Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-07 · Heft 41 (7.10.1884) · p. Seite 655

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 41 (7.10.1884)
Date
1884-10-07
Page
Seite 655 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227543--42080-3310612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Papierpacket an der eisernen Gitterthür hängend. Bei der Eröffnung fand man darin eine eiserne Bombe mit Zündschnur versehen, welche zwei in eine Glasröhre mündende Drähte hatte, die mit Schellack befestigt waren. Die weitere Untersuchung wird ergeben, ob ein Attentat oder ein unzeitiger Scherz beabsichtigt gewesen. — Bei Beachtung des Ortes — die Grille — an welchem das Ding befestigt war, glaubten wir sofort, daß es nur ein schlechter Scherz, ohne ernsten Zweck, gewesen — wenn auch gewisse Blätter daraus gleich „ein antisemitisches Attentat" machen wollten. Wie nun eine Lokal-Correspondenz, die ihre Informationen von der Polizei erhält, meldet, hat die militär-technische Untersuchung der gestern vor der hiesigen Synagoge gefundenen Bombe ergeben, daß sich hier jemand einen schlechten Scherz erlaubt habe, denn zu einem ernsten Attentat war diese Bombe nicht geeignet. Dieselbe war eine ganz gewöhnliche Metallkugel, in die man ein Glasrohr und Drähte sehr primitiv eingeführt hatte; die Metallkugel selbst war ganz leer. Pest, 25. September. Bei der in Tißa-Barkony am 19. d. M. stattgefundenen Einweihung des von dem Grundbesitzer Ad. Markbreit gebauten israel. Tempels hielt der reformirte Geistliche I. Miskolczy die Festrede, in welcher er die Verdienste des Erbauers dieses Gotteshauses um das Wohl seiner Mitbürger ohne Unterschied der Confession besonders hervorhob. — In Folge der Antwort, welche Se. Majestät der König dem katholischen Klerus in Arad ertheilte, beauftragte der Papst den Cardinal Serafin Bantunelli nach Ungarn zu reisen und sich zu überzeugen, ob die katholischen Geistlichen in Ungarn wirklich einen solchen Antheil an der antisemitischen Bewegung haben. Aus Ungarn, im September. Aus Czegled wird dem „Egyet." geschrieben: Am Samstag Bormittags brachte ein kleiner Knabe dem Specereihändler Moriz Hirschl einen Zettel, auf dem mit übermäßig großen Schriftzeichen geschrieben stand, Hirschl möge dem Knaben, wenn er Tags darauf wiederkommt, folgen, dann werde er billig zu einem Liter Christenblut kommen, mit dem er unter seinen Glaubensgenoffen ein gutes Geschäft machen könne. Er möge — so hieß es weiter — auch den Schächter mitbringen, doch ja nur spät am Abend, damit sie Niemand sehe. Hirschl hielt die Sache für einen schlechten Spaß und kümmerte sich nicht weiter um dieselbe. Tags daraus erschien jedoch der Knabe in der That vor dem Gewölbe, blickte aber nur hinein und ging dann weiter. Hirschl eilte ihm nach und nahm ihn fest. Als Hirschl vom Knaben hörte, er sei von der Bäuerin Lidia Molnar gesendet worden, erstattete er hiervon die Anzeige beim Stadthauptmann und begab sich, von einem Commiffär und zwei Polizisten begleitet, in die Wohnung der Bäuerin, wo diese bewußtlos zu Bette lag. Sie hatte sich an beiden Händen die Adern geöffnet. Als sie wieder zu sich kam, wurde ein Protokoll mit ihr ausgenommen. Sie erklärte, sie habe sich selbst die Adern geöffnet, um ihr Blut den Juden zu verkaufen, damit sie beweise, daß die Juden Christenblut brauchen. Wäre ihr Plan gelungen, dann wäre sie nach der Hauptstadt gekommen und hätte hier Zeugenschaft gegen die Juden abgelegt. Der Fall ruft in allen Kreisen Czegleds Sensation hervor. Agram, 18. September. (Privatmitth.) Die jetzt beendeten Wahlen zum kroatischen Landtag verliefen nicht ohne heftige Kämpfe; Ausschreitungen gegen die Juden kamen jedoch nicht vor. Beachtenswerth ist, daß in Resinje ein Jude, Namens Steiner, als Abgeordneten-Candidat ausgestellt wurde, und zwar gegen keinen geringern als gegen den Minister Bedekovics. Auf dem Wahlplatze wurde nämlich Starcsevics, der bekannte Führer der Rechtspartei, zum Candidaten proclamirt. Da er bereits an mehreren Orten gewählt war, so lehnte er die Wahl ab und empfahl Steiner mit dem Bemerken, daß durch deffen Wahl das Volk beweise, daß es keinen Religionsunterschied mache, sondern für Jeden stimme, der ein ehrlicher Kroat ist. Steiner erhielt 42 Stimmen, 17 weniger als der Minister. Rußland. Petersburg, 25. September. Wie hiesige Blätter melden, werde gegenwärtig im Domänenministerium der Entwurf für ein neues Regulativ für Israeliten ausgearbeitet, welche Ackerbau treiben. Serbien. Belgrad, im September. Wir haben das treffliche Circulair des Justizministers Mariokowicz mitgetheilt, in welchem er die Gleichberechtigung der Israeliten auf Grund des Berliner Vertrages als serbisches Recht erklärte. Die Beranlaffung war nach dem Bericht der All. isr. uuiv. folgende: „Ein Israelit von Procoplia, einer Stadt, welche bei dem Berliner Congreß Serbien zuertheilt wurde, kaufte dort eine Besitzung, und wollte dieselbe — dem Gesetze gemäß — gerichtlich eintragen lassen. Das Gericht weigerte sich, diesen Act vorzunehmen, unter dem Borwand, daß die Gesetze von 1856 und 1861 es den Juden untersagen, sich wo anders als in Belgrad Bodenbesitz anzueignen. Der Besitzer apellirto, aber der Appellationsgerichtshof bestätigte den Ausspruch des Bezirksgerichts. Wäre dieses Ilrtheil endgültig angewendet worden, so würde den Israeliten eins der wichtigsten Rechte, welche ihnen der Berliner Tractat verliehen hatte, entzogen; es versetze sie neuerdings unter die frühre Ersetzbarkeit, welcher sie bis 1877 untworfen gewesen waren. Ter Vorgang hatte natürlich unter der jüdischen Bevölkerung Serbiens schmerzliche Aufregung hervorgebracht. Ein israelitischer Notabler, früheres Mitglied der Skuptschina, legte dem Justizminister 41*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.