Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1884)
- Date
- 1884-09-30
- Page
- Seite 635 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bromberg . . . . 11,45 12,00 6.59 Breslau . . ■ 5,37 5,04 7,62 Liegnitz... . 1,41 1,29 1,70 Oppeln . . . . 6,21 7,55 8,01 Als allgemeines Resultat ergiebt sich, daß während Id 16 i von der Gesammtzahl der Juden über die Hülste, fast 53 pCt.,! ihren Wohnsitz in Preußen und Posen hatten, im Jahre! 1880 die jüdischen Bewohner dieser Provinzen kaum noch j ein ganzes Drittel der Zahl sämmtlicher Juden der alten, Landestheile ausmachten; so ist namentlich die Zahl der, Juden in Posen und Bromberg im Verhältniß außerordentlich! herabgegangen — es wohnten 1880 in beiden Regierungs- > bezirken sogar 5373 Juden weniger als 1871 —, während! die jüdische Bevölkerung Berlins sich in gleicher Weise stark! vermehrt hat. Und damit kommen wir zu einem dritten! wichtigen Punkt, zu dem Einströmen der Juden in die Städte.1 Es wohnten von der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande: 1849 1867 1880 20,8 pCt. 23 pCt. 19 p(5t. Thatsächlich ist denn auch die jüdische Stadtbevölkerung ein Wenig stärker gewachsen als die Landbevölkerung; und die Schwankung in umgekehrter Richtung im Jahre 1867 ist aus Kosten des Erwerbes der neuen Provinzen zu setzen; dabei ist aber in Anschlag zu bringen, daß die Juden, indem sie gleichfalls stärker den Städten zuströmten, nur der allgemeinen Bewegung der Bevölkerung gefolgt sind, und in dieser ihrer Neigung ist daher ein nur ihnen ausschließlich eigentümlicher Charakterzug nicht zu erblicken. Im preußischen Staate hat sich nämlich von 1867—1880 die Bevölkerung überhaupt um 14 pCt. vermehrt; die Stadtbevolkerung aber um 30. die Landbevölkerung um 6, die größeren Städte um 71 pCt.; also auch im Gesammtbilde zeigt sich auf das Klarste das starke Anschwellen der Städte auf Kosten des platten Landes. Die der Broschüre beigefügten Tabellen sind sämmtlich aus den officiellen Angaben gezogen. Mögen nun auch die Antisemiten ihre Redensarten über das Wachsthum des Judenthums noch einige Zeit wiederholen: auch diese Angriffswaffe wird ihren Händen entfallen müssen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 17. Sept. Die Bilder aus dem jüdischen, religiösen und Familienleben, welche der sel. Oppenheim mit so vieler Liebe und so vielem Geschick geschaffen hat, fanden eine allgemeine Anerkennung und Verbreitung. Aber er hatte einen Vorgänger und zwar einen sehr würdigen. Bernhard Picart, ein berühmter Zeichner und Kupferstecher des vorigen Jahrhunderts (1663—1733) beabsichtigte ein umfassendes Werk heraus zu geben, Oerenionies et Ooutüines relig. de t0N8 les penples du. monde und als erster Theil erschien zu Amsterdam 1723: Les ceremonies des juifs, Zeichnungen, die nach der Natur ausgenommen, mit großer Treue und scharfer Charakteristik ihre Gegenstände wiedergegeben. Herr Buchhändler Durlacher in Paris hat nun diese Picart'schen Zeichnungen unter dem Titel: Scenes de la vie juive wieder herausgegeben. Sie sind durch den wegen seiner ausgezeichneten Facsimilcs berühmten Künstler Tujardin in Heliogravüre auf's getreueste reproducirt, vortrefflich gearbeitet und in einer geschmackvollen Mappe vereinigt. Es war natürlich, daß die jüdischen Cercmonien durch ihre Besonderheit und Alterthümlichkeit zu allen Zeiten aussiclen und die Neugierde der Andersgläubigen auf sich zogen. Andererseits enthält das jüdische Familienleben so viele echte Sentimentalität, daß cs in mancherlei Scenen der Darstellung würdig ist. Picart besaßt sich vorzugsweise mit den synagogalen Scenen; wir finden hier: die Ceremonie des Schofar, die Feier des Jom- > Kippur, das Sukkotfest, der Umzug mit dem Lulaf, Simchathj Thora, die Heimführung des ChatawTlwra und des Chatan- . Bereschit; das Chomezbatteln, den Sedcr, Trauungen nach ^deutschem und portugiesischem Ritus, die Bcschneidung, die Lösung des Erstgeborenen; die Hakafoth um den Sarg nach portugiesischem Ritus, die letzte Erdscholle; das Aufzeigen des! Gesetzes nach der Vorlesung, der Segen der Priester. Wenn! es Oppenheim gelungen ist, vorzugsweise den sentimentalen Gehalt der jüdischen Ceremonicn und deren innige Beziehungen zum Familienleben zur Anschauung zu bringen, so zeichnet sich Picart mehr durch Charakter und scharfe und manillffaltige Zeichnung aus. Man kann nicht leugnen, daß die Oppenheimschen Gestalten und Gesichter an einer gewissen Einförmigkeit leiden; nichts aber ist mannichfaltiger und schärfer, ohne das Typische zu verwischen, als die Gesichtszeichnung Picart's. Ihm kam zur Hülfe das Costüm jener Zeit und die holländische Localität. Die: vorliegende Sammlung hat deshalb auch einen culturhistorischen Werth. Man sieht diesen Gestalten und GesiHtern an, daß hier das Bewußtsein freierer Verhältnisse nicht fehlte, daß man sich hier nicht blos der religiösen Andacht, sondern auch der Lebensfreude ungehindert hingeben könne. So entbehren auch einige dieser Scenen der echt flamländischcn Art nicht, wie z. B. die Heimführung des Chatan-Thora u. s. w. mit brennenden Fackeln mitten durch die Haufen der Neugierigen, oder die Trauung j nach deutschem Ritus unter freiem Himmel mit Musikern,! Harfenisten, officiellen Narren u. s. w., wo selbst die Dächer mit Neugierigen besetzt sind. Die künstlerische Ausführung ist vortrefflich und so wünschen wir, daß auch das Unternehmen des Herrn Turlacher allgemeine Anerkennung finde. — Tie 16. Lieferung der Kevue des Etudes juives enthält eine Abhandlung Isidore Loeb's über zwei hebräische Manuskripte, nämlich zwei Handlungsbücher aus dem Anfang