Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1884)
- Date
- 1884-10-21
- Page
- Seite 682 (sequence 6)
- Language
- German
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682 besuchte weibliche Hochschulen, die annähernd dein Universi-' Wenn sie nur eine Privatschule hier eröffnen will, so wird tätskursus entsprechen, als eben in Rußland bestehen. Bloß! sie sicherlich sowohl von der Regierung, als von den Orgain Petersburg giebt es deren vier, nämlich die medicinischen nen der örtlichen Selbstverwaltung vielfach unterstützt werden, Kurse, mit 271 Studentinnen, unter welchen 91 Jüdinnen, jedenfalls wird sie von Niemand in ihren Bestrebungen gedie Beshtuschcw'schen Kurse, welche den physisch-mathematischen hindert werden, und der Erfolg ist dann ein sicherer. Con- und historisch-philosophischen Facultäten entsprechen, mit 891! currcnz hat sie wenig zu fürchten und die Nachfrage nach Studentinnen, darunter 129 Jüdinnen, die pädagogischen! Elementar-Bildung wächst seit der Aufhebung der Leibcigen- Kurse und schließlich die Fröbel'schen Kurse. Die Anzahl der schaft mit jedem Tage. Allein selten kann sich eine junge Hörerinnen in diesen Lehranstalten soll ebenfalls sehr bedeu-, strebsame Person entschließen, in der Provinz zu bleiben, wo tend sein. Aehnliche Hochschulen sind fast in allen Universitätsstädten Rußlands, die ebenfalls sehr stark frequentirt werden. So kommt es, daß, während in der Provinz in der Frauenwelt noch tiefe Unwiffenheit herrscht, man in den beiden Residenzen und in den übrigen Universitätsstädten Hunderten von Damen mit höherer Bildung begegnet. Außer dem Drang, auf der Hochschule das einzuholen. man von einem europäischen Culturleben noch gar nicht sprechen kann. Die ganze Civilisation des eigentlichen Rußlands, d. h. Polen, Finnland und die Ostseeprovinzen ausgenommen, concentrirt sich in einigen wenigen Universitätsstädten, während die übrigen Städte und Flecken in „patriarchalischer" Unwissenheit gepaart mit der modernsten Unsittlichkeit verkommen. Abgeschnitten von der civilisirten Welt, was das Gymnasium ihr zu geben unterlassen hat, sind noch, wissen hier die wenigen intelligenten Leute, ans der Zahl ganz andere Beweggründe, welche die Russin überhaupt und! der örtlichen Beamten, Aerzte, Juristen und Gutsbesitzer die Jüdin insbesondere nach der Hochschule führen. Bor Allem! nichts Besseres, als ihre Zeit, deren sie hier nur allzuviel ist es die ökonomische, unversorgte Stellung des gebildeten Mädj haben, in Kartenspiel, Zechgelagen, Liebesintriguen u. s. w. zu chens in Rußland. Während im Ausland ein gebildetes Mädchen vergeuden, während man von Kunst, Literatur, Wissenschaft auf ein Engagement als Lehrerin oder als Gouvernante, sei cs j und Tagesfragen selten etwas hört und das meist nur am im eigenen Vaterland, sei es in einem fremden Lande, mit einiger I grünen" Tisch, um die Pausen des viel interessanteren Kar- Sicherheit rechnen kann, ist es in Rußland nicht der Fall. Abgej tenspiels auszusüllcn. Unter solchen Umständen ist der Drang sehen schon davon, daß in Folge des zerrütteten Familienlebens | der russischen jungen Mädchen, die noch Sinn und Verstäud- und der lockeren Sittlichkeit bei indigencn Russen, die Stelle! niß für etwas Befferes haben, nach den Hochschulen ganz einer jungen Gouvernante eine sehr zweideutige ist, zu wel-! begreiflich. Hier handelt es sich nicht so sehr um die Aneignung cher eine sich selbst achtende junge Russin nur in der äußersten! von höherer Bildung, als dem gräßlichen Leben in der Provinz Noth sich verstehen kann, wird sie, wenn sie auch be-! mit seinem ganzen Schmutz zu entfliehen. Um so begreiflicher aber reit ist, eine solche Stelle anzunehmen, dieselbe sehr selten j ist die Frequenz der jungen Jüdinnen in den Hochschulen. Für bekommen. Nach der alten Vorliebe des Russen für alles sie ist der Aufenthalt in der Provinz noch vielfach unerträglicher Fremdländische, wird die ausländische Gouvernante in der^ als für jene. Auch ihr steht zwar das Recht zu, eine Pro- Regel vor der inländischen bevorzugt, und nur unter den; vinzialschule zu eröffnen oder Privatstunden zu ertheilen, iveniger begüterten Claffen, wo die Stelle einer Gouvernante j allein in ihrem Schuldiplom heißt es ganz unverblümt, sie nicht viel höher im Ansehen steht, als die einer Kammerzofe oder Kinderwärterin, kann die indigene „rechtgläubige" Russin noch eine Condition finden, aber dann ist auch ihre Lage keineswegs eine beneidenswerthe. Aber selbst habe das Recht, nur Kinder mosaischer Confession zu unterrichten. Nun sind die Juden in der Provinz gewöhnlich sehr arm und meist froh, wenn sie mit verzweifelter Anstrengung ihr tägliches Brod sich erringen; und wie könnten auf eine solche Stelle darf die Jüdin, sehr sehr selten! sie auch nur daran denken, eine Schule aus eigene Kosten zu rechnen, der Russe wird sie aus Vorurtheil nicht in sein! unterhalten. deren Nützlichkeit und Nothwendigkeit nur sehr Haus nehmen, und der Jude zieht, wegen der Reinheit der! Wenigen einleuchtend ist. Auf Unterstützung von Seiten der Aussprache, ebenfalls die „echte" Russin vor. Auf eine! Regierung oder der nichtjüdischen Bevölkerung bei der Gründung Condition im Auslande hoffen, darf die Russin ebensowenig^einer Schule bloß für Juden zu rechnen, wäre besonders als die Jüdin. Nun flehen allerdings auch nur der indigcnen Russin noch andere Wege offen, ein Unterkommen zu finden. Sie kann doch ein Engagement bei der Krone, sei es im Unterrichts-Ressort, sei es im Telegraphen Amte bekommen , und wenn sie sich nur entschließen könnte, in der Provinz zu bleiben oder sich niederzulassen, so darf sie bei der gegenwärtigen Stimmung eine nur zu handgreifliche Selbsttäuschung. Was sollte nun ein gebildetes jüdisches Mädchen hier anfangcn? Nun kommen noch ganz andere Verhältnisse hinzu, welche ihr hier das Leben rein unmöglich machen. Im russischen Gymnasium gehört ein bornirtes oberflächliches „Aufgeklärtseiu", sowohl der Lehrer als der Schüler unmer auf eine sorgenlose Existenz mit Bestimmtheit rechnen^ und Schülerinnen, trotz aller Maßnahmen der Regierung