Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1884)
- Date
- 1884-10-07
- Page
- Seite 649 (sequence 5)
- Language
- German
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649 in Frankreich, Belgien und Italien nur um so stärker, wähin diesen eine starke hierarchische Organisation nicht vorhanrend sie in Deutschland, Oesterreich und Nordamerika keinen j den ist, die Staatsgewalt deshalb höchstens auf den passiven Platz fand. In Frankreich stehen die klerikalen und antiklc- > Widerstand eines Bruchtheiles stoßen kann, und der unmittelrikalen Parteien einander schroff gegenüber und die letztere! bare Einfluß der Staatsregierung ein unbestrittener ist. Dabeherrscht die republikanischen Institutionen, wenn auch i gegen liegt es in der Natur des Protestantismus, daß die momentan die französische Regierung einen gewissen Frieden! Spaltung zwischen Orthodoxie und Ausklärung nicht bloß in mit der römischen Curie einzuhalten sucht. In Belgien hin-! der Laienwelt, sondern auch in der Geistlichkeit selbst vor sich gegen hat die Spaltung das Volk in ziemlich gleiche Hälften ' geht, und wir sehen deshalb innerhalb der protestantischen getrennt, so daß die Regierungsgewalt von der einen zur an-! Kirchen selbst die verschiedenen Richtungen abwechselnd die deren durch augenblickliche kleine Majoritäten übergeht. In! Oberhand gewinnen; wirschen sie nach dieser Hinsicht hin in Italien vermochte derKlerikalismus nicht, die weltliche Herrschaft einer gewissen Abhängigkeit von der jeweiligen Richtung der des Papstes ausrecht zu erhalten oder wieder herzustellen: die > Staatsregierung stehen. So hatte sich von der Zeit Friedrich allgemeine Tendenz im Volke ist dem Ultramontanismus I des Großen her der Rationalismus, d. i. der Gegensatz gegen nicht günstig, ohne daß es jedoch in kirchlicher Beziehung zu j die von den Reformatoren ausgcgangene Formulirung des einem äußerlichen Bruche gekommen. Allerdings konnten, Bekenntnisses, welcher eine freie Behandlung der Dogmen unter diesen Zeitverhältniffen die Grundsätze des auch durchI forderte und durchzusühreu suchte, weithin verbreitet und eine das Vaticanum sanktionirten Syllabus zu keiner aktuellen gewisse Herrschaft erlangt. Trotz der Periode der Feindselig- Geltung kommen; aber sie müffen doch als die principiellen feit gegen den Rationalismus unter dem Wöllncr'schen Re- Tendenzen des Ultramontanismus angesehen werden und! gime während der Regierung Friedrich Wilhein II., behielt zeigen diesen also im Gegensätze zu der Gesetzgebung des j jener in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts die modernen Staates, zu den Grundsätzen der neueren Gesell-! Oberhand, bis er in den dreißiger und vierziger Jahren seiner schaft, zu der geistigen Entwickelung der Neuzeit und ihrer Gegnerin das Feld räumen mußte. An die Stelle des Ra- Wiffenschast: es besteht also hierin ein wirklicher Kampf tionalismus trat eine ernstere wissenschaftliche Forschung, die gegen die Cultur der gegenwärtigen Welt. Hierin lag auch sich später auch von dem Schleiermachcr'schen Mysticismus frei die Ursache, aus welcher der speciell so genannte Culturmachte und den Kampf gegen die Orthodoxie und den Pietis kampf entspringen mußte. Die Kirche macht Ansprüche aus^mus führte. Wer in der jüngsten Zeit diesem Gegenstände Gebiete, welche der Staat als ihm zugehörig ansieht und einige Aufmerksamkeit gewidmet hat, weiß, daß der Streit ansehcn muß: es sind dies namentlich die Schule, das Ehe-! mit wechselnden Chancen geführt wird, je nachdem liberale recht und der Bestand der Güter zur todten Hand. Der! oder reaktionäre Tendenzen zum Durchbruch kommen, und Staat in seiner Machtfülle legte durch seine Gesetzgebung und j daß, während die protestantische Geistlichkeit in ihrer Mehr- Institutionen die Hand auf diese Gebiete, welche die Kirche; heit der Orthodoxie angehört, die Universitätslehrer und die nicht aufgeben will und immer wieder zu erobern trachtet.; Laienwelt viel mehr aus der entgegengesetzten Seite sich be- Wir erinnern z. B. an die durch die französische Gesetzgebung > finden. Auch hier haben Vermittelungsvcrsuche keinen Erjüngst zngelassene Ehescheidung, wogegen der Papst Protest | folg gehabt und währt der Streit ohne jeweilige Aussicht einlcgte, an das in den letzten Tagen promulgirte belgische j aus eine dauerhafte Ausgleichung fort. Stehen sich doch selbst Schulgesetz, welches einen großen Sieg des Ultramoutanismus > in der viel fester organisirten anglikanischen Kirche die Parbedeutet und gegen das wiederum ein großer Theil des bel-! teien gegenüber, deren eine sich — wie die Puseyiteu — dem gischen Volkes heftige Protestation erhoben hat. Es ist natürlich, i Katholicismus zuneigt, während die andere sich dem deutdaß unter solchen Umständen der Staat im Streite gegen die | schcn Protestantismus nähert. — Kirche bisweilen zu weit geht und Maßnahmen trifft, welche! Wenden wir uns nun zum Judenthume. Es würde die Religionsfreiheit verletzen, und gegen die dann der Kamps: der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir verkennen wollten, der streitbaren^' Kirche^ vom katholischen Theile des Volkes! daß ein ähnlicher Kamps innerhalb unseres Judcnthums vor unterstützt wird. So lodern die Flammen dieses Streites! sich gegangen und noch geht. Hier jedoch waltet der Vorzug bald hier, bald dort heftig aus, stören den inneren Frieden' einer völlig freien Entfaltung ans seinem eigenen Innern der Völker, verzehren viele Kräfte, deren Anschauung nach! heraus vor. Der Mangel an jeder Conccntration und das anderen Seiten hin nützlich wirken tvürdcn und werden noch Ganze oder auch nur größere Theile umfassenden Organisation, lange hin nicht zum Erlöschen kommen.! sowie der Wegfall jeder Bevormundung seitens der Staats- Ein gleicher innerer Kampf, der sich jedoch nach Außen gcwalt, die Autonomie jeder constituirten Gemeinde, endlich in viel schwächeren MaßeiO kundgab, fand auch in den pro-! das Fehlen jeder äußeren Machtmittel und selbst dieAbhängigtestantischen Kirchen statt. In schwächeren Maßen, weil feit der Rabbinen von ihren Gemeinden, alle diese Momente