Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1884)
- Date
- 1884-10-21
- Page
- Seite 681 (sequence 5)
- Language
- German
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681 ihn in den Stand gesetzt, lesen und schreiben zu können, arg mißverstandenen talmudischen Sentenz --:n t: bz wenigstens Hebräisch. Juden, die weder zu lesen noch zu' rr^-rn r-£'b dispcnsirt, und wenn auch ihre Frömmigschrcibcn verstehen, giebt es in Rußland absolut nicht. * feit darunter etwas leiden könnte, so stehe ihr ja noch die Das ist eine allgemein bekannte Thatsache, welche Niemand „Chupah" bevor. Wird sie nur einen frommen Mann heiin Abrede zu stellen vermag. Nicht so verhält es sich leider i rathen, so wird mit der Zeit auch sie sromm werden und zu mit der Jüdin. Sie sollte sich nach der Ansicht unserer hie-§ einem „Schiduch" ist ihre Bildung doch eine große „Mala" sigen Glaubensgenossen alten Schlages mit dem Auswendig-! (Borzug). Allerdings denken sic dabei nicht an höhere Bilerlernen verschiedener Gebete, meist nur im Jargon, begnügen.! düng. Von dieser sind sie freilich anderer Meinung, allein Erst in neuester Zeit begann man, auch sie in „Chcder" zu! haben sic einmal zugegeben, daß ihr Töchterlein ins Gymschicken. Daß der „weibliche Cheder", wie solche Schulen! nasium eintrat, so hilft schon später ihr Widerstreben gegen heißen, bei weitem bescheidener in seinen Ansprüchen ist als der gewöhnliche „Cheder" für Knaben, braucht wohl kaum hcrvorgehoben zu werden. Uebrigcns ist der „weibliche Chcder" im Ganzen noch eine seltene Erscheinung. Es unterdie höheren Frauenkurse sehr wenig. Daran haben sie keine Schuld. Diese ist nur der unglückseligen Beschaffenheit der weiblichen Lehranstalten Rußlands zuzuschreiben. Hier ist die Planlosigkeit im Unterrichtssystem noch weit fühlbarer, als in richtet darin gewöhnlich der „Behelfer", die „Sorgerke" oder! den männlichen Lehranstalten. Tie Elementarschule für Mäddie „Rebbizin", deren Kenntnisse sehr selten über bn» J cfjen bietet blutwenig. Das jüdische Mädchen, welches das beson- Lesen des Hebräischen und des Jargons hinausgehen. Mäddcre Glück hatte, in eine solche Schule — wo, bei der verhältchen-Schulen im Geiste der Zeit sind nur in den großen > nißmäßig geringen Anzahl solcher, die Concurrenz bei der Aus- Städten zu finden und auch da lange nicht in ausreichender! Anzahl. Nicht viel häufiger sind die diesen Lehranstalten| Concurrenz machenden „Schreiber" oder Lehrer. Wenn sie hin und wieder in kleineren Städten und Flecken zu finden sind, so unterscheiden sie sich meist in ihrem Bildungsgrade von dem gemeiniglichen „Melamed" bloß durch eine hübsche Handschrift, halbeuropäische Kleidung und ein Bischen Freigeisterei. Allerdings sind solche „ Schreiber" auch die Lehrer der männlichen Jugend in modernen Wissenssächern. Allein diese nimmt von ihm Alles, was sie bei ihm findet und bahnt sich, vermöge ihrer Beherrschung der hebräischen Sprache, durch Lectüre der neuhebräischen Literatur, den Weg zur europäischen Bildung, was dem Mädchen unmöglich ist. Dafür genießt Letzteres einen anderen Borzug. Der gewöhnliche religiöse Jude wird Alles aufbicten, um seinen Sohn zu verhindern, daß er ja nur nicht „studire", was hier nichts anderes sagen soll, als daß er sich nichts vom modernen Wissen aneignc. Zwar sieht er wohl ein, daß das Bersiandniß der Landessprache und Arithmetik, oder kurz „Schreiben und Rech neu", sehr nützlich und nothwendig sind, allein der Gedanke: die Beschäftigung mit profanen Wissensfächern könnte seinen Sohn nicht blos vom „Lernen" d. h. Thorastudium abziehcn, sondern auch zum „Studiren" und dadurch zur Ketzerei vernähme sehr stark ist, und daher der Jude gewöhnlich von den „Jndigencn" verdrängt wird — ausgenommen zu werden, kann sich nicht mit der verschwindend geringen Dosis allgemeiner Bildung, welche ihr hier geboten wird, begnügen. Es hat hier bloß so viel vom Baume der Erkenntniß genossen, um seine Mangel cinzusehen, und um mit desto größerer Energie nach dem Gymnasium zu streben. Eine Mittelschule zwischen der Elementarschule und dem Gymnasium, entsprechend der deutschen „Bürgerschule", giebt es bei uns nicht. Ist man nun einmal ins Gymnasium eingetreten, so muß man es auch absolviren. Denn seinem Plane und System nach soll das Gymnasium nur als Ganzes etwas Vollständiges geben. Wenn man aber aus der vierten oder fünften Klasse austritt, trägt man nichts davon. Mehr noch als alle anderen Lehranstalten, leidet unser Mädchengymnasium an einem zu anspruchsvollen Programm. Es verlangt zu vieles, um nur etwas gründlich zu erreichen. Im Gmnnasium wird im Russischen, Deutschen, Französischen und oft auch Englischen, hier und da auch im Lateinischen, in der Geschichte, Geographie, Arithmetik, Mathematik, Geometrie, Physik, Chemie, i Botanik, Zoologie, Physiologie, Psychologie, Hngiene, Päda- I gogik, Logik, Tanzen, Turnen u. s. w. unterrichtet, und selbstverständlich Alles nur höchst oberflächlich. Daher kommt es, daß leiten, läßt es ihm rathsam, ja geboten erscheinen, seinen dieselbe Schülerin, tvelche bereits in der fünften oder sechsten Sohn auch den Unterricht im „Schreiben und Rechnen" zu > Klasse mit gewichtigem Ernste über Darwin, Spencer, Wundt versagen. Freilich bemerkt man nach dieser Seite hin eine! und Bogt debattirte, als Abiturientin einen fehlerfreien Briei progressirende Toleranz, aber diese ist eher eine Art Lauheit i selbst in russischer Sprache aufzusetzen nicht versteht. Außer gegen Religion, welche auch in Kreisen der „Alten" um sich allgemeinen Brocken, landläufigen Gemeinplätzen und modernen greift, als wirkliche, von vernünftiger Einsicht getragene! cffectvollen Phrasen, kennt sie doch nichts gründlich, und Toleranz gegen moderne Bildung. Nicht so verhalten sich! Sprachen, wonach am Meisten bei uns Nachfrage herrscht, hier religiöse jüdische Eltern gegen das „Studiren" ihreram allerwenigsten. Ties veranlaßt sie in eine höhere Lehr- Töchter. Vom „Lernen" ist sie ja ohnehin nach der bekannten,! anstalt einzutreten, weshalb wohl nirgends so viele und stark