Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-21 · Heft 43 (21.10.1884) · p. Seite 679

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 43 (21.10.1884)
Date
1884-10-21
Page
Seite 679 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227545--42106-3310640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

679 die althebräische Musik gesunden zu haben glaubt. Arcnds Tonarten m der Theorie und aus dem Papier wohl ausgedagegen sieht in dem sogenannten Sprachgesang, also in der arbeitet hatten, im lebendigen Gesang aber selten benutzten alten Quadratschrift, den Urquell der jüdischen Musik. Wenn (Marpung). Ferner steht historisch fest, daß die griechische auch die Wiederherstellung der althebräischen Musik, von wel- Musik in ihrem Mutterlande selbst seit Alerander dein Großen cher die beiden letztgenannten Autoren träumen, noch in weiter und mehr noch während der Oberherrschaft der Römer in Ferne liegt, so zeigen doch Stellen in der Bibel und den zunehmenden Verfall gcrieth (Kieseweiter). Tie engere Be- Propheten, daß die Musik bei den alten Hebräern zu hoher rührung der Inden mit den Griechen beginnt aber erst seit Entwickelung gelangt war. An dieser Stelle freilich kann cs Alexander, um welche Zeit das religiöse Leben, die religiösen unsere Aufgabe nicht sein, an der Hand der Geschichte und Gesänge und der ganze Tempcldienst schon seit Jahrhunderten der musikalischen Stritif zu verfolgen, wie viel von den Tcm-- geregelt und in sich abgeschlossen waren. Endlich ist nicht pclgesängen auf uns gekommen ist und in wiefern unsere genug hervorzuheben, daß die wenigen griechischen Gesänge, jetzigen Synagogalgesänge denselben ähnlich sein dürften, welche aus uns gekommen sind, fast gar keine Melodie im wohl aber wollen wir daraus Hinweisen, daß viele unserer heutigen Sinne des Wortes haben, sich nur in gezogenen jetzigen Melodien Spuren einer längst verschollenen Zeit an Tönen bewegen während die Synagogalgesänge in den alten sich tragen, aus welche die neueste Musikforschung erst Licht Tonarten, neben einer lebhaften Rhytmirung, orientalische geworfen hat. (A. v. Tettingen, H. Riemann.) — Wenden Melodie aufweisen, eine Melodie, wie sie noch heute die wir uns zu dem modernen Synagogalgesang, so sehen wir, daß derselbe durch die Verdienste eines Sulzer, Weintraub, Naumburg, Deutsch, Lewandowsky stattlich ausgebaut worden ist. Diesen zur Seite steht vereinzelt ein Werk, das seiner historischen Bedeutung wegen nicht hoch genug zu schätzen ist; es sind Gesänge nach polnischem und deutschem Ritus, thcilweise auch portugiesische Weisen, die durch Cantor Abr. Baer zu Gothenburg gesammelt und neben einander gestellt worden sind. In allen genannten Werken nun, im letzteren sogar ausschließlich, finden wir Gesänge, die als alte und uralte bezeichnet werden und aus diese wollen wir hier näher cingehen, unbekümmert darum, daß gewisse Melodien — sei cs durch den Einstuß der die betreffenden Gemeinden umgebenden Bevölkerung, sei es durch historische Momente — starke Veränderungen erlitten haben: die Identität einer und derselben Melodie in den beiden Riten läßt sich doch nicht verkennen. Schon aus den ersten Blick bemerken wir, daß die wenigsten dieser Gesänge in den Rahmen unserer Allragstonarten, unseres Dur und Moll passen; die meisten von ihnen bewegen sich in den sogenannten griechischen Tongeschlechtern, in den alten Kirchentonartcn. Woher nun diese ausfallende Erscheinung? Sollten wir unsere Gesänge wirklich den Griechen oder der christlichen Kirche entlehnt haben? Ich glaube das aus folgenden Gründen verneinen zu müssen. Schon abgesehen davon, daß es trotz der Werke eines Bellermann und Fortlage bisher nicht möglich gewesen ist, eine der Wirklichkeit ganz nahe kommende Vorstellung von dem Wesen der griechischen Tonkunst zu gewinnen (Schleicher), sind die genannten Tonarten wie ihre Bezeichnungen, phrygisch, dorisch, lydisch, und ihre Herkunft schon zeigen, keineswegs griechischen, sondern asiatischen Ursprungs, und wie die Dorer selbst aus dem Tsten nach Griechenland gekommen, tragen also den orientalischen Stempel (Ambro» Th. lt und sind den Juden mehr eigen als den Griechen, roclche diese Muezzins vom schlanken Minareth ertönen lassen und wie sie die Araber noch jetzt singen (Ambrosst Man könnte mir freilich erwidern, daß die Aufnahme von sogenannten griechischen Elementen zu einer weit späteren Zeit geschah, zu der Zeit nämlich, wo schon St. Ambrosius oder gar Gregor I. der Große den Kirchengesang durch Feststellung der alten Melodie geregelt hatte, und wo die Juden schon längst in der Diaspora lebten. Dieser Einwand läßt sich aber widerlegen, da nach Uebercinstimmung aller Musikhistoriker der erste christliche Gottesdienst aus jüdischen Psalmen und jüdischen Gesängen bestanden haben soll, wie denn auch die ersten Christen zum jüdischen Stamme gehörten. Ter durch Ambrosius neu zugeschnittene Kirchengesang wild wohl aus der alten jüdischen Materie entstanden sein und so schon in sich die Spuren einer innigen Verwandtschaft tragen. Daß aber trotzdem eine Beeinflussung des Sunagogalgcsauges durch fremde Elemente stattgefundcn hat, läßt sich leicht Nachweisen. Wer mit den älteren Synagogalweiien näher bekannt ist, wird bemerkt haben, daß sie in mehrere Gruppen zerfallen. Die bei weiten: größte Gruppe, welche meist die Piurim und Gebete, die aus einer späteren Zeit sramnien, umfaßt, hat als mufikalifches Eharakteristieon die Erhöhung des Leitt o n es zur T o n i ca, (die Erhöhung des griechischen L y ll, a u o sst so daß im Phrvgischeu') neben einer kleinen Sekunde meist die große Terz vorherrsch:. Diese Erscheinung dürste ans die nach den Krenzzügen in Europa sich allmälig herausbildende Dnrscala zurückzusühren sein und können diese Gewngiveisen nur in d en ersten I ahrhu ndertcn dieses Jahrtausends entstanden sein, was mit der Periode der Po«"tanim gut nbereinstimmt. Eine andere Gruppe, welche die uralren Gebete enthält, wie das .. Schma" am Neujahrsfeste, wird wohl den Musikern ] ■ Des größtii Nirrmarrs wegen in der N'onieiielo.tiir find die Bezeichiiiingcu stets nach Ambros. 43*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.