Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1884)
- Date
- 1884-10-07
- Page
- Seite 654 (sequence 10)
- Language
- German
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genehm wäre; ja er hätte, wäre das nicht der Fall, sie niemals! zu spielen anfangen dürfen. Ein Wink mit der Wimper des Gewaltigen, und Herrn Hofprediger Stöcker's Rolle ist ausgespielt! Das ist die einfache Erklärung der Worte Richters, die > Herr Hofprediger Stöcker nach seiner Art eine öffentliche, der ’ „Neichsbote" die schnödeste Verleumdung nennt. Glaubt unsere verehrte Collegin, wenn wir sie aufs Gewiffen fragen, | daß es sich anders verhält? Berlin, 25. September. (Privatmitth.) Indem wir dem in Berlin heftig entbrannten Wahlkampfe, so weit er uns interessirt, Schritt vor Schritt folgen, haben wir aus einer vom 23. d. stattgefundenen Wählerversammlung im ersten Wahlkreise, in welchem Ludwig Löwe candidirt, zu berichten. Es sprachen der Abg. Langerhans und Abg. Dr. Hermes. Letzterer sagte unter Anderem: „Herr Stöcker und Wagner leisten alles Mögliche; ihre Aeußerungen überschreiten das Maaß eines anständigen Wahlkampfes. Nach Herrn Stöcker soll es eine Schmach und Schande sein, in Berlin einen Juden zu wählen. Herr Löwe hat mehr in seiner Fabrik im praktischen Christenthum geleistet, als Herr Stöcker. (Lebhafter Beifall.) Eine Schmach und Schande ist die Judenverfolgung dieses Herrn, wir haben nur Abscheu, Ekel und Verachtung dafür. (Sehr gut!) Nehmen Sie Herrn Stöcker diesen Mantel der Hetze und es bleibt nichts übrig. Er steht an der Spitze dieser unsittlichen Bewegung und deshalb haben wir nur Verachtung dafür. (Lebhafter Beifall.) Deshalb hoffe ich auch, daß sein Zwillingsbruder Herr Wagner nicht gewählt wird. Sollte er dennoch gewählt werden, so würden wir ihn auch verdienen. Wir müssen alle unsere Pflicht erfüllen im Jntereffe der Freiheit, Wohlfahrt und Gesittung des deutschen Vaterlandes. (Lebhafter Beifall.)" Berlin, 26. September. Die zu der diesmaligen Schwurgerichtsperiode einberufenen Geschworenen mosaischer Confession brachten gestern einen Antrag beim Gerichtshöfe ein, sie wegen des jüdischen Bersöhnungsfestes von der Theilnahme an der Schwurgerichtssitzung am 29. d. M. zu entbinden. Der Gerichtshof beschloß, diesem Anträge stattzugeben. Da am 29. d. die auf vier Tage berechnete Verhandlung in der Meineidssache wider den Hausbesitzer Schmidt und Genossen beginnt, so bezieht sich die Dispensation auch zugleich auf die übrigen drei Tage. — Es ist jetzt kein Geheimniß mehr, daß nach dev letzten Vorgängen ein Theil der konservativen Partei die Candidatur Stöckers verwirft und einen anderen Candidaten verlangt. Dies gestand Stöcker in einer konservativen Versammlung des zweiten Berliner Wahlkreises am 24. d. selbst ein, indem er behauptete, es seien nur einige hundert Beamte, die ihn zurückwiesen, und bezeichnete sie sofort als Leute, die niemals mit dem Volke zusammengegangen wären und auf welche das Volk auch nicht Rücksicht nehmen werde. Wer die Kampfesweise Stöckers kennt, weiß, wie er diese Behauptung aufzufaffen habe. Wenn daher Stöcker das Thema seines Vortrages „die Fortschrittspartei in Nöthen" betitelte, so wurde mit Recht von gegnerischer Seite gesagt, es müsse eigentlich heißen: „Stöcker in Nöthen." In diesem Vortrage ging nun Stöcker wieder in heftigster Weise gegen die Juden und die Fortschrittspartei los, und er faßte beide in dem Ausdruck: „Fortschrittsjude" zusammen. Wenn man , übrigens die Redseligkeit Stöckers, der fast Abend für Abend in den Versammlungen stundenlang spricht, anstaunen muß,! so darf man doch nicht außer Augen lassen, daß seine Reden j auch nicht einem einzigen wesentlichen oder richtigen Gedanken j enthalten, sondern immer auf dieselben Phrasen und Schimpfei reien hinauslaufen. Nach Beendigung seiner Rede verließ er!den Saal und Prof. Wagner trat auf, um Stöcker zu beräuchern. Als nach dessen Rede die Versammlung eine Discussion verlangte, wurde sie schnell geschlossen. Man sieht übrigens, daß es Stöcker nicht gelingt, außer Wagner und etwa noch Henrici einen Kampfgenossen zu finden. Brühl bei Köln, 23. September. Bei dem Festdiner, welches der Kaiser im hiesigen Schlosse nach der Parade des VIII. Armeecorps gab, erschienen auch der Bischof von Münster und der Oberrabbiner von Crefeld. Dr. Horowitz, und zwar in Amtstracht. Rakel, 24. September. Ter Regierungspräsident von Tiedemann, welcher im Wahlkreis Wirsitz-Schubin candidirt, hat sich vor den Wählern in Rakel u. A. auch über seine Stellung zum Antisemitismus ausgelassen. Herr v. Tiedemann erklärte, die Bewegung habe ihn von Anfang an niemals sympathisch berührt. Das Aufwühlen von wilden häßlichen Leidenschaften sei an und für sich gefährlich, doppelt gefährlich sei dies aber, wenn Männer an der Spitze ständen, die selbst nicht wüßten, was sie wollten. Der jüdischen Bevölkerung müßten die ihr durch das Landrecht und die Verfassung garantirten Rechte gewahrt bleiben. So lange ' die antisemitische Bewegung in den bisherigen Bahnen bleibe,! halte er sie in ihren Zielen für unklar, und in ihren Mitteln für verwerflich. Einem Anträge, der die Ausübungen der i bürgerlichen Rechte abhängig mache von dem religiösen Bej kenntniß, würde er niemals zustimmen. I Oesterreich-Ungarn. Prag, 22. September. Prof. Dr. Rohling beabsichtigt Oesterreich zu verlassen; er hat einen halbjährigen Urlaub j genommen, den er dazu benutzen will, sich im Auslande eine entsprechende Stelle zu suchen. Andere behaupten, er! beabsichtige sich auf einige Zeit nach dem Orient zu begeben.! Pest, 20. September. Bon hier wird der „Frkf. Ztg.! gemeldet: Im Vorhof des israelitischen Tempels entdeckte! heute während des Neujahrsgottesdienstes ein Polizist ein