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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-07 · Heft 41 (7.10.1884) · p. Seite 650

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 41 (7.10.1884)
Date
1884-10-07
Page
Seite 650 (sequence 6)
Language
German
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650 vereinigten sich, um der Entwickelung so gut wie völlig freie Bahn zu lassen. Dem gegenüber stand nur die Festigkeit der alle Lebensverhältnisse umfassenden und seit Jahrhunderten codisicirten gesetzlichen Normen und die unbedingte Autorität, welche diesen seit vielen Generationen einwohnte. Hingegen waren die Juden in eine zwiefache Bewegung eingetreten: von der einen Seite erössneten sich ihnen immer mehr und immer weiter alle Bahnen des bürgerlichen und öffentlichen Lebens, und brachten eine außerordentliche Verändcj rung in den Verhältnissen und Bedingungen des realen! Lebens für sie herbei, welche mit jenen Satzungen und den! bisherigen Gewohnheiten in die vielfachsten Conflicte kamen.! So mußten sie sich entweder dieser veränderten Lage anbequemen : und die strenge Observanz jener aufgeben oder zu den größten i Opfern ihrer Interessen sich entscheiden. Bon der anderen; Seite drang der Culturstrom in die Geister ein, in welchem der Unterricht, die Bildung, die Wissenschaft, die allgemeine Literatur ihre bisherige Auffassung in religiöser und geistiger Beziehung vielfach eine große Umwälzung bewirkten. Von hier aus ist es daher leicht erlärlich, daß sich in der jüdischen Masse und in ihren Rabbinen eine zwiespältige Richtung einstellte. Der eine Theil hielt an der Stabilität der religiösen Bräuche fest, während der andere sich allmählig von diesen entfernte und im Geiste sich immer mehr loslöste. Es versteht sich, daß dies nur nach und nach fortschritt, da einentheils die älteren Geschlechter in der orthodoxen Anschauung verharrten, anderentheils große Länderstriche von dieser bürgerlichen und geistigen Veränderung noch unberührt blieben. Erst mit der Zeit vermochte das rcformirte Judenthum eine gewisse Gestaltung anzunehmcn, in die Oeffentlichkeit sich hinauszuwagcn und einen festen Boden zu gewinnen. Zunächst ging die Umwandlung in den Individuen und den Familien vor sich, indem sich die Zahl derer mehrte, welche von den tradirten Satzungen und Bräuchen mehr oder weniger sich abwandten; dann trat die wissenschaftliche Bearbeitung des Judcnthums hervor und bemächtigte sich zugleich des Bolksunterrichtes, in welchem sie der Religionslehre eine methodische Beschaffenheit zu geben suchte. Dann aber brach das Bedürfniß eines geregelten und weihevollen Gottesdienstes durch und schuf sich geeignete Anhaltspunkte. Hier war es vor Allem eine geregelte Predigtweise, welche sich aus dem Bedürfniß der Masse heraus Raum schuf, und gerade die Kanzel war das nachhalligste Mittel, den höheren Gedanken- und Lehrinhalt der Religion zum allgemeinen Bewußtsein zu bringen und der Reform des Gottesdienstes, welcher die Gemeinden als solche noch einen langen Widerstand leisteten, die Bahn zu brechen. Sobald aber diese Reform des Judenthums in so bestimmter Gestalt und mit dem Streben sich auszubreiten, ffcrvortrat, was in den vierziger Jahren besonders durch die "Rabbiner-Versammlungen geschah, war cs natürlich, daß auch die orthodoxe Partei aus ihrer Apathie erwachte und zu einer starken Opposition gegen die moderne Richtung erstarkte. So entfaltete sich auch hier ein Kampf zweier Parteien, von denen die eine die unbedingte Verpflichtung auf das tradirte Gesetz aufrecht erhielt, die andere, ohne den historischen Boden des Judenthums zu verlassen, diese Verbindlichkeit den Verhältnissen und Bedürfnissen der Zeit, der freien wissenschaftlichen Forschung und dem individuellen Gewissen untergeordnet ansah. Daß in dieser letzteren Richtung sich verschiedene Standpunkte näherer oder weiterer Begrenzung bildeten, versteht sich von selbst, sowie daß auch einige Versuche radikaler Umwälzung zum Vorschein kamen, ohne jedoch wesentlichen Einfluß zu erlangen. Andererseits konnten auch die Orthodoxen in den Ländern, in welchen die Juden sich der allgemeinen Culturbewegung angeschlossen, weder in ihren Lebensgewohnheiten, noch in ihrem Gottesdienste sich den Einflüssen der Reform ganz entziehen. So kam es denn auch, daß dieser Streit in vielen Gemeinden den Frieden störte, indem die eine oder die andere Partei je nach der Mehrheit, die sie gewonnen, ihre Ansichten im Gottesdienst und in den Ge-! meinde-Jnstituten durchführen wollte, die andere sich widersetzte. Bewirkte dies schließlich geradezu eine Spaltung in; zwei Gemeinden, ja in Ungarn zu zwei Gemeindegruppen, so können wir gerade von Deutschland, wo doch die ganze ■ Reformbewegung ihren Anfang genommen, sagen, daß im Gefühle der Zusammengehörigkeit und im Verlangen nach Einigkeit in den bei Weitem meisten Gemeinden man sich gegenseitig verständigte, und der allmähligen Entwickelung den Vorzug gab vor der, den Gemeinden gesährlichen Spaltung und radikalen Umänderung. So kam es, daß dieser Kampf im Schooßc des Judenthums seine Heftigkeit verlor, ohne daß natürlich hiermit die inneren strittigen Elemente vorhanden zu sein aufhörten. Wir haben mit diesem in kurzen Strichen entworfenen Bilde zur Anschauung bringen wollen, daß dieser sogenannte „Culturkampf" keine zeitweilige Erscheinung ist, die ihren Ursprung gewissen politischen Richtungen und momentanen Maßnahmen verdankt und mit diesen wieder verschwinden würde. Er besteht vielmehr feit langer Zeit und ist in der geistigen Entwickelung der Menschheit auf allen Gebieten des Lebens begründet und wird erst durch eine noch lange Geistesarbeit zu einem bestimmten Ziele gelangen. Der Serliner Antisemitismus. in. Der Berliner Antisemitismus konzentrirt sich gegenwärtig auf die Wahlbewegung im I. und II. Berliner Wahlkreise und spitzt sich immer mehr zu einem persönlichen Streite zwischen

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