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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-14 · Heft 42 (14.10.1884) · p. Seite 667

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 42 (14.10.1884)
Date
1884-10-14
Page
Seite 667 (sequence 7)
Language
German
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b67 reformistischen Rabbinen eingeführten Einrichtungen gehörte' eine Zeit lang die Preßvergeben dem Geschworenengericht entdie Confirmation, und zwar nicht etwa bloß des Conficzogen und dem gewöhnlichen Gerichte überwiesen werden mationsaktes wegen, als des abschließenden und vollständigen Confirmandenunterrichts halber. Als an die Stelle jener eine Anzahl in einer anderen Schale gebildeter Rabbinen trat, gaben sie die Confirmation meist wieder auf.; Sie waren keine Freunde der systematischen Religionslehre, und gaben vor, der Confirmationsakt sei za viel Schauspiel. In Beiden hat sie die Erfahrung des Jrrthums geziehen, und ist es ein Zeichen der Zeit, daß man wieder zurückzu-, kehren anfängt.') — Siegen, 30. September. (Bolksztg.) Gestern hielt hier Herr Stöcker vor einer Versammlung von etwa 600 Personen seine bekannte Rede. Die Versammlung verlief wie ein wohl; vorbereitetes Theaterstück, mit bestellter Claque, Regiffeur des Ganzen war der Herr Hofprediger selbst. Heute sprachen in; demselben Saale zuerst der freisinnige Candidat Abg. Schmidt- ' Elberfeld, dann Albert Träger in Inständiger Rede vor etwa 1200 Personen. Der Eindruck des heutigen Abends; auf die Mafien war ein gewaltiger, auch hochconservative Leute konnten sich demselben nicht entziehen und sprachen es offen aus, daß die Art und das Auftreten des Herrn Hof-! Predigers sie auf das tiefste beleidigt habe. Oesterreich-Ungarn.! Aus Ungarn, 30. September. (Privatmitth.) Der un-, garische Reichstag ist nunmehr eröffnet und wenn Tißa dem von ihm in Großwardein ausgesprochenem Programm getreu; bleibt, haben wir eine sehr bewegte und folgenreiche Session zn erwarten. Die im Juni d. I. stattgefundenen Wahlen haben die Stellung Tißa's sehr verstärkt. Während durch die Wahlen von 1878 und 1881 die Mehrheit des Abgeordnetenhauses, die der Fahne Tißa's folgte, abgenommen hatte, ist sie diesmal stärker als je, und hat eine ziemliche Anzahl Sitze der sog. gemäßigten Partei und der sog. Unabhängigkeitspartei abgewonnen. Die letztere ist durch die Antisemiten in zwei Fraktionen gespalten, die sich bald heftig bekämpfen werden. Alles dies ist wohl zu erwägen, um den eigentlichen Charakter der stattgefundenen Wahlen zu erkennen. Me Parteien und natürlich ganz besonders die Antisemiten setzten alle Hebel an, um Tißa zu stürzen, und das Geschrei, das sie erhoben, ließ ihren Sieg eine Zeit lang voraussctzen, und selbst Tißa war des Ausgangs nicht sicher. Das ungarische Volk hat also durch seine Wahlen in seiner großen Mehrheit erwiesen, daß es vom Antisemitismus nichts wifien will. Daß demungeachtet 17 Antisemiten einen Sitz gewonnen, will gegen dieses große allgemeine Resultat nichts sagen. Tißa hat erklärt, daß er ein Gesetz einbringen wolle, nach welchem 1) Bergl. die betr. Abhandlung in unserm „isr. Predigt- und Schulmagazin", Bd. III 1836 S. *26 ff. (*2. Aust. S. 345). Red. sollen. Er sieht darin das Mittel, die antisemitische Presse zu zügeln. In der That haben die Geschworenen von Pest und Preßburg die offenbarsten und heftigsten Preßvergehen, weil sie antisemitisch waren, durch Freisprechungen sanctionirt, und ihre momentane Leidenschaft über die Gerechtigkeit und das Staatswohl siegen lassen. Doch wird dies Vorhaben nur durch einen schweren Kampf zur Ausführung kommen können, da die Ungarn sehr eifersüchtig auf die erlangten Freiheiten und Rechte sind. Hierzu kommt, daß dies im ungarischen Justizwesen nur eine der geringeren Schwächen ist, während sie doch einer durchgreifenden Reform höchst bedürftig ist. Aus Ungarn, 2. Oktober. (Privatmitth.) Nach der Eröffnung des ungarischen Reichstages hielten die Fraktionen ihre erste Sitzung. In der äußersten Linken wurde bereits die Spaltung offenkundig, die in dieser Fraktion durch den Antisemitismus vorhanden ist. Es wurde von der einen Seite beantragt, das Programm einer Revision zu unterziehen, um jeder Allianz mit den Antisemiten entgegenzutreten. Dies war natürlich allen denen unangenehm, welche mit dem Antisemitismus liebäugeln, wie z. B. Otto Hermann, und diese trugen auf Vertagung an. Hierauf großer Sturm, so daß der Vorsitzende seinen Platz verließ und Niemand den Vorsitz übernehmen wollte. Man mußte daher die Vertagung eintreten laffen. Die gemäßigte Opposition constituirte sich und wählte Ernuszt abermals zn ihrem Präsidenten. Ernuszt sprach sich sehr scharf gegen die Insinuationen und falschen Gerüchte aus, die von der ossiziösen Preffe angeblich verbreitet wurden. Namentlich wies er die Anklage zurück, als ob die Partei jemals mit den Antisemiten pactirt hätte. Franz Fenyveffy lenkt im Zusammenhänge mit der Erklärung des Vorsitzenden die Aufmerksamkeit der Partei auf den Umstand, daß auf den von derselben occupirten Bänken im Abgeordnetenhause auch solche Abgeordnete Platz genommen, die zur antisemitischen Partei gehören. Redner beruft sich auf die parlamentarischen Gepflogenheiten und auf den Anstanv; aus beiden Gesichtspunkten hält er es für nothweuig, daß die parlamentarischen Parteien in auch äußerlich gesonderten Gruppen beisammen sitzen. Eine Verfügung nach dieser Richtung sei absolut nothwendig. Die Partei solle eventuell zur Schlichtung der Frage eine geschloffene Sitzung verlangen. Der Antrag Fenyvcssy's wurde von Desider Szilagyi und Ludwig Horvath warm unterstützt, desgleichen vom Grafen Albert Apponyi, auf dessen Antrag der Vorsitzende beauftragt wurde, sich dieserhalb zunächst mit dem Quästor ins Einvernehmen zu setzen. Gras Apponyi sagte, daß die gemäßigte Opposition ihren Standpunkt gegen die Antisemiten wohl immer und überall klar präcisirte; es sei aber nothwendig.

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