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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-14 · Heft 42 (14.10.1884) · p. Seite 665

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 42 (14.10.1884)
Date
1884-10-14
Page
Seite 665 (sequence 5)
Language
German
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665 mitischer Seite vielfach gerade die gebildeten Juden am hef-, tigsten angegriffen und die Beschränkungen und Ausnahmegesetze, die von dort geplant und gefordert werden, richten sich gegen die gebildeten Juden. Wer übrigens die Statistik der die höheren Lehranstalten besuchenden jüdischen Jugend durchmustert, kann sehen, mit welcher Energie auch die' niej deren Klaffen der Juden für ihre Kinder nach Bildung streben). Schmidt fährt fort: „Zu dem Mißwollen gegen die Juden kam noch, daß sie sich fast ausschließlich mit dem Handel und namentlich mit dem Geldgeschäft abgabcn. Bei Ackerbau treibenden und kriegerischen Nationen steht dieses Geschäft nicht in Achtung: es ist mitunter angenehm, Geld leihen zu können, aber immer unangenehm, es wieder zu bezahlen, noch dazu mit schweren Zinsen. Es hat auch im Mittelalter Juden gegeben, die sich auf liberale Studien warfen, aber das blieben Ausnahmen, und in der öffentlichen Meinung waren Judenthum und Zinsdarleihen synonyme Begriffe. Dies Vorurtheil hat sich auch auf die moderne Zeit übertragen, wo die Juden mit dem rühmlichsten Eifer sich auf Kunst und Wiffenschaft, auf Staats- und Kriegsdienst werfen, nur hat es seitdem eine andere Form angenommen. Es heißt jetzt: auch in diesen modernen Lcbensrichtungen steckte heimlich als letztes Motiv immer noch der alte Handelsgeist." (Gerade hierin liegt der schmählichste und beleidigendste Verdacht. Man braucht nur darauf zu achten, mit wie vielen Schwierigkeiten der Jude, der in eine öffentliche Carriere eingetreten, zu kämpfen hat, wie viele Hintenansetzungen und Nachtheile er, wenn er seiner religiösen Ueberzeugung treu bleibt, zu ertragen hat, um die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs zu erkennen. Er ist nichts als der Borwand, den Juden diese Carricrcn wieder zu verschließen. Mißbrauch des anvertrauten Berufes findet sich bei Einzelnen aller Bekenntnisse vor; aber man wird diesen nicht zuschreiben, was man für den Juden sofort verallgemeinert.) „Es ist ein Vorurtheil, das durch glänzende Beispiele widerlegt wird; in allen diesen Sphären haben Männer jüdischer Abkunft mit hingebender Liebe und Aufopferung für die Sache gewirkt und Erfreuliches geleistet. Aber neben diesen Männern besteht noch immer die Masse des Volks aus Handelsleuten, die dem Beobachter namentlich in zwei Formen auffallen: einmal der kleine Handelsmann, der ans dem Osten einwandert und durch zudringliches Wesen lästig wird; dann der baronisirte Millionär, der es seinem Stande schuldig zu sein glaubt, „das bürgerliche Element möglichst fern zu halten." Wenn nun solche Erscheinungen theils mit Bitterkeit besprochen, theils von ihrer komischen Seite dargcstcllt werden, so erregt das gleich die Empsindlichkeit des gebildeten Juden, den diese Borwürfe nicht im mindesten treffen, der sich aber trotzdem mit beleidigt glaubt. Diese nervöse Empfindlichkeit wird sehr ernst bekämpft werden müssen, wenn mit Beseitigung des Vorurthcils ein liberales Berhältniß hergestellt werden soll." Julian Schmidt kommt nunmehr auf Auerbach zurück, und führt auch einen Ausspruch der Rahel als Beweis für die krankhafte Empfindlichkeit der Juden an. Wir wollen nicht leugnen, daß in der That diese Empfindlichkeit bei Auerbach und bei manchem anderen Inden bis zu einem krankhaftem Maße sich gesteigert hat und steigert. Jndeß haben die letzten Jahre wohl genug dazu beigetragen, diese Empfindlichkeit abzustumpfen, so daß wir Juden schon froh find, wenn man uns in Sicherheit leben läßt und nicht geradezu verfolgt. Wenn übrigens Schmidt die Ursache der Verbitterung in Auerbach nur aus einer allgemeinen Quelle fließen läßt, so irrt er doch. Den Anfang nahm in letzterem, der sich mit dem Beginn seiner „Dorfgeschichten" allen Beziehungen zum Judcnthume entfremdet hatte, und dies auch an mehrfachen Stellen seiner Schriften ansdrückte, die heftige Gegenwehr gegen den Antisemitismus mit jenem Angriff Billroths, „daß kein Jude richtig deutsch zu schreiben vermöge", wodurch Auerbach sich in seinem eigensten Schaffen und Vollbringen aufs Tiefste verletzt fühlte, noch dazu da er wenige Wochen vorher längere Zeit mit Billroth in gesellschaftlichem Verkehre gestanden. Schmidt sagt hier: „Wir Deutsche werden in diesem Augenblick zehnmal mehr gehaßt und geschmäht, als die Juden; Franzosen und Ruffen, Ungarn und Rumänen, Czechen und Polen, Alles wetteifert mit Wuthausbrüchen gegen uns. Wir hören es geduldig an und stehen uns darum nicht schlechter." Dieser Vergleich ist doch von einer Einseitigkeit, die man Herrn Schmidt nicht zutrauen sollte. Ob wir Deutsche „es geduldig anhörcn", wird dem fraglich sein, der die deutsche Tagespreffe liest. Eine, im Zenitb ihrer politischen Macht stehende Nation von mehr als 54 Millionen — wenn wir die österreichischen Deutschen hinzuzählen — mit den über die ganze Erde in kleinen wehrlosen Gruppen zerstreuten Juden aus eine Linie zu stellen, dazu gehört eine gewisse Verblendung. Bleibt cs denn für die Juden bei den „Schmähungen" stehen? Herr Julian Schmidt weiß doch wohl, wie die Juden in Rußland, Rumänien, Ungarn ausgeraubt, mißhandelt und sogar gemordet worden! Würde die deutsche Nation „geduldig" bleiben, wenn deutschen Christen so etwas geschähe? Und daß Antisemiten in Deutschland dieselbe Neigung zu Plünderung und Mißhandlung der Juden haben, dafür liegen ja thatsächliche Beweise vor. Schmidt schließt seinen Aufsatz mit den Worten: „Wir wollen gerecht sein gegen die Juden, wir wollen redlich das Vorurtheil bekämpfen, das zum Theil auf nicht mehr zutreffenden Prämissen beruht. Aber wir verlangen auch Gerechtigkeit für uns. Ter gebildete Jude soll nicht gleich außer sich gcrathen, wenn wir auf die Mängel seines Stammes

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