Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1884)
- Date
- 1884-09-30
- Page
- Seite 640 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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640 mcijter erklärte sich Wilhelm unschuldig; allein jener berief sich auf den Talmud, wo cs angeblich heiße, man solle das Eigenthum der Christen vernichten, darum mußte Wilhelm ein Brandlcger sein. Nach mehrtägiger Untersuchungshast Wilhelm» gestand die Magd die Verleumdung. Gegen dieselbe wie gegen den Bürgermeister erfolgt die Strafanzeige, Aus Galizien, im September. Von allen Kronländern liegen die jüdischen Verhältnisse am meisten in Galizien im Argen, und dies ist besonders mit den Gemeindezuständen der Fall. Es ist daher ein lobenswerthes Unternehmen des Lemberger „Israelit^ wenn er Licht in dieses Chaos zu bringen versucht. Er hat eine Reihe von Artikeln darüber begonnen, aus deren erstem wir folgende Stellen entnehmen: „Es handelt sich hier um eine Angelegenheit, deren Dringlichkeit schon lange anerkannt ist und die mit jedem Tage wächst. Namentlich scheint uns dieses von den galizischen israelitischen Cultusgemeinden zu gelten, bei denen, wie kaum in irgend einem anderem Kronlande, die heilloseste Verwirrung und Unordnung großenthcils herrscht, und die einen bedeutenden Theil der Landesbevölkerung umfassen. Wir verkennen keineswegs die Schwierigkeiten, die sich gerade in Galizien, wo der Gegensatz zwischen den „Frommgläubigen", und der Fortschrittspartei so schroff ist, einer besriedigenden Lösung der Regcluugsausgabe entgegenstellen; glauben jedoch, daß dieselben nur darum so schwer überwindlich scheinen, weil man sich in der Regel bald aus den einen, bald auf den andern Standpunkt der streitenden Parteien stellt, während es sich vor Allem und hauptsächlich darum handelt, die Lösung der Ausgabe einzig aus Grund der realen Verhältnisse und der wirklichen durch Erfahrung constatirten Bedürfnisse, im Sinne der Staatsidee, durchzusühren." — Weiterhin heißt es: „Was uns betrifft, so glauben wir, daß die richtige Lösung dieser Frage keinerlei doctrinäre Schablone, sondern vor allem die Erkenutniß der Ursachen erfordert, welche die Unordnung und die Uebelstände aus dem fraglichen Gcbiete erzeuge». Rur wenn hierüber Klarheit geschaffen wird, wird man im Stande sein, die passenden Mittel und Normen zu finden, um bessere Zustände herbcizusühren. Gestützt aus unsere vieljährigen Erfahrungen und Wahrnehmungen, glauben wir die Ursachen der schlimmen Zustände in den meisten galizischen isr. Cultusgemeinden hauptsächlich aus drei Punkte zurückführen zu können: 1. Ten Mangel genügender und gesicherter Religionssonde zur Erhaltung der Cultusgemeinde-Jnstitutionen. 2. Ten Mangel eines über den isr. Cultusgemeinden stehenden autonomen Organs in religiöser und administrativer Hinsicht. 3. In der Zulassung der Bildung von jüd. Vereinen mit Zwecken oder Nebenzwecken, einzelne Agenden der isr. Cultusgemeinde unabhängig von derselben zu besorgen. (Was den ersten Punkt betrifft, so leiden die Gemeinden außerhalb Galiziens nicht weniger daran, und wie sollen diese mit einem Male beschafft werden? Der zweite Punkt enthält bei dem schroffen Gegensatz der Parteien die größten Schwierigkeiten, denn jede derselben wird dieses Organ für sich in Anspruch nehmen, und wie wird es im Schooße desselben aussehen? Der dritte Punkt kann am leichtesten durch ein straffes Statut und eine Aufsicht über dessen Ausführung beseitigt werden. Red. d. Allg. Ztg. d. Jthms.) Frankreich. Paris, 10. September. (Privatmitth.) Bekanntlich erschien auch hier, freilich nur eine ganz kurze Zeit, eine judenfeindliche periodische Schrift „.^ntisemitigue", als deren Redacteure die Brüder Claude und Jules Morel zeichneten. Diese säubern Herren Redacteure standen in Folge einer Erpressung, deren Opfer ein Graf war, jüngst vor dem Strafgerichte. Bei der Schlußverhandlung stellte es sich heraus, daß Claude Morel, der hier angab, er sei „bevollmächtigter Minister" in Rumänien gewesen, schon dreimal fallirt und sechsmal bestraft war. Jules Morel weist „nur" fünf Bestrafungen aus. Die beiden Sünder wurden zu je zwei Jahren Gcsängniß und tausend Francs Strafe verurtheilt. Paris, 18. September. (Privatmitth.) Die Alliance israelite universelle hat soeben ihr Bulletin über das erste Halbjahr 1884 ausgegeben. So viel interessantes Detail der Bericht auch enthält, haben wir doch an dieser Stelle nichts besonders hervorzuheben und werfen nur einen Blick auf die Einnahmen und Ausgaben vom 1. Januar bis 1. Juni 1884. Die Einnahmen beliefen sich auf Fcs. 231923, worunter die regelmäßigen Beiträge Fcs. 135 872 betrugen, u. A. spendete Baron von Hirsch behufs des gewerblichen Unterrichts für Knaben und Mädchen die Summe von Fcs. 21892. Die Ausgaben beliefen sich auf Fcs. 189 904. Angekaust wurde vom Ueberschuß für Fcs. 15 000 Werthpapiere, Fcs. 16 335 für die Schulen aus das 2. Semester zurückgelegt und Fcs. 10 662 in Caffa behalten. Der Capitalfond beläuft sich auf Fcs. 259 578. Hiernach befinden sich die Finanzen der Alliance gegenwärtig in einem sehr befriedigenden Zustande, wie kaum früher. Zugleich übersieht man die finanziellen Mittel derselben, von denen die Antisemiten so ungeheuerliche Phantasien verbreiten. Rußland. Aus Rußland, 10. September. (Privatmitth.) Unlängst ist seitens der residenzlichen Polizei wieder eine Maßregel ergriffen worden, welche ohne Zweifel baldigst auch anderweitig Nachahmung finden wird und die, sollte sie die Sanction der betreffenden höhern Instanz erhalten, was übrigens, dank der gegenwärtig herrschenden Strömung gegen Juden als