Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1884)
- Date
- 1884-10-07
- Page
- Seite 646 (sequence 2)
- Language
- German
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646 besondere Betrachtung. Selbstverständlich fasten wir hierbei nur die großen Zwischensätze ins Auge. Ihr Verfasser ist bekannt. Es war dies der berühmte Rab, dessen Name eigentlich Abba Areka und der im Jahre 165 der gew. Zeitr. geboren war und 247 verstarb. Er gründete das Lehrhaus in Sura, welches fast 8 Jahrhunderte der Sitz der jüdischen Wissenschaft wurde. Aber außer seiner anerkannten Thätigkeit als Lehrer und Richter zeichnete er sich auch durch hohen Charakter, persönliche Tugenden und tief religiöses Gemüth aus. So viele Jahrhunderte schon hindurch erfüllen also diese Gebetstücke, 'Geschlecht nach Geschlecht, den jüdischen Beter mit tiefer Andacht und religiöser Erhebung. Das in die genannte Thephillah eingeschobene Gebet umfaßt drei Abschnitte, deren jeder aus zwei Absätzen besteht. In jedem ersten Absatz werden allgemeine Gedanken ausgesprochen und hieran eine Reihe von Stellen aus allen drei Theilen der h. Schrift gefügt; im zweiten Absatz wird der Hauptgedanke in eigentliche Gebetform gekleidet und schließt derselbe mit einer Benediktion. Die Gedanken, denen diese drei Abschnitte gewidmet sind, sind: im ersten Gott als Schöpfer und Regierer der Welt, im zweiten Gott als Vorsehung und Vorausbestiinmung, im dritten Gott als Erlöser durch die Offenbarung und die geschichtliche Zukunft. Charakteristisch ist hierbei, daß dieses Gebet ebensowohl aus ganz allgemeinem Standpunkte, auf dem des ganzen Menschengeschlechts, ja des ganzen Universums sich befindet, dann aber hiermit auch das Bewußtsein der eigenthümlichen Stellung Israels verbindet, als des Volkes, das in der ganzen damaligen Menschenwelt allein den einzigen Weltengott erkannt hat und anbetet, und hierdurch zu der Gottheit in einer näheren Beziehung steht. Wir sehen also hier die von den Propheten ausgegangene Erkenntniß und Anschauung in einer, für jene Zeit gewiß merkwürdigen Entwickelung, wie sie in ihrer Reinheit und Vollständigkeit dem gegenwärtigen Geschlechte wieder zum vollen Bewußtsein gekommen ist. Von irgend einer Ausschließlichkeit, von einer engeren nationalen Austastung ist hier durchaus nicht die Rede, und so können wir auch dieses Gebet aus dem 2. Jahrhundert der gew Zeitr. den Gegnern und Verleumdern des Judenthums als unumstößlichen Beweis entgegenhalten. Der erste Abschnitt beginnt mit dem „Alenu", in welchem die obengezeichnete Anschauung sofort auf's Kräftigste ausgesprochen und an die Spitze des ganzen Gebetstückes gestellt wird. Da alle damaligen Völker in Vielgötterei und Götzenanbetung versunken waren, so liegt es den Bekennern des Judenthums ob, die Lobpreisung des „Herrn des Alls, des Schöpfers der Welt" auszusprechen, worin der besondere Beruf des israelitischen Volksstammes beruhe. Der Gottesbegriff als Schöpfer und Regierer der ganzen Welt wird hier und durch den ganzen Abschnitt in dem Worte p?;: und abstr. mro ausgeprägt, wobei zugleich seine Allheiligkeit hervorgehoben wird. Bon hier aus weiß der Beter Gott nur zu preisen als den Weltgeist, der „die Himmel ausgespannt, die Erde gegründet, den Sitz seiner Allmacht im Himmel droben und in den höchsten Höhen gebreitet hat." Alsdann (mp; p wird die Hoffnung mit tiefer Innigkeit ausgesprochen, daß unter der Leitung der göttlichen Weltordnung Cp>' m.NDi) bald alle Götzengreuel von der Erde verschwinden, alle Menschensöhne den Einig-Einzigen anrufen, alle Frevler der Erde sich zu Ihm wenden, alle Bewohner der Welt erkennen werden, daß vor Gott allein sich jedes Knie beugen und vor ihm jede Zunge schwören müsse, so daß Allesammt die Gebote Gottes aus sich nehmen werden. Dies ist es, was in diesem Gebete unter der mr rro^D „Regierung des Allmächtigen" verstanden wird, und Jedermann muß zugestehen, daß es eine höhere, allgemeinere, die ganze Menschheit umfassendere Auffassung aus dem Gebiete der Religion und der Sittlichkeit nicht geben könne — wie schon bemerkt, von confessioneller und nationaler Beschränkung keine Spur, sondern der Blick auf die ganze Menschheit und deren Zukunft gerichtet. Man wird die Zeitumstände, unter welchen dieses Gebet abgefaßt und in den jüdischen Gottesdienst aller Orten und Zeiten eingeführt wurde, wohl berücksichtigen müssen, um die ganze Höhe und Erhabenheit desselben zu würdigen. Der Tempel lag seit mehr als einem Jahrhundert in Asche, Jerusalem in Trümmern, das jüdische Volk in alle Lande zerstreut, zum Theil als Sklaven verkauft, überall angefeindet und bedrückt. Hatten doch erst kurz vorher die hadrianischen Verfolgungen sich wieder etwas gemildert. Aber der echt religiöse und sittliche Geist des Judenthums siegte in seinem Innersten über alle diese feindlichen Elemente und erhob sich zu der freiesten und unbedingtesten Auffassung von Religion und Humanität. Und wir wiederholen: war dieses Gebet auch aus der Seele eines Einzelnen geflossen, durch die bereitwillige Aufnahme in den Gottesdienst seitens des ganzen jüdischen Stammes und den hohen cultuellen Werth, den auch die Masse auf dieses Gebet legte, hat sich diesö des Inhalts desselben theilhaftig gemacht und kann ihn als ihres Geistes, ihrer Gesinnung, ihrer Anschauung beanspruchen. Hieran schließt sich nun eine Reihe Schriftstellen aus der Thorah, den Chethubim und den Propheten, in welchen Gott als gepriesen wird, besonders auch die prächtige Stelle aus dem 24. Psalm: „Hebet ihr Thor' Eure Häupter, l Erhebt euch, ewige Pforten, j Daß der König der Ehren zieh' ein!! Wer ist Er, der König der Ehren? > Der Ewige, stark und gewaltig,! Der Ewige, gewaltig im Kampf. > Hebet ihr Thor', Eure Häupter, 1 Hebt sie, ewige Pforten