Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1884)
- Date
- 1884-10-07
- Page
- Seite 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227543--42077-3310609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
652 Jahre 1883 eine Fluth der rohesten Angriffe und Gassenjungen-Schimpfereien gegen die „Bolksztg." Ich habe Herrn Stöcker dafür zu fassen gesucht; aalglatt hat er sich mir entwunden, mit der Behauptung, daß er, der Präsident und der geistige Quell der Christlich-Socialen, nicht verautworlich sei für ihr osficielles Lrgan. Als ich ohne Rücksicht aus jene Winkelzüge ihn ernsthaft zur Rechenschaft ziehen wollte, da schlug er sich den Talar um seine Glieder und der Brand- 1 redner war wieder plötzlich der Hofprediger! (Hört! Pfui!) Bald darauf erhielt ich einen Warnungsbrief, welcher ankündigte, daß sich eine Rotte von Buben zusammengethan, um mich auf offener Straße zu überfallen und ihren Herrn und Meister zu rächen. (Pfui!) Das ist die Gesellschaft, zu der mich Professor Wagner einladet. (Beifall.) Ich hätte da nur sehen können, wie weit ein deutscher Professor sich vergessen, wie tief er sinken kann! (Stürmischer Beifall.) Herr Stöcker schimpft allwöchentlich auf die Unzucht der Sprache, aber er war still zugegen, als Herr Wagner jene Worte sprach, die selbst confervative Blätter nicht zu billigen vermochten. Und wie spricht Herr Stöcker? „Bubengefellschaft, Preßbuben, Judenlümmel, Kloake, Jauche rc. rc." — ist das keine Unzucht der Sprache? (Ja wohl!) Was Herr' Stöcker will, sagt er nicht, was er thut, sieht Jedermann und wohin seine Bestrebungen zuletzt führen müssen, kann Niemand zweifelhaft sein. Wenn aber einmal ein Funke ins Pulverfaß fällt, dann wäscht er seine Hände in Unschuld. Hoffen wir, daß das Volk reif genug ist, um nicht einer Demagogie in die Hände zu fallen, welche allerdings mit mehr Geschick und Raffinement arbeitet, als irgend eine ihrer Vorgängerinnen. (Sehr wahr!) In diesem Wahlkreis, wie nirgends sonst, verkörpern schon die Namen Virchow und Stöcker die großen Gegensätze. Herr Stöcker sagt zwar: Virchow stehe nicht in seiner Compagnie; wir aber antworten: Fest steht er und treu auf der Wacht, auf welche ihn das Volk gestellt hat und es wird unser Stolz und unsere Freude sein, daß wir ihn wieder dorthin stellen werden! (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) Die Gegner begnügten sich mit energischem Zischen; trotz mehrfacher Aufforderung ergriffen sie in der Discussion nicht das Wort. Nach kurzer Debatte trennte sich die Versammlung mit stürmischen Hochs auf den freisinnigen Candidaten Professor Virchow. Würden die Conservativen des I. und II. Berliner Wahlkreises die Candidatur Stöckers und Wagner» aufrecht erhalten, so hätten sie sich mit dem Antisemitismus identificirt, und das thäte uns um ihretioillen leid! Jndeß ist hinsichtlich Stöcker's schon ein Schwanken eingetreten. (S. Berlin.) Am 26. Abends sprach vr. Virchow zum ersten Male in dieser Wahlperiode zu seinen, in überaus großer Zahl | versammelten Wählern des II. Wahlkreises. Er sprach in sehr ruhiger, gemessener Weise, und sagte unter Anderem: i Wir haben offen und ungeschminkt Herrn Stöcker dafür verantwortlich gemacht, daß er derjenige gewesen ist, der jene Bewegung zuerst begann, die über die Grenzen unseres Landes hinauszog und in Rußland und anderswo Gräuel und Mord- und Todtschlag hervorgerufen hat. Herr Stöcker pflegt dies allerdings immer weit von sich abzuweisen, aber er geht doch auch jetzt noch in seiner Redeweise sehr weit, denn er hat noch in den letzten Tagen Herrn Ludwig Löwe erst einen Parlamentsjuden und Fortschritisjnden genannt. (Pfui!) Das 1 läßt sich doch nicht leugnen, daß durch jene Bewegung die Juden in dem Niveau der Achtung der Mitmenschen stark herabgedrückt worden sind und wir, die wir die Gleichheit : aller Staatsbürger vor dem Gesetz Hochhalten und keine Unterschiede unter den Staatsbürgern nach Maßgabe ihrer! Religion haben wollen, können eine solche Bewegung nicht , oft und nicht stark genug verurtheilen. (Beifall.) Es muß doch als eine Schädigung des allgemeinen Gefühls betrachtet werden, daß man es in Folge jener Bewegung in einzelnen Wahlkreisen gar nicht mehr wagt, einen Juden als Candi- . daten aufzustellen. WlOsC XA'C X&VY. Deutschland. j Berlin, 23. September. (Privatmitth.) Wenn man! sich die Candidaren der conservativen Partei in Berlin an-! sieht — Stöcker, Wagner, Cremer, denn auch der letztere ist und zwar im 5. Wahlkreise ausgestellt — so muß man einj sehen, daß sie keine große Zuversicht auf einen Sieg hat/ sondern nur durch recht laute Instrumente Lärm machen will, um ihre Existenz nicht ganz vergessen zu lassen.; Denn es giebt sicherlich viele Confervative, die mit der Wahl dieser Herren und mit dem Tone, den sie anschlagen, nicht einverstanden sind und höchstens aus Parteidisciplin ihre Zustimmung nicht versagen. Dabei ist wohl zu bemerken, daß selbst die genannten Herren nicht wie bei der vorigen Wahl ihren Antisemitismus in den Vordergrund schieben. Sogar Stöcker spricht, sichselbstrühmend, von seinen Kämpfen gegen die Fortschrittspartei, die Sozialdemokraten und dann erst gegen die Juden. Aehnlich verfahren seine Jünger, Wagner und Cremer. Der Antisemitismus als Wahlhebel; hat eben bei der letzten Wahl zu wenig ausgerichtet, als daß man ihn jetzt noch als besonders verwendbar finden mag. Cremer hielt am 20. eine Wahlrede in seiner immer ver-