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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-07 · Heft 41 (7.10.1884) · p. Seite 653

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 41 (7.10.1884)
Date
1884-10-07
Page
Seite 653 (sequence 9)
Language
German
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653 worrenen Weise. Die Hauptsache bestand in seinem Schimpfen auf den Fortschritt und im Anpreisen der unbedingten Heeres-, folge, die man dem Fürsten Bismarck schuldig sei. Unter s anderem bemerkte er dann: „Die Forderung des Fortschritts, alle religiösen Bekenntnisse gleichmäßig zu behandeln, ist bereits erfüllt, natürlich soll kein Jude milder als ein! Christ angesehen werden. Wir wollen Christen bleiben und i; dem christlichen Staat in Gedächtniß rufen, sich seiner Aufgabe bewußt zu bleiben." Am Schluffe versicherte er noch, „daß die Socialdemokraten und die Judenjgemeinsam arbeiten." Wer da weiß, wie sich Herr Cremer früher geäußert, wird dies alles nur zahm finden. Berlin, 24. September. (Privatmitth.) Wenn wir jüngst behaupteten, daß es unter den Conservativen Viele gebe, welche Stöcker nur ungern als ihren Candidaten annehmen, so liegt hierfür jetzt ein Beweis vor. Der „Franks. Ztg." wird von hier geschrieben: Es scheint doch, als ob ein Th eil der Berliner Conservativen sich scheute, für die Candidatur des Herrn Stöcker einzutreten. Wenigstens läßt das ein Vorgang schließen, der vorgestern in einer antisesemitischen Versammlung stattfand, in den Berichten der conservativen Blätter aber verschwiegen wird. In dieser Versammlung theilte nämlich, nachdem der wieder auf der Bildfläche erschienene vr. Henrici einen Bortrag gehalten hatte, der Verleger des „Deutschen Tageblatts", Hr. Luckhardt, einer der Führer der conservativen Bewegung, Folgendes mit: Es sei ein einflußreicher conservativer Herr zu ihm gekommen und habe ihm erllärt, daß eine Anzahl Conservativer im 2. Wahlkreise sich nicht entschließen könnten, für Stöcker zu stimmen, wohl aber über einige Tausend Stimmen verfügen würden, wenn statt des Herrn Stöcker Graf Moltke ausgestellt würde. Die antisemitische Versammlung beschloß natürlich, an der Candidatur Stöcker festzuhalten. Bezeichnend für die Werthschätzung, die sich der Herr Hofprediger allmälig auch bei Conservativen erwirbt, ist der Vorfall aber immerhin. — Der verantwortliche Redakteur der Bosi. Ztg., Herr Friedrich Stephany, richtet in der gestrigen SRv. seiner Zeitung einen geharnischten Artikel gegen den Hofprediger Stöcker, in welchem er die Kampfesweise dieses Mannes in ein helles Licht stellt. Stöcker beschimpft zuerst in heftigster Weise seine Gegner; antworten diese, so stellt sich Stöcker als der Beleidigte und Angegriffene hin und beschuldigt jene, ihn in unwürdiger Weise geschmäht zu haben, wodurch er sich berechtigt fühle, gegen sie loszugehen. In der „Voff. Ztg." war an den evangelischen Oberkirchenrath wegen des Verhaltens dieses Hofpredigers appellirt worden und Herr Stephany rechtfertigt dies und sagt: „Herr Stöcker kann sich seiner Eigenschaft als Geistlicher und Hofprediger nicht enkleiden, auch dann nicht, wenn er hinuntersteigt in die tabak- und bierdunstgeschwängerten Lokale der christlich-sozialen Versammlungen. perr Stöcker hat als Geistlicher den Beruf und die Pflicht »er peinlichsten Wahrhaftigkeit. Wie übereilt und unbedacht am in dem Eifer, seinen Gegner herunterzureißen und zu verlästern, Herr Stöcker aber verfährt, davon liefern wieder seine letzte Rede und sein Brief an den „Reichsboten" recht evidente Beispiele." Und nachdem er gezeigt, wie Stöcker die „Voff. Ztg. verlästert, verdächtigt, der Lüge und Verleumdung zeiht, schließt Herr Stephany: „Ich würde mir das zur Ehre anrechnen, wenn Herr Stöcker nicht zugleich evangelischer Geistlicher wäre, der ein Vorbild der Wahrhaftigkeit sein und nach dem Erlaß des evangelischen Oberkirchenrathes vom 20. Februar 1879 Zucht und Sitte in Haus und Gemeinde pflegen und Sorge tragen soll, daß diese Tugenden und Güter im Geiste des Volkes als die höchsten und als unverletzlich gelten. Thut das, so frage ich, ein Geistlicher, der fort und fort gegen seine Nächsten und Mitmenschen öffentlich eifert, schimpft, sie gegen einander aufhetzt und unbedacht und voreilig Anklagen und Beschimpfungen der schwersten Art erhebt? Darum richtete der Unterzeichnete einen Appel an den Oberkirchenrath, nicht Herrn Hofprediger Stöcker zu discipliniren — das liegt ihm fern —, sondern seinen Eifer öffentlicher Verlästerung seiner Mitmenschen zu zügeln und die evangelische Kirche vor öffentlichem Aergerniß zu wahren. Friedrich Stephany." Es ist hier endlich einmal ausgesprochen, was jeder Unbefangene von Anfang der Stöcker'schen Agitation an gedacht hat. Wenn wir übrigens den Gang aufmerksam verfolgen, welchen Stöcker nimmt und den es mit ihm nimmt, so haben wir sicherlich das Recht hierzu, da seit Jahrhunderten Niemand die Juden mehr verlästerte und feindseliger verfolgte, als der Hofprediger Stöcker. Wir wollen sehen, wie es mit ihm zu Ende geht. — In der heutigen Nummer derselben Zeitung finden wir abermals eine beachteuswerthe Bemerkung. Eugen Richter hatte in einer Rede gesagt, daß Stöcker seine Agitation in „höherem Aufträge" betrieben habe, Stöcker hat dies natürlich höchst entrüstet zurückgewiesen. Jetzt sagt die »Voff. Ztg.": „Sehr entrüstet ist der „Reichsbote" (das Organ Stöcker's) darüber, daß wir gesagt haben: Herr Stöcker wird sich selbst wohl überzeugt halten, daß die Fortschrittspreffe durchaus keinen Anlaß hat, Herrn Hofprediger Stöcker mehr zu glauben als Herrn Richter." „Also die schnödeste Verleumdung", wirft der „Reichsbote" uns darauf ein, „die Herr Richter gegen die Ehre eines Mannes schleudert, ist Plötzlich eine einfache „Behauptung"". Wir sind nicht gewöhnt, leichtfertig mit unseren Worten umzugehen, und darum wollen wir unserer Collegin eine Erklärung nicht schuldig bleiben. Auch wir find der Meinung, daß Herr Stöcker als Hofprediger nie und nimmermehr seine agitatorische Rolle spielen dürste, wenn sie nicht höheren Ortes 41

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