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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-07 · Heft 41 (7.10.1884) · p. Seite 656

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 41 (7.10.1884)
Date
1884-10-07
Page
Seite 656 (sequence 12)
Language
German
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656 ein Memorandum vor, welches die klare Sachlage enthielt und bewies, daß das Urtheil des Gerichts zu Procoplia sich in geradem Widerspruch mit der heutigen Gerichtsbarkeit Serbiens befinde. Der Minister hat die Richtigkeit der Reclamation anerkannt, er hat das Gericht von Prokoplia an die Beachtung der Gesetze erinnert, und — um in Zukunst ähnliche Uriheile zu vermeiden, — hat er den Gerichtsbehörden des ganzen Reiches das im Monatsbericht vom Juli wiedergegebene Circular bekannt gegeben, welches den Gerichten gebietet, sich an den Tractat von Berlin und an die internationalen Conventionen zu halten, das heißt: die Israeliten als den übrigen Serben gleichberechtigte Mitbürger zu betrachen. Bonn, 28. September. (Notizen.) Man schreibt uns aus Görlitz vom 22. September. Heute früh starb, nach kurzem Krankenlager, einer der geachtesten und verdientesten jüdischen Bürger dieser Stadt, Herr Wieruszowski, im 69. Lebensjahre. Er war seit 1849, also seit 35 Jahren, Vorsitzender des Vorstandes der Synagogen Gemeinde, und sein unermüdlicher und besonnener Eifer für das Wohl der letzteren ist für dieselbe von segensreichster Bedeutung gewesen. Unter seiner Leitung haben sich das innere Leben, der Gottesdienst und die Anstalten der Gemeinde wahrhaft mustergültig gestaltet. Seit zwanzig Jahren war er ferner Mitglied der Stadverordneten-Bersammlung, und namentlich in Schulangelegcnheiten von maßgebendem Einfluß. Außerdem hat er in zahlreichen Vereinen eine bedeutsame Wirksamkeit entfaltet. Seine Ehrenhaftigkeit, sein allseitiges Wohlwollen sichern ihm nicht minder das ehrendste Andenken. — Man schreibt uns aus Zürich vom 19. September. Am 17. d. fand die Einweihung der neuen Synagoge unter den üblichen recht erhebend ausgeführten Festlichkeiten statt. Die Festpredigt hielt Rabbiner vr. Engelbert aus St. Gallen. Er sprach über die Geschicke der jüdischen Gemeinde in Zürich, ihre kleinen Anfänge und ihr allmähliges Wachsthum, ihre religiöse Treue und -Opferwilligkeit, die es ihr endlich ermöglicht hat, das Gotteshaus zu bauen, sich selber zum Heil und Segen; er erörtert die Bedeutung des Tempels, der in der hebräi'chen Ueberlieferung stets als ein Bethaus, als ein Lehrhaus und als ein Bersammlungshaus gegolten hat. Am Schluffe gab der Redner dem Gedanken Ausdruck, es werde einst eine Zeit kommen, wo alle Menschen durch Glaube und Liebe zu einem Bunde der Menschlichkeit sich vereinen, wo das Reich der Wahrheit, des Lichtes und Friedens sich verwirklichen wird. Das israelitische Gotteshaus ist bestimmt, zu diesem Endziele das Scinige beizutragen. Die Synagoge hat sich auch in akustischer Beziehung vorzüglich bewährt und die durch den maurischen Stiel gebotenen phantasievollen Decorationen haben, Dank der gedämpften Beleuchtung, weniger auftegend und zerstreuend gewirkt, als es der Reichthum farbigen Schmuckes an sich erwarten ließ. Am Abend fand ein heiteres Festmahl statt, an welchem etwa 27(1 Personen theilnahmen. Unter den Toasten war der des Pfarrers vr. Furrer, des bekannten Kenners jüdischen Landes und Lebens, bemerklich. Sien Hoch galt den Geist des muthigen Glaubens, Höffens und Liebens, der die Synagoge gebaut hat. Bor 500 Jahren gab es in Zürich drei Synagogen, Pest und Fanatismus haben damals die Israeliten vertrieben; heute leben wir in einer helleren Zeit, wo jede religiöse Ueberzeugung geachtet wird, weil sie in ein Geheimniß des Unendlichen mündet. Die Menschheit verdankt Israel die die Psalmen, den Dekalog, das Beispiel eines muthigen Idealismus, der in allen Anfechtungen standhaft bleibt. Dem Bankett folgte ein Ball. — Man schreibt uns aus Wien vom 24. September. Gestern ist der berümte Kliniker Prof, vr. Hermann Zeißl, einer der Begründer der Lehre von den Hautkrankheiten, gestorben. Zeißl war der erste jüdische Profeffor an der Wiener medicinischen Universität. Er wurde geboren 1817 in Zwittau (Mähren), besuchte das Gymnasium in Leitomischl und Brünn und absolvirte seine Studien an der Universität zu Wien. Im Jahre 1649 habilitirte er sich als Privatdocent und wurde 1861 zum außerordentlichen Profeffor an der Wiener Universität ernannt. Als im vorigen Jahre auf Vorschlag des medicinischen Profefforen-Collegiums seine Ernennung zum ordentlichen Profeffor stattfinden sollte, refüsirte er diese Auszeichnung und ließ sich gleichzeitig pensioniren, da er sich weiteren Anstrengungen nicht mehr gewachsen fühlte. Er starb als Opfer seines Berufs — vor zehn Jahren verletzte er sich bei einer Operation, sodaß er insicirt wurde — im Alter von 67 Jahren. Sein Hauptwerk ist in viele Sprachen übersetzt. — Die im März d. I. in London verstorbene Baronin Charlotte ».Rothschild bestimmte in ihrem Testamente über 100 000 Pf. St. zu wohlthätigen Zwecken und zwar größtentheils jüdischen Instituten. Bonn, 28. September. (Literarische Notizen.) Wir haben bereits berichtet, daß unsere Gelehrte, an ihrer Spitze Herr vr. Berliner in Berlin, den Verein Metize-Im-damim zur Herausgabe hebräischer Werke wieder ins Leben rufen wollen. Sie haben jetzt einen „Aufruf" zu diesem Zwecke ausgegeben, dem wir Folgendes entnehmen: „Während Akademien und gelehrte Gesellschaften allem Schriftthume des Mittelalters die eiftigste Aufmerksamkeit zuwenden, während geistliche Körperschaften und wissenschaftliche Vereine kirchliche und weltliche Literaturdenkmale der Vorzeit der Vergessenheit entreißen und in großangelegten Sammlungen allgemein zugänglich machen: nimmt sich der bebräischen Hervorbringungen der Juden im Mittelalter Niemand an, bleibt die Herausgabe der wichtigsten Werke unserer Literatur ein frommer Wunsch oder das Spiel des Zufalls.; Die Erwerbung hebräischer Handschriften bildet wohl nach

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