Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1884)
- Date
- 1884-10-28
- Page
- Seite 695 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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695 nur von dem religiös-sittlichen Standpunkte aus. In jeder! anderen Beziehung fehlt ihnen die Berechtigung gesonderter j Existenz. Desto wichtiger, desto heiligere Pflicht ist es, die! religiöse Ueberzeugung und das sittliche Wesen mit aller * Kraft in den Bekennern des Judenthums zu erhalten, zu stärken, zu festigen. — — Hinsichtlich der wissenschaftlichen und populären Durcharbeitung des Judcuthums, wie eine solche in keinem Zeitalter aus den Gesichtspunkten desselben gefehlt hat und seit dem Eintritt der Juden in das allgemeine Culturleben erst recht wieder nothwendig geworden, wollen wir heute nur die eine Bemerkung machen, daß ohne die wissenschaftliche Bearbeitung die populäre nicht möglich ist, wenn sie nicht zur bloßen Phrase werden soll. Jene bietet dieser Stoff und Inhalt, diese jener die Form und das Berständniß, durch welche sie auf den Geist der Menge zu wirken vermag, und den ganzen Reichthum an Gedanke und Lehre zugänglich für Alle entfaltet. Gerade hierin liegt die Schwierigkeit und der Werth der populären Bearbeitung, da in ihr hoher Geist und tiefe Empfindung mit reicher Gestaltungsgabe verbunden sein muß. So unentbehrlich deshalb die wissenschaftliche Forschung ist, so steht sie doch fremd der großen Laienwelt gegenüber und wir haben daher alle diejenigen Organe hochzuschätzen, durch welche jene für die Laienwelt flüssig, genießbar und wirksam gemacht wird. — — Dies sind unsere Ziele, die wir, so lange cs uns gegeben ist, mit unermüdlichem Eifer anstreben. London, den 3. October. Warnung des Board of Guardians for the Relief of the Jewisli Poor. Geehrter Herr Redacteur Als Präsident der hiesigen jüdischen Arineucommission halte ich cs für meine Pflicht, vermittelst Ihres weitverbreiteten Organs einen eindringlichen Warnungsrnf an unsere Glaubensbrüder in Deutschland, Rußland und Oesterreich ergehen zu lassen, um ihnen von einer Einwanderung nach hier, in der Erwartung entweder hier einen Lebensunterhalt zu rinden, oder von hier aus zur Weitercmigrarion nach Amerika afsistirt zu werden, auf das Allereutschiedenste abzurathen. Ich fühle mich zu diesem Mahnruf gedrungen, da es zu meiner Kenntuiß gekommen ist, daß eontinentale Comitös keine Bedenken hegen, viele der nothleidendcn Brüder zur Reise nach England überreden und ihnen zu diesem Zwecke nur gerade genug Mittel geben, um Landen zu erreichen. Sämmtliche Z neige der Industrie, des Handels und Gewerbes sind hierzulande mehr als überfüllt, tagtäglich wächst die Noth, überall stößt inan auf Hunderte von Beschäftigungslosen, die gern irgend welche Arbeit verrichten würden, wenn sie solche nur finden könnten. Tie russischen Verfolgungen und die bedauernswerthen religiös - socialen Reibungen aus dem Eontinent während der letzten drei Jahre haben seitdem die Reihen unserer hiesigen Unterstützungsbedürftigen bedeutend verstärkt, und wenn cs diesen, die, nachdem sie sich hier angesiedclt und mit unserer Sprache, unsren Sitten und Gebräuchen einigermaßen vertraut sind, schwer fällt, einen Lebensunterhalt zu finden, wie kann es da erst den Neuankommenden ergehen! Früher war es uns ermöglicht, die durch den Zufluß der fremden Armen entstehenden Schmierigkeiten zu überwinden, indem wir einem Theil derselben zur Weiteremigration nach den Bereinigten Staaten behülslich waren; aber dieser Ausweg steht uns nicht mehr offen; die amerikanischen Behörden haben uns eindringlich gewarnt, daß sie nur rüstigen und wirklich arbeilsfähigen Emigranten das Landen gestalten, und daß selbst solche etwas eigene Mittel besitzen müssen. Manche der Emigranten, die diesen An- . sordcrungen nicht entsprechen konnten, sind wieder nach Europa zurückgesandt worden, und abgesehen von dem aus solche Weise unnütz verschwendeten Gelbe, sind diese Armen dadurch großer Roth und Entbehrung ausgesetzt gewesen. Wir waren stets gern bereit, unseren vom Eontinent kommenden Brüdern, soweit es unsere Mittel erlaubte!'., hülseleistende Hand zu reichen, und mit gerechtem Stotze können die Juden Englands auf ihre Bemühungen in dieser Hinsicht deuten, die cs Tausenden von deutschen und russischen Glaubensbrüdern ermöglichten, sich erfolgreich in Amerika und den Colonien niederzulasscn oder hierzulande einen, wenn auch weniger sicheren, Lebensunterhalt zu rinden. Wie die Berhältniffe aber jetzt liegen — außergewöhnliche Leblosigkeit in Handel und Gewerbe hier, und außergewöhnliche Beschränkungen für Einwanderer in Amerika — ist es unsere Pflicht, unsere Brüder dringend daraus aufmerksam zu machen, daß, wenn der Zufluß der Einwanderung wie bisher anhälr oder gar größere Dimensionen annimmt, cs uns absolut unmöglich sein wird, ihnen hier HüEe zn gewähren, und daß sie ohne solche der Roth erliegen oder schließlich wieder in ihre alte Heimatb, unter schlimmeren Verhältnissen, als sie dieselbe verlassen, zurückkehren müssen. Mein eindringlicher, brüderlicher, wohlgemeinter Mahnruf ergeht daher an alle die Juftituciouen, deren Ausgabe es ist, der Roth unserer nothleidendcn Brüder abzuhelsen, die bisherige Weise, sie einfach nach hier zu schicken, auszugebeu. Mit dem Hierhcrsenden ist den Armen nicht geholfen, im Gegentheil wird ihr Leiden durch bittere Enttäuschung und zwecklose Hin- und Herfahrt nur unnütz vergrößert. Ich bitte Sie, geehrter Herr Redacteur, mich in dieser 44"