Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1884)
- Date
- 1884-09-30
- Page
- Seite 639 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227542--42063-3310594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
durchging: „Ein Wort über den Culturkampf. Derselbe geht zwar den Reichstag nichts an, er erstreckt sich nur auf Preußen. In den süddeutschen Staaten haben wir keinen Culturkampf. Einen freisinnigeren Menschen in religiöser Beziehung, als mich, finden Sie nicht. Keine Confession giebt in moralischer Beziehung der andern etwas nach und darum mag jede ihre Altäre bauen, wo und wie sie will, wenn es nur in friedlichem Geiste geschieht. Der Friede geht mir über Alles. Es ist die Pflicht des paritätischen Staates, dafür zu sorgen, daß keine Confcssion die andere vergewaltige oder dem Staate über den Kopf wachse. Die Stunde wollen wir freudig begrüßen, wo allerorten die Friedenspalmen wehen. Die Wege, welche das Centrum einschlägt, find dazu nicht die richtigen. Vom paritätischen Standpunkte aus ist diese zusammengewürfelte Partei eine unerträgliche Erscheinung; fie schadet in gleichem Maß dem Vaterland wie der Religion. (Sehr richtig!) Es versteht sich von selbst, daß ich ein Feind des Antisemitismus bin. Wäre ich ein Schüler Talleyrand's, so würde ich sagen: Der Antisemitismus ist nicht allein ein Verbrechen; er ist eine Dummheit. Durch volle Gleichberechtigung der Israeliten wollen wir den sich vollziehenden socialen und politischen Berschmelzungsproceß befördern. (Lebhaftes Bravo.)" AuS Bayern, im Sept. (Privatmitth.) Ihr Blatt brachte kürzlich folgende Nachricht: „Frau Elise, nicht Louise, Frank in Chicago spendete 30,000 Dollars zur Erziehung armer jüdischer Waisenkinder in Privathäusern. Es ist dies die Wittwe des vor mehreren Jahren nach Amerika ausgewanderten tüchtigen Lehrers Emanuel Frank aus Aufhausen in Württemberg, und der dort bald darauf beim Uebergang über eine Brücke leider verunglückt ist. Seine durch Beerbung ihres Bruders Ries, nicht Reis, zu großem Vermögen gekommene Wittwe verdient schon darum, weil sie viele Kinder hat, eine lobende öffentliche Anerkennung, es ist auch der angegebene Zweck, der ein gesundes Princip repräsentirt, sehr beachtenswerth. Nicht ein zum Zweck der Erbauung eines eigenen Waisenhauses soll die Stiftung dienen, in der die armen Kinder nach einem Leisten und des wahren Familienlebens beraubt, in abgeschloffenen Mauern erzogen werden, deren Einrichtungen, Regie und Lehrerpersonal den größten Theil des Fonds absorbiren und die nur in großen Gemeinden bei reichen Mitteln ausführbar und haltbar sind, sie sollen in der Familie, die beliebig, und für die Verhältniffe paffend der Verwaltung bekannt ist gegeben und im nichtentsprechenden Falle zu jeder Zeit wieder genommen werden können, wobei sie es weniger fühlen, daß sie unglücklich und von Vater und Mutter verlaffen sind. Es verdient unseres Erachtens dieses System auch bei uns deutschen Juden von Gemeinden und Privaten, welche in diesem Stücke etwas leisten wollen, eine Berücksichtigung. Mit ihm kann auch in kleinen Kreisen dem Zwecke der Waisenversorgung Großes geleistet werden. .Einen sprechenden Beweis liefert hierzu das von dem bayerschen allgemeinen Lehrerverein ins Leben gerufene Waisenstift, welches seit seinem Bestehen eine große Anzahl Schullehrerwaisen in guten Familien mit verhältnißmäßig kleinen Kosten untergebracht hat zu allgemeiner Zufriedenheit. Nebenbei sei noch bemerkt, daß auch jüdische Waisenkinder daran gleichen Antheil haben. — Nachschrift d er Redaktion. Wir haben uns schon früher ebenfalls für das von unserem gesch. Correspondenten befürwortete System der Waisenerziehung in Familien ausgesprochen, und stützten uns dabei aus die Erfahrung, die wir als Stadtverordneter in Magdeburg im Allgemeinen und in unserem Rabbinate im besonderen gesammelt hatten. Allein wir verhehlen nicht, daß dieselbe Erfahrung uns gelehrt, wie schwer es ist, für jüdische Waisen paffende Familien zu finden, die sie aufzunehmen — auch gegen Bezahlung — bereit wären. Wohlhabende Familien entschließen sich doch nicht und arme, da frägt es sich meist, ob die Kinder da gut aufgehoben seien. Wie gesagt, diese Schwierigkeit war oft kaum zu überwinden. O esterreich-Ungarn. Aus Ungarn, 14. September. (Privatmitth.) Die Rede, die der Ministerpräsident Tißa in Großwardein gehalten und die einen so lebhaften Widerhall in der Rede seines Bruders gefunden, ist außer ihrem materiellen Inhalt von nicht zu unterschätzender Bedeutung hinsichtlich der Stimmung, die sie verräth. Tißa war am Schluffe der letzten Reichsrathssession so niedergeschlagen, so von dem Hereinbrechen der Reaktion auch in Ungarn überzeugt, daß er sich vor einer Deputation seiner Wähler vollständig entmuthigt äußerte, Ungarn müßte sich vor dieser Periode der Reaktion beugen und bessre Zeiten abwarten. Wie anders jetzt! Die Wahlen haben ihm abermals eine entschiedene Majorität gebracht; alle ihm feindlichen Strömungen, die klerikale, die aristokratische, die antisemitische und die radikale, haben bei dem Volke keinen Durchbruch erfahren, sondern sind im Sande verlaufen. Tißa trägt daher das Haupt wieder hoch, und verspricht verschiedene gesetzgeberische Resormen, namentlich auch die Bekämpfung des Antisemitismus auf dem Gebiete der Presse. Ob er diese Versprechen auch erfüllen wird, muß uns die Zukunft lehren. Brünn, 16. September. Im Torfe Sloup bei Brünn brach Ende August Nachts Feuer beim israelitischen Kaufmann Wilhelm aus. Ueber die Entstehung des Feuers von den Gendarmen befragt, sagte die Magd, sie sei mit Licht in die Kammer gegangen, woselbst durch ihre Unvorsichtigkeit sich wahrscheinlich etwas entzündete. Später wurde die Magd : von mehreren Ortsinsaffen bestürmt, anders auszusagen. Vor .Gericht sagte die Magd aus, Wilhelm habe ihr unter Todeedrohungcn die Brandlegung besohlen. Vor dem Bürger 40 ::