Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1884)
- Date
- 1884-09-30
- Page
- Seite 638 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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638 — Schreisinn", den Abg. Bamberger „Bammelberger" u. s. w. Armes Berlin! solche Politiker wie Stöcker, Wagner, Henrici sind nur in Berlin zu finden, und finden nur in Berlin ein Publikum! Berlin, 22. September. (Privatmitth.) Die Wahlbewegung in Berlin, namentlich im ersten und zweiten Wahlkreise, hat, besonders durch die Herren Stöcker und Prosesior Wagner, einen Charakter angenommen, der sehr zu beklagen ist. Es muß dies selbst in den konservativen Kreisen Anstoß gefunden haben; denn das Organ Stöckers, der „Reichsbote", gesteht es selbst ein, sucht dabei Stöcker zu umgehen und die Schuld auf Wagner zu schieben, natürlich indem er die Veranlassung auf die Seite der Gegner dieses Mannes verlegt. Tie „Voss. Z." äußert sich hierüber folgendermaßen: Im „Reichs boten" lesen wir: „Wir können nicht umhin, unser Nesstes Bedauern darüber auszusprechen, daß die polnische Tebalte durch persönlrche Angrrsie in der Weise vergiftet ist, dag ein Mann, wie Herr Professor L)r. Wagner, dazu getrieben wird, in so starken Ausdrücken die in anonymen Zeiruugsarukeln gegen ihn geschleuderten Angriffe auf seine Ehrenyaftigkelt und seine wissenschaftliche Integrität zurückznweiseu! Eye Herr Professor Wagner noch in die Waylvewegung eingetreten war und ern Wort geredet hatte, wurde er von der „Votks-Zlg." in einer Reihe von Artikeln aufs heftigste und ehrenrührigste angegriffen. Von einer Provoeation konnte also gar keine Rede sein. Und der Angriff geschah aus dem Versteck der Anonymität der Preffe. „Es ist aUerhöchste Zeit, daß hier Wandel geschaffen werde." Der „ Reichsbote" thul so, als wenn Herr Professor Wagner nur in diesem Falle geschimpft hätte, während es notorisch ist, daß es keinen zweiten Gelehrten und außer Herrn Stöcker keinen Parlamentairer giebt, dessen Polemiken so mit Schimpfreden durchsetzt und gewürzt sind, wie die des Herrn Professor Wagner. Wir erinnern nur an seine maßlosen Ausfälle und Schimpfereien in seinem offenen Briefe an Herrn H. B. Oppenheim, an seinen Streit mit Dühring, an alle die Reden, die er gehalten hat, seit er nach 1d79 in die politische Arena gestiegen ist. Der Born der Schimpsreden des Herrn Wagner gegen seine Gegner ist von bewunderungswürdiger Unerschöpslichkeit." — Außerdem artet der Streit Stöckers gegen Ludwig Löwe in der von uns schon berührten Angelegenheit zu einem wahren Skandal aus, der schließlich vor dem Strafrichter zu Ende geführt werden muß. — Dagegen spielt sich der Wahlkampf im vierten Berliner Wahlkreis in anständiger Weise ab. Hier tritt der Landrath von Köller dem bisherigen Abg. Träger entgegen und beide bewegen sich nur in angemessener Weise über die politischen Tagesfragen. Herr von Köller kam in einer Wähler - Versammlung am 16. d. auf eine Interpellation auch auf die Judenfrage. Er antwortete: „daß er keinem jüdischen Mitbürger sein Aufenthalts- und Erwerbsrecht einschränken möchte, dagegen wünsche, daß speciell im Richterslande das jüdische Element nicht noch mehr um sich greife und daß auf unsere Staatsgeschäfte nur christliche Männer entscheidenden Einfluß ausübten." Man sieht, der Mann stellt sich auf den Standpunkt des Judengesetzes von 1847, und will die preußische Staatsverfaffung nach seinen engherzigen Ansichten geändert haben. Auf diesem Standpunkte wird wohl die ganze streng confervative Partei stehen. Ausnahmegesetze, Beschränkungen, welche das Princip der Gleichberechtigung durchlöchern, um zu dem Standpunkte der Vorrechte und Monopolen zurückzukehen, bilden die Elemente ihrer politischen Weisheit. — Die Socialdemokraten halten in diesem Wahlkreise an ihrem Caudidaten Paul Singer (Israelit) fest, und als jene Versammlung den Herrn von Köller als Candidaten proklamirte, ließen cs die anwesenden Socialdemokraten an Hochs auf ihren Candidaten nicht fehlen. Um die gegenwärtige Wahlbewegung recht tumultuarisch zu machen, hat ein Theil der Sccialdemokraten beschlossen, in jede Versammlung der freisinnigen Partei einzudringen und solchen Lärm anzustiften, daß die polizeiliche Aufsicht erfolge. Hiergegen hat das Wahlcomite der freisinnigen Partei Maßregeln ergriffen. Da die Wahl auf den 28. Oktober anberaumt ist, können wir uns noch auf viele stürmische Scenen gefaßt machen. Minden, 15. September. Bei der Bedeutung die leider! Stöcker sich zu gewinnen verstanden hat, wird folgende Mittheilung der „Weser-Zeitung" nicht ohne Jntereffe sein. „Wenngleich die Mehrheit der conservativen Vertrauensmänner des Reichstagswahlkreises Minden-Lübbecke die Aufstellung der Candidatur des Hofpredigers Stöcker aus guten Gründen ablehnte und den Gutsbesitzer Bock zu Rahden aufstellte, scheint doch ein Theil der in der Vertrauensmänner - Versammlung unterlegenen hyperorthodoxen Landgeistlichen, für welche Herr Stöcker das unentbehrlichste Reichstagsmitglied ist, auf eigene Hand vorzugehen und trotz jenes Beschlusses den Herrn Hofprediger auf den Schild heben zu wollen, weil dessen Wahl in Siegen angeblich sehr gefährdet ist. Bei dem agitatorischen , Charakter und großen Einfluß dieser Herren auf die Landl bevölkerung wird man sich nicht zu wundern haben, wenn i sich auch in diesem Jahre, wie bei der letzten Wahl, die konservative Partei betreffs der Persönlichkeit zunächst trennt, j Sie kann allerdings dabei nur Schaden haben und vielleicht! ihre Arbeit verdoppeln."! Neustadt a. d. Hardt, 16. September. (Privatmitth.) ' Für den Wahlkreis Neustadt-Landau (Pfalz) ist, da der bis- | herige Abgeordnete das Mandat nicht wieder annehmen will, >von nationalliberaler Seite Dr. Bürklin. Oberschulrath!; a. D. ausgestellt worden. Am 14. d. hielt er in einer sehr ■ zahlreichen Versammlung seine Candidatenrede, in der er sein; Programm entwickelte. Er äußerte, als er die concreten Fragen