Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1884)
- Date
- 1884-10-07
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
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Du, Ewiger, der in Barmherzigkeit das Hallen des Schophars seines Volkes Israel hört." Hierbei wollen wir nur noch die Bemerkung machen, daß selbst in diesem Theile des Gebetes jede Wehklage, jeder Trauerton über das Schicksal Israels fehlt. Es wird nur die Befreiung und Zurückführung der weithin zerstreuten Kinder Israels nach dem Lande der Verheißung erwähnt- und als sicher der Zukunft angehörig ausgesprochen, ohne die damaligen traurigen Geschicke des Volkes zu schildern. Auch hierdurch bewährt der Verfasser den auf die Gesammtheit und die Zukunft gerichteten Blick und den richtigen Takt, mit welchem er das ganze Gebetstück von seiner Gegenwart loslöst, um es für alle Zeiten zu befähigen, die Gedanken und Gefühle seiner Glaubensgenossenschaft vor Gott auszusprechen. — So glauben wir nicht zu irren, wenn wir meinen, daß es in keiner Religion und Confession ein seit 17 Jahrhunderten übliches Gebetstück giebt, welches in gleicher Weise von solcher Reinheit und Erhabenheit der religiösen Idee durchweht und getragen ist. Die Lulturkämpfe unserer Zeit. Mit dem Worte „Culturkampf" verhält es sich eigentlich wie mit dem „Antisemitismus". Das letztere ist nicht allein unwissenschaftlich, sondern auch thatsächlich unwahr. Dem Sinne nach ist er ja nur eine Verkleidung des Juden- Hasses und der Judenverfolgung und will nun die Juden, die ebenso lange die europäischen Länder bewohnen wie die gegenwärtigen Völker und seit mehr als anderthalb Jahrtausenden in allen diesen Ländern heimisch sind und an dem Geschicke der Nationen und Staaten, an deren Freud und Leid, Sieg und Niederlage den vollsten Antheil hatten, als einen fremden Stamm, als einer fremden Race entstammt, bezeichnen. Gegen diesen Ausdruck also protestirend, können wir uns desselben doch nicht entschlagen, da er einmal in allgemeinen Gebrauch gekommen. Das Wort Culturkampf bezeichnet eigentlich den Kampf mittelalterlicher Mächte und Parteien gegen die Cultur, gegen die Fortschritte und Herrschaft der Civilisation. Das müßten aber doch wohl die Träger und Vertreter dieser Parteien nicht zugestehen, da sie selbst von ihrem Standpunkte aus ihre Doktrinen und Ziele für die rechte und wahre Cultur ausgeben. Aber das Wort ist da und wird daher allseitig acceptirt. Im Besonderen jedoch versteht man unter „Culturkampf" den Streit der orthodoxen Kirchen und Consessionen gegen die moderne Entwickelung in Wissenschaft und Leben, theils wie diese im eigenen Schoße vor sich geht, theils wie sie durch die Staatsgewalt vertreten wird. Hier begeht man nun häufig den Jrrthum, den „Culturkampf" als ein Erzeugniß der jüngsten Zeit anzusehen und so gewissermaßen als isolirt zu betrachten, während er bereits eine lange Vergangenheit hinter sich hat. Doch wir beschränken uns in unserer heutigen Betrachtung aus die neuere Zeit. Dieser Kampf fand in allen Religionen und Kirchen statt, die auf dem europäischen Boden bestehen. Am lebhaftesten jedoch ging und geht er in der katholischen Kirche vor sich. Im Lause des vorigen Jahrhunderts trat in dieser eine tiefgehende innere Spaltung ein. Die fortschreitende Cultur im Leben, in der Philosophie und Wisienschaft brachte in der gebildeten Welt einen antikirchlichen, ja antireligiösen Sinn hervor, und der Druck, den die Vorrechte der Geistlichkeit auf das Volk ausübten, entfremdete auch dieses der Kirche. Aber auch innerhalb der katholischen Geistlichkeit selbst drang aus dieser Culturbewegung ein humanerer Geist durch, der nicht bloß in den subalternen Geistlichen, sondern auch in der Prälatur und selbst in der römischen Curie Platz griff und z. B. die Aufhebung des Jesuitenordens und die Erlaubniß für Laien, katholische Bibelübersetzungen in der Volkssprache zu lesen, bewirkte. Diese allmälige Entwickelung wurde jedoch durch die französische Revolution und ihre Folgen abgebrochen. Die bisher latente Spaltung trat ans Tageslicht, und die Verfolgungen und Beschränkungen der hierarchischen Gewalt waren so heftig, daß die letztere zum vollen Bewußtsein der ihrer Existenz drohenden Gefahren kommen mußte. Mit dem Sturze der Napoleonischen Herrschaft und der neuen Herrschaft der Reaction richtete sich deshalb die katholische Hierarchie wieder auf. Sie hatte erkannt, daß sie mit der Geistesrichtung der modernen Welt keinen Frieden zu schließen vermöge, daß alle Concessionen ihrerseits die Forderungen der Gegner nur verstärken und daß deshalb hier nur ein Entweder-Oder gelten könne. Auf diesem Wege erblicken wir nun den römischen Ultramontanismus seit 1616 Schritt vor Schritt vorschreiten. Ter Wiederherstellung des Kirchenstaates folgte die Wiederherstellung des Jesuitenordens; der sogenannte katholische Liberalismus, der sich in Frankreich feit 1830 erhoben hatte, eine Versöhnung des Katholicismus mit den liberalen Ideen anstrebte und Männer wie Lamenais, Lacordaire, Montalembert, Falloux, u. A. in seinen Reihen zählte, wurde unterdrückt. Die Entschiedenheit der römischen Curie erfaßte die ganze katholische Hierarchie und vollendete ihren Weg bis zum Syllabus und dem Unfehlbarkeitsdogma des vatikanischen Concils. Sie war innerhalb ihres großen Kreises überall siegreich, und vermochte selbst die Opposition vieler Bischöfe gegen das letztgenannte Dogma zu beugen. Der im Gegensatz ausgetretene Altkatholizismus fand nur einen sehr beschränkten Boden, den er zu erweitern nicht vermag. So steht die ultramontane Kirche gegenwärtig wieder in einer solchen Machtfüllc da, die sie zum andauerndsten Kampfe befähigt und jeden Angriff nachdrücklich abzuwehren im Stande ist. Hierdurch wurde jedoch die Spaltung in den katholischen Völkern, namentlich