Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1884)
- Date
- 1884-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Audmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. KXpeöition: Leipzig, Woßpkcrh 18. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Lesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die! Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere cinzusenden. 18. Jahrgang. Leipzig, den 21. Oktober 1884. ^/ö. 13. ladstt. Leitende Artikel: lieber den Messiasglauben im Volke. — lieber das muthmaßliche Alter der Synagogalgesänge. — Petersburger Briefe. Unsere (Gegenwart und Zukunft. VI. — .»zeitnugsnachrichten: Deutschland: Berlin, Aus der Provinz, 5lüstrin, Darmstadi. Aus Württemberg. — Oeiterreich-Ungarn: Wien, Pest, Krakau. — Rußland: Petersburg, Turek. — Palästina: Jerusalem. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Jom-Kippur in der Wildmß. Eine Skizze. (Schluß.) £citcnc'c Otfil.'d. Bonn, 15. October. Weber den Klesliasglauben im Volke. Nicht selten wird den Juden entgegcngehalten: Ihr hoffet auf die Ankunft des Messias, Ihr erfleht dieselbe immerfort und mit ganzem Herzen; Ihr glaubet, der Messias aus dem Geschlechts Tavid's wird Euch aus allen Ländern der Erde versammeln, nach Palästina zurückführen und ein über alle Völker der Erde herrschendes Königthum Israel gründen — wie könnt Ihr also beanspruchen, Glieder der Völker zu sein, in deren Mitte Ihr lebet? Es wird dann häufig der Unterschied zwischen dem Christenthum und dem Judenthum so sormulirt: jenes lehre, daß der Messias gekommen, dieses, daß er kommen werde. Alles dies aber beruht auf falschen Vorstellungen und kann nur von denen behauptet werden, die Judenthum und Juden nicht kennen oder nicht kennen wollen. Dafür wollen wir einen Beweis liefern. Wir mögen nicht einmal betonen, daß, wie wir schon oft nachgewiesen, nur sehr wenige Stellen der Propheten für einen persönlichen Messias sprechen, vielmehr die Anschauung vorherrscht, dereinst werden Erkenntnis, Liebe und Recht, ein Reich des Friedens, das Gottesreich alle Völker der Erde vereinigen, und dies sei die Messianische Zeit; daß diese Vorstellung auch von vielen talmudischen Lehrern gcthcilt und von den gegenwärtigen Lehrern des Judenthums angenommen und durchgearbeit worden ist. l) Es fragt sich vielmehr: war 1) Bergl. unsre ausführliche Religionslehre Bd. III S. 134 ff. und ist der Glaube an einen persönlichen Messias in der jüdischen Masse lebendig, beherrschend und auf das Leben wirksam? Nun wäre cs der Wahrheit zuwider, wenn man behauptete, daß dieser Glaube dem Volksbewußtsein fremd gewesen, in ihm nicht immer gewissermaßen im Hintergründe gestanden sei; aber was wir behaupten ist, daß er durchaus keine erfüllende und leitende Kraft besessen, daß er als ein gewisses Ideal vorgcschwebt, deffen Erfüllung jedoch in eine weite dunkle Zukunft versetzt war, so daß dieser Glaube höchstens ein Trostmittel in den Zeiten großer Bedrängnis;, durchaus aber kein leitender, das praktische Leben beeinflussender, die Gedanken und Gefühle des Volkes gestaltender gewesen. Ja, im Laufe der Zeiten verlor er immer mehr an Intensität und Glanz; das Volk scherzte sogar mit dem Messias und prägte einen gewissen Unglauben an ihn in sehr populären Sprüchen und Witzworten aus, bis er gegenwärtig fast ganz erblaßt ist. Wir beschränken uns jedoch nicht auf diese, vielleicht nur als subjektiv aufgenommene Erklärung, sondern toollen einen recht zutreffenden Beweis führen. Wir haben vor Kurzem die Gebetstücke Rab's in der Mussaph- Thephillah von Rosch-Haschanah analrffirt und die erhabenen, lauteren religiösen Ansichten, die in denselben ausgesprochen sind, hervorgehoben. In diesem gewissermaßen gedrängten Glaubensbekenntniß aus dem Anfang des dritten Jahrhunderts der gew. Ztr. fehlt die Lehre vom Messias gänzlich, obschon, namentlich im dritten Abschnitt, wo von der Befreiung und Erlösung, auch von der Zurücksührung Israels die Rede ist, , hinlänglich dazu Gelegenheit gegeben war. Verallgemeinern! wir nun diesen negativen Beweis und sehen wir zu, ob in 43