Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1884)
- Date
- 1884-10-21
- Page
- Seite 685 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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685 Theologie bestimmten. Erst in den allerletzten Jahren hat sich dies in Etwas gebessert. Es wird also auch an regelmäßig gebildeten Rabbinen fehlen, die Deutsche sind. — Allerdings scheint der Tenor des oben gegebenen Artikels anzudeuten, daß der Antisemitismus mit seiner, doch schon so oft und so gründlich widerlegten Behauptung über das Einströmen ausländischer Juden in Preußen in maßgebenden Kreisen nicht ohne Anklang geblieben. Wir bedauern dies und müssen von der Zeit und den Fakten Remedur erwarten. Aus der Provinz,!). Oktober. (Privatmitth.) Wenn es sich gegenwärtig hcrausstellt, daß die Antisemiten bei der jetzigen Wahlbewegung in Berlin keinen irgend welchen Erfolg versprechenden Boden finden, so ist es erklärlich, daß sie ihre lüsternen Blicke aus die Provinz richten und hier den Versuch machen, aus den Vorurtheilen des Volkes für ihre werthen Personen Nutzen zu ziehen. So hat sich Stöcker von dem sogenannten deutschen Rcformverein in Breslau einladen lassen, einen antisemitischen Vortrag zu halten. Hier ist der Baumeister Hartwig aus Dresden, der Führer der antisemitischen Reformvereinler in der sächsischen Residenz im Westkreis als Candidat nominirt worden und soll nun durch Stöcker unterstützt werden. Ferner ist der bekannte Bickenbach nach Treuenbrietzen gewandert, um sich als antisemitischer Candidat für Jüterbog-Luckenwalde-Zauch-Belzig aufstellen zu lassen. Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit erwähnen, daß, wenn der Antisemitismus in seinen Auswiegelungsversuchen, in seinen Wühlereien und Hetzereien in jüngster Zeit an Kraft und Bedeutung verloren hat, sich seine Wirkungen in sozialer Beziehung in vielen Kreisen doch noch recht fühlbar machen. Besonders drängt er, allen den Juden, welche die juristische Laufbahn gewählt haben, die möglichsten Hindernisse und Schwierigkeiten zu bereiten. Erwägt man, daß die Anstellung ' als Richter zumeist von den Chefs der Gerichte abhängt, so! wird man ein sehen, daß eine solche Anstellung sehr erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Es giebt solche, welche jüdische Juristen mit dürren Worten auf die Praxis als Rechtsanwälte verweisen. Hinterdrein natürlich erhebt man nun; wieder die Klage, daß der Stand der Rechtsanwälte von Juden überschwemmt werde. Es ist wohl an der Zeit, dies nachdrücklich hervorzuheben, um jüdische Eltern und Jünglinge zu warnen, sich einem Stande zu widmen, der vorläufig so geringe Aussichten bietet. Küstrin, 9. Oktober. Gestern fand hier die Ncumärkische Pastoral Conferenz statt. Welche Ansichten einen großen Theil der protestantischen Pastoren erfüllt, kam auch auf dieser Conferenz zu Tage, sowie der Ton, welchen diese Herren für ihres Amtes würdig halten. Der neue General-Superintendent Braun sagte unter Anderem: „Bei der öffentlichen Agitation ist zwischen den Geistlichen, welche schon Autorität haben, und denen, welche noch nicht fest in der Gemeinde stehen, zu unterscheiden. Ein junger Geistlicher darf sich nicht in die Stellung eines Parteiführers drängen. Stöcker ist von Gott dazu legitimirt; wir müssen ihn vertheidigen, aber nicht nachmachen." Ob diese Unterscheidung zur Moral oder lediglich zur Pastoralklugheit gehört mag der Leser entscheiden. Für den Ton, welchen Herr Stöcker auch für diese Pastoren-Conferen; angemessen hielt, ist nachfolgender Satz bezeichnend, den wir einem Berichte der „Kreuzz." entnehmen, die den Stöcker'- schen Ausspruch schweigend acceptirt: „Daß eine Pastoren - Conferenz sich gegen die nichtswürdige, verlogene Presse erklärt, sind die Kerle gar nicht werth." Auch Herr Braun konnte sich nicht enthalten zu sagen: „Wenn ein Laie auftritt, um etwas Gutes zu schaffen, läßt es sich das Volk gefallen; tritt aber ein Geistlicher auf, dann ist der Teufel los." Darmstadt, 13. Oktober. (Privatmitth.) Am 6. Oktober fand hier eine national-liberale Wählerversammlung statt, in welcher unser Oberbürgermeister Ohly eine Rede hielt, in welcher er auch über die „ national-liberale Partei" und den Antisemitismus sprach. Ten betreffenden Passus veröffentlicht nun Herr Ohly in dem „Tarmstädter Tageblatt" vom II. Oktober. Der Redner ließ sich zunächst darüber aus, daß der oft wiederholte Vorwurf, „der Antisemitismus werde in Berlin von oben herab und namentlich von Seiten des Fürsten Bismarck beliebäugelt und begünstigt" durchaus unbegründet sei. Zum Beweise führt er die bekannten Äußerungen des Kronprinzen und eine Auslassung des Fürsten Bismarck im Jahre 1881 einem israelitischen Kaufmann Behrens gegenüber, welche die- Nationalzeitung seiner Zeit veröffentlichte, an. Ob diese beiden Momente jenen Vorwurf vollständig zu entwaffnen genügen, darüber wollen wir hier nicht weiter sprechen. Herr Ohly schloß: „Mit Gcnugthuung darf ich hinzufügen, daß wir Nationalliberale unseren israelitischen Mitbürgern gegenüber stets auf demselben Standpunkt wie der Kronprinz des Deutschen Reiches und Fürst Bismarck gestanden und die Antisemitenbewcgung nach allen Richtungen verurtheilt und abgewiesen haben. Zur Ehre unserer Stadt sei es gesagt, daß auch wir dies in öffentlicher Stadtverordnetenversammlung durch einstimmige energische Zurückweisung einer an uns gerichteten antisemitischen Zumuthung gethan haben. Ich gebe deshalb den Israeliten zu bedenken, ob es recht und billig ist und ihrem wohlverstandenen Interesse entspricht, wenn sie bei den bevorstehcn- | den Wahlen im Lager unserer Gegner stehen und die systematische Opposition gegen eine Regierung unterstützen, welche jeden Versuch, die politische Gleichberechtigung der israelitischen Reichsangehörigen zu schmälern, mit Entschiedenheit zurückgewiefen hat.,. Aus Württemberg, 9. Oktober. (Privatmirth.) Das „Süddeutsche Sonntagsblatt" „für die Gebildeten aller Con- 43