Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1884)
- Date
- 1884-09-30
- Page
- Seite 633 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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633 iit mein Haus und werde ihn nicht fortschicken, und wenn! ich die 40 Frcs. Strafe werde zahlen müssen, so werde ich den letzten Ochsen, den ich noch habe, verkaufen und zahlen." Die antisemitische Partei in Rumänien besteht, wie überall, aus Denjenigen, die auf ihre Fahne die Devise! »I'ereut rnnnckns" geschrieben haben, die nichts zu verlierenj und viel zu gewinnen haben, aus Denjenigen, die sich gerne! bereichern möchten auf Kosten Anderer, ohne selbst zu arbeiten,! aus Denjenigen, die ihre jüdischen Koncurrenten verschwinden! machen möchten, endlich aus Solchen, die päpstlicher als der! Papst sein wollen, die nicht rein rumänischer Abstammung sind, und obwohl sie hohe Posten bekleiden, ja selbst Deputirte sind, nicht einmal ein rein accentuirtes Rumänisch sprechen. Diese sauberen Patrioten, die durch Versprechungen oder! Drohungen oft auch unschuldige Leute mit sich ziehen, wühlen, hetzen, schimpfen, verleumden und haben einen wahren Vernichtungskrieg gegen den Juden eröffnet, und die Regierung und die anderen politischen Parteien opfern in ihrer Beforgniß, ihre Partei möglichst groß zu erhalten, die Juden, lassen Jene nach Belieben schalten und walten, machen ihnen vielleicht oft gezwungen. neue Concessionen und bringen neue Restriktionsgesetze vor die Kammer. Die Deputirten wieder, theils zu jenen sauberen Patrioten gehörend, theils ihre Parteiinteressen wahrend, votiren selbe, manche gegen Ueberzeugung und Gewissen. Kurz der Jude ist, ohne allgemein gehaßt zu fein, das politische Schlachtroß geworden, das jede Partei besteigen muß, wenn sie als patriotisch bei den Schreiern Rumäniens gelten will. Die rumänischen Zeitungen hingegen, die theils Parteiblätter, theils Eigenthum jener! Sckreier sind, stimmen in den Chorus ein, daß es Einem, der mit dem Stil unserer Zeitungen nicht vertraut ist, grauen muß. _Lupta‘ (Der Kampf), ein in Jassy erscheinendes, streng liberales Blatt, scheint eine Ausnahme machen zu wollen, j Bor einigen Tagen brachte dieses Blatt einen Artikel, von! G. Panu, einem streng liberalen, bedeutenden Politiker! Rumänien's, unterzeichnet, der in der letzten Kammersession! sein Mandat als Deputirter niedergelegt hat, weil er mit dem Gebühren der herrschenden liberalen Partei nicht einverstanden ist. Er deckt manches, was hinter den Coulisscn der Kammer vorgeht, auf, tadelt in scharfen Worten dies Vorgehen gegen die rumänischen Juden und verdammt cs als illegal und inhuman. Männer seiner Ansicht giebt es viele in Rumänien. Wären die Juden in Rumänien in Wirklichkeit so allgemein gehaßt, wie der Herr Berichterstatter der „Köln. Ztg." behauptet, so würde längst kein Jude mehr hier sein. Tie grauenhaften Scenen von Rußland würden sich hier zehnfach grauenhafter abgespielt haben, denn das rumänische Volk wird seit Jahren beständig auf icn Juden gehetzt. Aber das wirkliche rumänische Volk ist ein vernünftiges, gutes, humanes Volk, es bleibt taub für die Einflüsterungen der „großen Patrioten", und wenn dennoch seinerzeit Ausschreitungen gegen die Juden vorkamen, so betheiligten sich daran bloß die Schlechtesten des Volkes, denn Schlechte giebt es ja überall; die Hauptrolle spielten immer jene den Juden feindlich gesinnten Elemente, die ich oben genannt habe. Die Regierung trifft freilich auch der Vorwurf, daß sie Jenen zu viel freie Hand läßt, und es giebt für sie keine Entschuldigung dessen, was sie an der jüdischen Bevölkerung Rumäniens begangen hat." Zum Schluffe erörtert der Vers, mit großer Sachkenntniß die Ursachen, aus welchen die rumänische Bevölkerung sich überaus langsam vermehrt, während dies bei den dortigen Juden nicht der Fall ist. Sie bestehen namentlich in der schlechten Ernährung des Volkes während der von der griechischen Kirche eingesetzten 210 Fasttage, die das Volk streng hält, in dem Mangel an Aerzten und Hospitälern, in der! späten Berheirathung und den vielen wilden Ehen :c. i Wir danken Herrn Dr. Finkelstein für seine ebenso maß-! volle wie gründliche Widerlegung, und wünschen, daß jeder solcher gehässigen Angriffe in dieser Weise entwaffnet werde. — Wir finden in dem Pariser Blatte ,Le Soir“ vom 15. September einen Artikel, welcher die oben citirten An- ' gaben des Dr. Finkelftein in allen Punkten bestätigt. Derselbe! stützt sich hauptsächlich auf die Aeußerungen des Herrn Panu! in dem Journal ,D,upta', die den schädlichen Einfluß des! neuen Hausirgesctzcs nachdrücklich betonen. Er schließt: „Es ist leicht, sich als liberal aufzuspielen, wenn die Freifinnigkeit Euch Bortheil bringt. Aus diesem Gesichtspunkte sind die größten Despoten die größten Liberalen. Schwerer ist cs liberal für Andere zu sein und die Kaltblütigkeit in keiner Frage zu verlieren. Dies ist indes der wahre Liberalismus. Jedesmal wenn wir nöthig haben, unsre Toleranz zu betonen, berufen wir uns auf das alte historische Dictum: „Der Rumäne ist immer tolerant gewesen;" und jedesmal wenn wir mit unsrem Liberalismus Parade machen wollen, rufen wir den anderen Satz zur Hilfe: „Der Rumäne ist liberal von Natur." Es wäre besser für unseren Ruf als | cultivirtcs und aufgeklärtes Volk und selbst für die Entwickc-! lung unsrer produktiven Kräfte durch concrcte Thatsachen unsre Toleranz und unsren Liberalismus zu beweisen und jene Legenden in den literarischen Sammlungen schlafen zu lassen." — Ter ehrenwerthe Mann hat Recht, und längst ist die Toleranz und der Liberalismus der Rumänen so sehr in die Brüche gegangen, daß Rumänien gegenwärtig unter die halbcivilisirten Staaten und Völker gerechnet wird. Es darf sich hierüber um so weniger beklagen, als die Nachbarstaaten Serbien und Bulgarien dem wahrenLiberalis-! mus und der gewissenhaften Erfüllung ihrer Vertragspflichten Folge geleistet haben. Mit Berufung auf den Berliner Per-