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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-21 · Heft 43 (21.10.1884) · p. Seite 687

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 43 (21.10.1884)
Date
1884-10-21
Page
Seite 687 (sequence 11)
Language
German
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687 Prag, 6. Oktober. Im böhmischen Landtage wurde eine Petition eingebracht um Erhöhung des Beitrages für den israelitischen Religionsunterricht aus dem Landesfond, nachdem durch die letzte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofcs festgestellt worden, daß die Israeliten in Böhmen durch kein bestehendes Gesetz zur Leistung einer Kultussteuer! verhalten werden können. i Krakau, 10. Oktober. In dem Prozesse gegen Moses Ritter und Gen. lautete das Verdikt der Geschworenen aus j schuldig, und wurden Moses Ritter, Gittel Ritter und j Strochlinski zum Tode durch den Strang verurtheilt. Tie > Bertheidiger haben die Nichtigkeitsbeschwerde angemeldet. I Rußland. I Petersburg, 4. Oktober. Tie „Voss. Ztg." enthält über die „Inden-Commission" einen ausführlicheren Bericht. Nachdem Einiges über die russischen Sekten und deren gegenwärtige Behandlung Seitens der Regierung mitgetheilt worden heißt es: „Die objektive Auffassung der Regierung in der Sektircrsrage ist offenbar geeignet, auch auf die noch schwebende Judenfrage günstig einzuwirken, die allem Anschein nach mit großer Sorgfalt behandelt wird und jedenfalls nicht mit dem Hintergedanken angeregt wurde, sie um jeden Preis zu Ungunsten der jüdischen Bevölkerung zn entscheiden. Es muß das erwähnt werden, weil die Verhältnisse, die zur Niedersetzung der Kommission unter dem Vorsitz des Grasen Pahlen führten, sehr geeignet sind, eine gegenrheilige Meinung zu erzeugen. Nach Wiederaufnahme der Arbeiten in der Kommission gelangen zunächst zwei Fragen zur Entscheidung, i über welche von den Regierungsorganen der Provinzen Gut-| achten cinverlangt wurden. Für die Erweiterung des Anfie-! delungsrechts der Juden spricht sich die Mehrzahl der einge-! gangenen Gutachten aus, weil dadurch allein die Fälle vonj Gesetzumgehung durch Juden beschränkt werden können; doch! soll diese Erweiterung nur eine allmählige sein und in dein! Maße verwirklicht werden, als die russische Landbevölkerung^ die vorläufig zu wenig civilisirt ist, um sich vor der Ausj beutung durch Juden schützen zu können, in der Cultur fort- > schreitet. In Betreff der zweiten Frage, ob den Juden , die Erwerbung von Grundbesitz zu gestatten sei, gehen die j eingelaufenen Gutachten auseinander. Eine Meinung wendet sich strikt dagegen und will auch von jüdischen Pächtern nichts wiffen, eine zweite plaidirt dafür, den Ankauf von Land zu gestatten, Arrondirung aber zu untersagen, weil deren Zweck Ausbeutung des Landvolks ist. Eine dritte Meinung endlich betrachtet die Frage vom allgemein staatlichen Standpunkt, und verlangt für die Juden gleiches Recht mit allen übrigen russischen Ilnterthancn. Mit einiger Bestimmtheit ist vorauszusehen, daß die Lösung dieser Frage nicht zu Gunsten der Juden ausfallen wird, trotzdem schwer einzusehcn ist, aus welche Weise sie sich dem Schacher abwenden und einer productiven Thätigkeit zuwenden sollen, wenn ihnen die Beschäftigung mit dem Ackerbau unmöglich gemacht wird." Turek, 10. Oktober. Ter Abend des Bersöhnungstages ging an einigen Orten nicht ohne Beunruhigung der in den Synagogen versammelten Beter vorüber. Am hiesigen Platze schaarte sich der Pöbel zusammen und warf Steine durch die Fenster. Alsbald erschien der Polizcidircktor Parschin und der Polizeiwachtmeister Katschkoski zur Stelle und der Pöbel lief auseinander. Wie sehr wir den genannten Herren zu Dank verpflichtet sind, braucht nicht bemerkt zu werden. Gleiches geschah in Zychlin, wo es die katholischen Geistlichen waren, auf deren Ansprache der Pöbel sich verlief. In Gostynin bei Warschau benutzten Diebe denselben Abend die Abwesenheit der Juden aus ihren Häusern, um viele Dieb-; stähle auszuführen. — In Mitau fiel beim Gottesdienst eine Frau in Ohnmacht, und alsbald erscholl Feuerlärm, der eine große Panik verursachte. Erst die Ankunft der Feuerwehr; beruhigte die Versammlung. Unglücksfälle sind nicht vorgej kommen. Gleiches ereignete sich in Balta. — Beinahe hätten j wir in Klodawa (Gouv. Kalifch) eine Tißa Eßlarer Geschichte j erlebt. Man beschuldigte die Juden, eine Tienstsrau getödtet I und auf ihrem Gottesacker beerdigt zu haben. Alsbald stell- | ten sich Zeugen ein, die alles gesehen haben wollten. Tie Behörden, um Excesfe zu verhüten, verhafteten die Angej schuldigten. Eine sorgfältige Untersuchung stellte die ganze Sache als böswillige Erfindung heraus, die Juden wurden! sreigelaffen und die Zeugen verhaftet. Die Untersuchung gegen letztere wird eifrig sortgeführt. — In Sadowa ereignete sich das Gegenspiel. Ein Bauer entführte einen neunjährigen jüdischen Knaben, um ihn zu zwingen, sich taufen zu laffen. Nach längerem Suchen fand die Behörde den Knaben in einen Stall des Bauern gesperrt, der ihn mit dem Tode bedroht hatte, wenn er nicht katholisch würde. Der Knabe wurde seiuen Eltern wieder zurückgegcben und der Bauer in Haft genommen. — Bei der Reise Sr. Majestät des Kaisers nach Skierniewize zur Zusammenkunft mit den Kaisern von Deutschland und Oesterreich, übcrbrachten ihm der Landcssitte gemäß Deputationen Brod und Salz. An mehreren Orten befanden sich auch Juden unter den Depu- . tirten, 5- B. in Lodz 5 jüdische Großindustrielle. Bei den; Spenden, welche der Kaiser den Armen zukommen ließ, bc- 1 fahl derselbe stets, daß die Bertheilnng ohne Berücksichtigung > des Glaubens geschehe. Se. Majestät besuchte in Warschau! die Lehranstalten und darunter auch einige jüdische, l — Der Oberrabbiner Dr. Arabkin der jüdischen Bevölkerung in Petersburg hat sich in diesen Tagen mit dem Gesuch an den Stadthauptmann, General-Lieutenant Greffer gewandt, fämmtliche Arrestanten mosaischer Confesfion, die in den verschiedenen Gefängnissen der Residenz verthcilt sind, 43*

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