Wahlen dazu verwerthet werden sollen, um unsere Glaubensgenossen sammt und sonders der fortschrittlichen Partei zuzuführen. Ohne undankbar zu sein, glaube ich denn doch, daß damit der uns geleistete Dienst zu hoch gewürdigt wäre. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir unsere Gleichstellung der Initiative der Regierung verdanken. Allerdings werden wir unseren Geg nern nicht unsere Stimme geben, wir sind indessen weit entfernt, nur die eine Frage an den Candidaten zu richten und alle anderen dahinter zurückftehen zu lassen. Es ist eine Schmähung, uns eines solchen Egoismus für fähig zu halten. Alles, was unser deutsches Vaterland bewegt, findet einen treuen Widerhall in unseren Herzen. In gleicher Weise wie der Inhalt ist auch die Adresse des Schreibens incorrect. Die Religionsgemeinde wird aufgefordert, einzutreten nnd eine politische Wirksamkeit auszuüben. Die Religionsgemeinden sind nur Cultusgemeinden, einen anderen Zweck, eine andere Aufgabe haben sie jetzt nicht. Allerdings war das früher anders; mit der Gleichberechtigung hat jedoch die politische Wirksamkeit aufgehört: sie wieder aufleben lassen, hieße die alten Bollwerke, die mehr fesselten als schützten, wieder Herstellen wollen. Als Jude verwerfe ich und gewiß gar viele meiner Glaubensgenossen mit mir die Ausführungen der Herren Homberger und vr. Rosenberg. Cösli«, 11. Oktober. Der Proceß wegen der Neustettiner antisemitischen Unruhen, zu welchen die Rückkehr der in dem Synagogenbrandproceß freigesprochenen Angeklagten im März dieses Jahres Veranlassung bot, wird am 20. d. M. vor dem hiesigen Schwurgericht zur Verhandlung kommen. Die Zeugen sind bereits für diesen Termin vorgeladen. Ein Neustettiner Geschworener wird in dieser Periode nicht Mitwirken. Hagen, 4. Oktober. (Privatmitth.) Der Führer der Antisemiten in Dortmund, Maßmann, hat sich auf der Fahrt von dort nach Herdecke im Eisenbahnwagen heute morgen erschossen. Der jüdische vr. Falk in Herdecke hat die Leichenschau abgehalten. Oesterreich-Ungarn. Pest, 13. Oktober. (Privatmitth.) Die antisemitische Partei des ungarischen Abgeordnetenhauses will sich gleich von Beginn der Session an bemerklich machen, und hat deshalb einen besonderen sehr umfangreichen Adreß - Entwurf als Antwort auf die Thronrede eingereicht. Bemerkenswerth ist, daß derselbe nur von 11 Mitgliedern unterzeichnet ist. In dieser kleinen Fraktion ist also auch eine Spaltung vorhanden, wie dies auch nicht anders sein kann, da der ganze Entwurf von reaktionärem Geiste strotzt. Das wunderlichste ist aber, daß diese 11 reaktionären Separatisten immer noch zur Unabhängigkeitspartei gehören — eine gleiche Begriffsverwirrung, ein solcher Widerspruch in xrirmixüs ist wohl in keinem anderen Laude vorhanden. Es versteht sich von selbst, daß in demselben die Juden als die Ursache aller Uebelstände, als lauter Staatsbelzebube dargestellt werden. Es wäre überilüssig, diese, doch schon zum Ueberdruß wiederholten Anklagen nochmals wiederzugeben. Der Schluß krönt das Werk. Es heißt da: „Die Juden seien heute nicht bloß eine Gefahr für die christliche Gesellschaft, sondern bedrohen auch die christlichen Dynastien und Throne. Dies beweise das Beispiel der französischen Republik, des russischen Nihilismus, für den die Juden ein Kontingent von 55 Prozent stellen 44*