Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-21 · Heft 43 (21.10.1884) · p. Seite 680

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 43 (21.10.1884)
Date
1884-10-21
Page
Seite 680 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227545--42107-3310641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

680 aufgefallen sein. Ihr musikalisches Diagnosticon ist, daß ihr Leitton zur Tonica nicht erhöht ist, ihr Abstand also einen ganzen Ton betrifft, und daß sie meist mit der Quinte enden. So schließt ein Stück aus a-moll (oder besser aus e-pbrygisch) mit den Tönen g, a, e, nicht gis, a, e. Solche für jedes modern gebildete Ohr paradox klingende Melodieführung ist sogar zum stehenden Schluß vieler Gebete am Neujahrsfeste und Versöhnungstage geworden 2). Diese Gesänge scheinen an Alter und Ehrwürdigkeit mit den auf uns gekommenen Resten von griechischen Gesängen zu wetteifern, ja sind vielleicht noch älteren Datums, da die Griechen nach Aristoxenus, den ihr Ohr iu Verlegenheit setzenden Lychanos (in unserem Beispiel das g) meist übergingen. Was Bellermann und Fortlage mit großer Mühe bewiesen haben, nämlich, daß die Griechen die Leiter von 6-e nur absteigend intonirten, infolgedessen e, a, h (durch die Verbindung der! Tetrachorde e-f-g-a und h-c-d-e entstanden) die Haupttöne, der Leiter sind und nicht wie in der modernen a-mc>U-Leiter a, d, e, das finden wir heute noch in unserem lebendigen! Gesänge, in der Melodie des „Amen" zu Mussaph der hohen Festtage, nämlich: e-b-a absteigend gesungen. Außerdem dreht sich um diese drei Töne fast die ganze Melodie des Sabbathgebetes „Atto echod". Solche Schlüsse, solche Melodien sind Zeichen einer Zeit, wo die Zusammenstellung der Tonleitern aus Tetrachorde noch frisch im Gedächtnisie war, einer Zeit die weit vor Beginn der modernen Aera liegt; vielleicht gar ist dieses Amen aus dem Tempelcultus auf uns gekommen. Außerdem stoßen wir aus Gesänge, welche aus einem Ton unserer Durleiter zu gehen scheinen, so beispielsweise das „Alenu" Nr. 371 aus der Borbeterschule des Herrn Eantor Deutsch, wo das Stück scheinbar aus f-dur geht. Dem ist aber gar nicht so. Der ganze Bau der Melodie zeigt, daß wir hier eine Versetzung der jonischen Leiter mit einem b-moll haben. Das deutliche Hervortreten der großen Sexte, im Gegensätze zum Mollcharakter der meisten soge- Zum Schluß muß ich noch derjenigen Gesänge Erwähnung thun, deren Tonart man nicht mit Bestimmtheit angeben kann, so Nr. 392 S. 69 aus der Vorbeterschule. (Deutsch.) Aus welcher Tonart geht dieser Satz? Mir scheint aus d-moll durch a-dur, durch den Septaccord aus d nach g. Es läßt aber dieser Satz noch mehrfache Deutungen zu. Bei solchen Melodien ist es unklar, ob man es hier mit corrumpirten Resten zu thun hat, oder aber, ob diese Melodien von Hause ans solche Form und Gestalt hatten, was aus eine Zeit hinwiese, wo Musik und musikalisches Empfinden erst im Entstehen begriffen waren. E. B. L. Petersburg, 26. Sept. 1884. Petersburger Lriefe. Unsere Gegenwart und Zukunft. VI. In meinem letzten Briefe sprach ich über den Gang der Bildung unserer männlichen Jugend, wies nach, wie die Abnormität desselben nachtheilig aus die materielle Lage unserer Brüder hier zu Lande wirkt, und wie diese Abnormität eben einen wichtigen Bestandtheil der Judenfrage bildet. Einen nicht geringern Bestandtheil dieser unglückseligen Frage bildet der unbedingt abnorme Bildungsgang unserer weiblichen Jugend, welcher zugleich einen Hauptfactor der bei uns mit jedem Tage energischer sich geltend machenden Fraucnfragc ausmacht. Die Besprechung dieses Gegenstandes wird, meinem Versprechen gemäß, Thema meines voliegenden Briefes sein. Die Abnormität in dem Bildungsgang unserer weiblichen Jugend ist ihrem Wesen nach dieselbe, wie in dem der männlichen Jugend, nur in einem weit höheren Grade. Sie besteht hauptsächlich in dem Mangel an den natürlichen und nothwendigen Uebergängen von den minder zu den mehr ge bildeten Klassen. Hier giebt es entweder völlige Unwissenheit oder — was man so nennt — höhere Bildung. Entnannten griechischen Tonarten; die sich oft wiederholende j weder das jüdische Mädchen wächst ohne jede und alle Bil- Reihensolge von Quinte, Sexte, Septime, Tonica, die beson-! düng aus, was leider noch meistentheils der Fall ist, oder, dcre Neigung zur Subdominantenharmonie und endlich die! wenn sie einmal in eine Schule eintrat, so ist ihr nächstes Ausweichung in das ebenfalls versetzte Dorische lassen immer! Ziel die Absolvirung einer Hochschule für Frauen. Das wieder den jonischen Charakter erkennen. Aus den Ursprung! weibliche Gymnasium allein scheint vielen nicht ausreichend, dieses Gesanges dürfte uns ein Vergleich mit dem Choral: Woher das kommt, davon wird später unten noch die Rede „Eine feste Burg" führen, welcher auch den jonischen Charakter; sein, hier will ich bloß darthun, daß die besagte Abnormität trägt. Während das letztgenannte Lied in langgezogencn in der tiefen, unüberbrückbaren Kluft zwischen völliger Tönen dahinschreitet, fühlen wir im „Alenu" noch unge- Unwissenheit von der einen und höherer Bildung von der schmälert das Feuer und die ausgeprägte Rhythmik des Orients, anderen Seite sich kund thut. Diese Kluft ist hier noch weit was seine Wiege in Asien zu einer vcrhältnißmäßig frühen tiefer als bei der männlichen Jugend und zwar aus solgen- Zeit vermuthen läßt. den Gründen. Für den Anfangsunterricht seines Sohnes zu —.; sorgen betrachtet jeder Jude als eine heilige, religiöse Pflicht. SLÄL-'WW! »w« m «»* «*.«*» »«9. i»« Leitton erhöht, um dieseGesänge in das Schema unseres moll zu drängen. jüdische Knabe, ausnahmslos, genießt ihu doch und wird durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.