Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1884)
- Date
- 1884-10-28
- Page
- Seite 699 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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699 chim von Rabbiner Professor Dr. Levy (Leipzig Brockhaus, 1884) bei uns angelangt ist. Es ist dies die 17. Lieferung, die erste des 4. Bandes, und befaßt den Buchstaben £ 6i§ Es werden also bis zur Vollendung des Werkes noch circa 6 Lieferungen erforderlich sein, und da seit längerer Zeit jedes Jahr nur eine Lieferung erscheint, so hat man sich noch über ein Lustrum in Geduld zu fassen, bis das ausgezeichnete verdienstvolle Werk abgeschlossen sein wird. Wir gestatten uns diesmal einige allgemeine Bemer- : kungen anzuknüpsen. Es ist bekannt, daß die Sprache der Talmudim und Midraschim für die Aufnahme und den Gebrauch von Fremdwörtern in ganz außerordentlichem Maaße geneigt war, und zwar nicht bloß für Wörter und deren Bedeutung aus verwandten Dialekten, sondern auch aus ihr durchaus fremden Sprachen, deren Gestalt sie nicht enrmal nach bestimmten grammatikalischen Gesetzen, sondern nur nach Bequemlichkeit sich adoptirte. Die talmudischc und midraschische Sprache ist hierdurch zu einer linguistischen Buntwirkerci gelangt, in welcher die einzelnen Farben wenig harmoniren. Der Buchstabe E ist nun derjenige, welcher im Vergleich mit den anderen die meisten Wörter griechischen Ursprungs befaßt, und wir haben uns deshalb der Mühe unterzogen, diese Wörter zusammenzustellen, um denjenigen unserer Leser, welchen der Gegenstand fremd ist, ein Bild von dem Eingang dieser Sprache in den Talmud und Midrasch übersichtlich zu geben. Es liegen nämlich hierin einige culturhistorische! Momente, und zwar nach beiden Seiten hin. Vergleichen wir! nämlich einerseits den in dem Talmud und Midrasch aufgenommenen griechischen Sprachschatz mit dem betreffenden lateinischen, : so ist der letztere gegen den crsteren verschwindend klein, obschon doch die Römer das herrschende und auch später polii tisch wichtige Volk waren. Es geht daraus hervor, wie tief i die griechische Cultur in den Orient cingedrungen und wie! beherrschend ffe für das wirkliche Leben war. Andererseits! zeigt dieser faktische Sprachzustand, daß die in den Talmu-! disten vorausgesetzte Ausschließlichkeit durchaus keine so starre und allem Fremden unzugängliche war. Allerdings bemerkt man bald, daß die eigentlichen Grundelemente der Sprache von der Fremdsprache unberührt blieben, so daß z. B. die Verben mit höchst seltenen Ausnahmen nichts von der griechischen Sprache annahmen. Auch wird cs sich aus unserer Zusammenstellung ergeben, daß gewißc Gebiete von den Talmudisten gar nicht beriihrt wurden, was immerhin charakteristische Winke gewährt. Wir bemerken noch einmal, daß wir nichts Erschöpfendes geben, da wir uns auf den Buchstaben E beschränken. — Zunächst fällt uns aus, wie für alle politischen Einrichtungen der Gebrauch der griechischen Wörter so reich ist; so für die Stadt selbst (it^e), die Vorstadt, das Weichbild, die Stadtvcrwalung und das Eigenschaftswort „politisch" selbst. Edict, Consulat, Vornehme, Rathsobere, Aufseher, Wächter, Gefängniß, Gerichtsrath, Oeffentlichkeit, Aelteste, Patron, Stammväterlich, Unmündige, sowie mit Strafgeld belegen und Gnadenbezeugung, Protektor und Procession. Hierhin gehören auch Krieg, Krieger, Oberst, Kriegsnotar, Hauptmann, Infanterie, Besatzung; endlich Prosbul, Gasthaus, Gastwirth,Gastwirthin,Küchcnversorger und Palastbeamter. Aus dem Bereiche des Handels sind die griechischen Benennungen in Gebrauchfür Handel oder Geschästsbetriebselbst, Geschäftsmann, Verkäufer von Backwaarcn und Fruchthändler, für Waare überhaupt, Marktplatz, Geldbeutel und Beutel als Werthbezeichnung; an Waaren: Gewürz, Purpurfarbe, Zwieback, Gezwirntes, Buntgewirktes, Bündel Werch oder Flachs, wohlriechende Oele, Becher. Aus der Architektur begegnen wir: Bauplatz, Gerüste, Balken, Fachwerk, Palast, Thor, Durchgang, Vorsaal, Bildersaal, Gesandtschaftssaal, Pavillon, Hasen, Rennbahn. Von Gerathen werden griechisch bezeichnet verschiedene Arten Schüsseln, Schaale, Platte, Faß, Krug, Trinkgeschirr. Ferner Beil, Korb, Klingel, Laterne, Kühlgesäß für den Wein, Sänfte, Halfter, Peitsche, endlich Geldkatze, Schreibtafel und Zither.— Von Kleidungsstücken begegnen wir nur Oberkleideru und Staatsgewändern, was immerhin bezeichnend ist, also: Ober-! kleid, Staatskleid in mehrfachen Bezeichnungen, Ueberwurf, 'Prachtmantel, Kutte, Schürze, Filzhut und Maske. — Aus i dem Bereiche der Natur hingegen finden wir verhältnißmäßig! nur wenige griechische Ausdrücke. An Pflanzen werden griechisch benannt: Raute, Wasserpflanzen, Petersilie, Schotenpflanzen, Bohnen, Balsamstaude, Bnchsbaum, Pfeffer, und Wermuth, Platane, Papierstaude und Obst überhaupt, besonders Haselnuß; von Thieren nur Schafe, Panther, Fasan, Thunfisch, Schuppen. Außerdem werden Planet, Meer, Fels, felsig, Quelle, griechisch benannt. Daß die Talmudisten von der griechischen Medizin wenig Notiz nahmen, erkennt man wohl daraus, daß in unserem Buchstaben nur Podagra und Polyp griechisch Vorkommen. — Der Pädagoge, die natürliche Anlage, dagegen erzogen und unterrichtet, so wie Kinder überhaupt werden hier und da griechisch benannt: Alles was uns nun noch übrig bleibt, müssen wir unter der Bezeichnung! Diverses zusammenfaffen. Wir haben hier Psychologisches, i wie Vision, Zanksucht, Absicht, erdichtet, Betrüger, Erscheinung, } Vertrauen, Bestätigung, deutliche Erklärung. Für die Mathematik erscheint uns Spirallinie, süufwinkelig, in sittlicher Beziehung Buhlerin, Buhlstätte, Wüstling, fünffacher Sünder, i Seeräuber. Ferner finden wir Philofoph (der bei den Tali mudisten in keiner hohen Achtung steht). Dichter, Dichtung,; auch Bauchredner; weiterhin Pause, Aera, Zielscheibe, Loos, schminken, Schmuckkästchen, Stammler, Schlag, Schlamm, mannbar, sich angenehm unterhalten, sonderbar (paradox), Nachfeier der Hochzeit, glänzend, sich abarbeitcn, Einschlag des Gewebes, Mastdarm. Wenn von den öffentlichen Spielen i nur die Rennbahn (Hippodrom) entlehnt ist, so von allen