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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-21 · Heft 43 (21.10.1884) · p. Seite 678

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 43 (21.10.1884)
Date
1884-10-21
Page
Seite 678 (sequence 2)
Language
German
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678 den Gebeten der Synagoge überhaupt der Glaube an den persönlichen Messias so oft vorkommt und ausgesprochen wird, daß umihn als eine im Volksbewußtsein vorherrschende Idee anerkennen müssen. Wir haben dort ausgesührt, daß die Gebete einer Confession, namentlich wenn sie, wie bei uns, beinah zwei Jahrtausende formulirt sind, und von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr von der ganzen Gesammthcir gebetet werden, das eigentliche Element des religiösen Lebens bilden und deshalb das zutreffendste Bild des in der Volksseele herrschenden Geistes, der in ihr vorhandenen Geiffesrichtung, Gedanken und Gesühle abgeben. Wäre nun dieser Messiasglaube wirklich der Kernpunkt des Jndenthums, wäre er wirklich der leilende und herrschende Gedanke in der jüdischen Masse gewesen: so müßte er vor Allem in den Gebeten zuin allermeisten und allcrbestimmtesten zum Ausdruck gekommen sein. Man denke hierbei nur, wie im christlichen Kultus aller Kirchen der bereits erschienene Messias den allergrößten Platz einnimmt, um eine gleiche Forderung an den Kultus der Synagoge stellen zu dürsen, salls in ihr der Glaube an einen zukünftigen persönlichen Messias wirklich vorherrschend gewesen wäre. Bekanntlich ist das umfängliche Gebetbuch der Synagoge „Siddur" das Werk einer fast tausendjährigen 'Arbeit; sein kleiner Grundstock reicht in das dritte Jahrhundert vor der Zerstörung Jerusalems zurück und wuchs allmählig durch Einfchiebungeu, Zusätze, neue Gebete bis zu der Ausdehnung und Gestalt, die es seit etwa 13 Jahrhunderten hat. Turchmustern wir nun diese Gebete für die Wochentage, Sabbaihe, Feste, Halbseste :e., wie ofr finden wir darin das Wort „Messias" In den eigentlichen Hauptgebelen nur zwei Male, nämlich in dem Sabbathgebet 7-:- rz~, wo die Abtheilung „in diese Welt", in „das Leben der jenseitigen Welt" und in „die Zeiten des Messias", zu dem Bekenntnis; benützt wird, daß in allen diesen der Ewige allein „Gott, Regierer und Erlöser ist" — der persönliche Messias tritt hier nicht hervor, und „die Zeiten des Messias" können mit vollem Rechte auf die mesfianische Zeit gebeutet werden. Ebenso in Kn-; 7.*^- nz\ Anders verhält eS sich mit der zweiten Stelle, nämlich in den Thephilloth von Rosch-Haschanah und Jom-Kippur bestndlichen Absatz 71-: „Laß aufleuchten das Licht des Sohnes Jsais, deines Messias, bald in unsren Tagen." Außer diesen beiden Stellen ffndcn wir das Wort nur in einigen Nebengebetcn und Einschiebseln, meist ans später Zeit, nämlich in der Einschiebung für Reumond und Festtag Ni" „das Gedenken des Messias, des Sohnes David, deines Unechtes;" in dem Gebete an den zehn Bußtagen;; :.N „Erhebe das Horn deines Gesalbten." Außerdem begegnen wir noch dem Worte in einer Benediktion nach der Haphtorah, in eineni später eingeschaltetendes Tischgebetes, einem der z~-r,7s. ~-;nwird nur Pi. 132,10 citirt, welcher Psalm nach dem begründetsten Urtheil aus der Anfangszeit der Regierung Salomos datirt, also nur auf den regierenden König geht.) Ties sind in dem ganzen Gebetbuche die wenigen , zum größten Theile nur Nebengebeten angehörigen Stellen, wo unser Wort vorkommt und nicht an allen ein persönlicher Messias zu verstehen ist. Allerdings haben wir noch zu erwähnen, daß in der Tcphillah für die Wochentage die 15. Bcnediktion, welche wahrscheinlich kurze Zeit nach der Auflösung des jüdischen Staates versaßt und eingeschaltet worden, rs lautet: „Laß bald den Schößling Davids, deines Knechtes, aufsprießen und erhöhe fein Horn in deiner Hülfe, denn auf deine Hülfe hoffen wir alle Zeit. Gelobt seist du Ewiger, der du das Horn der Hülfe sprießen läßt." Es ist dieser Ausdruck aus Jercm. 33,15 und Secharja 3,8 entlehnt und deutet immerhin auf das Erscheinen eines persönlichen Messias bin. Während daher auf Grund von Propheten und Psalmenstellen öfter in den Gebeten die Rückkehr der Zerstreuten und der Wiederaufbau des Tempels erfleht wird, also Veranlassung!var, des Messias zu gedenken, wenn diese Vorstellung in den Verfassern und im Volke lebendig und beherrschend gewesen wäre, treffen wir auf den Gedanken an denselben so selten, als gehöre er kaum zu den Ideen, welche Verbreitung und nachhaltige Kraft in den Geistern gewonnen haben. Wir glauben, daß diese Beweisführung zu nicht unerheblichen Folgerungen ermächtigt. Dorpat, 1. Oktober. Heber das muthmaßliche Alter der Zynagogalgesiinge. Selten ist über einen Gegenstand so viel und von so verschiedenen Standpunkten aus geschrieben worden, wie > über die Musik der alten Hebräer und wohl noch seltener ergaben Forschungen über einen und denselben Gegenstand so entgegengesetzte Resultate. Während die Einen (Forkel, Marpung) zu der Behauptung gelangen, die Juden hätten gar keine Musik im eigentlichen Sinne des Wortes gehabt, stellen andere Musikforscher (Ambros, Fetis, Haupt, Arends) in musikalischer Beziehung die Juden hoch über alle Völker des Orients und nur einige (Saalschütz, Jablonsky) reden von mittelmäßigen Fortschritten. Diese verschiedenen Meinungen haben darin ihren Grund, daß die genannten Schriftsteller von vorgefaßten Meinungen ausgehen, und jeder nur dasjenige hervorhebt, was zur Bestätigung feiner Ansicht beitragen konnte. So erlaubt sich Forkel von dem in Verfall gerathenen Synagogalgesange zu Ende des vorigen Jahrhunderts einen Rückschluß auf die Musik der alten Hebräer zu machen, ohne jedoch die einzelnen Gesänge näher zu analyfiren, während Haupt in einer vermeintlichen Ableitung der Neginoth von den ersten Buchstaben des jüdischen Alphabeths den Schlüssel zur Lösung derselben und somit der Frage über

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